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„Zweck des Russlandfeldzugs ist die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen“

Dieses Zitat von SS-Reichsführer Heinrich Himmler ist eines von vielen deutschen und russischen Originalzitaten aus dem Hörspiel „Horchposten 1941 / я слышу войну“.

Das Werk versetzt Hörerinnen und Hörer in die Millionenstadt Leningrad (heute: Sankt Petersburg), während die deutsche Wehrmacht die Stadt mehr als zwei Jahre lang blockiert und ein großer Teil der Bevölkerung verhungert.

„я слышу войну“ ist russisch und bedeutet „ich höre den Krieg“.

Das zweiteilige Hörspiel von Jochen Langner und Andreas von Westphalen wurde erstmalig am 13. Mai 2017 vom Deutschlandfunk ausgestrahlt.

Andreas von Westphalen skizziert in einem Artikel die Strategie des Nazi-Regimes:

Der sogenannte „Generalplan Ost“ formulierte die rechtlichen, wirtschaftlichen und räumlichen Grundlagen für die Siedlungspolitik im neuen Lebensraum. Anders ausgedrückt, er war die „genozidale Strategie der ‚Germanisierung’ des gesamten ‚Ostraums’“. Das Ziel des Plans war das Ziel, „31 Millionen Menschen auszusiedeln und 14 Millionen als Arbeitskräfte und Einzudeutschende in den Siedlungsgebieten zu belassen.“ Dies entsprach ganz der Devise von SS-Reichsführer Heinrich Himmler: „Unsere Aufgabe ist es, den Osten nicht im alten Sinne zu germanisieren, das heißt dort wohnenden Menschen deutsche Sprache und deutsche Gesetze beizubringen, sondern dafür zu sorgen, dass im Osten nur Menschen wirklich deutschen, germanischen Blutes wohnen.“

Die biologische Komponente des Kriegs formulierte Himmler noch schärfer: „Zweck des Russlandfeldzugs ist die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen.“

Generalplan Ost (1940-42) der Nazi-Regierung. Karte von Lihagen 2011.

Von Westphalen ist der Auffassung, das Gedenken an die Befreiung Europas vom Faschismus werde instrumentalisiert, und weist auf große Wissenslücken der deutschen Bevölkerung zur nationalsozialistischen Kriegführung im Osten hin. Er schreibt:

Es ist mehr als wünschenswert, dass die Deutschen sich nach all den Jahren auch den blinden Flecken ihrer eigenen Geschichte stellen und sich nicht auf den Lorbeeren des „Erinnerungsweltmeisters“ ausruhen.

Das Hörspiel wird zweifellos einen Beitrag dazu leisten.

Seit 2016 ist die Bundeswehr als Teil der NATO-Kampfverbände im Rahmen der „Enhanced Forward Presence“ im Baltikum „rotierend“ stationiert. Bundesregierung und Bundestag folgten damit der militärischen Logik, dass Sicherheit nur durch Abschreckung möglich sei. Teil dieser Logik ist auch, dass die Sicherheit der russischen Bevölkerung (vor dem westlichen Militär) weniger wert ist als die Sicherheit der Bevölkerung der baltischen Staaten, die ja offizieller Grund für den Truppenaufmarsch ist.

War den westlichen Strategen, Regierungsmitgliedern und Parlamentariern, die diese gegen Russland gerichteten Maßnahmen befürwortet und beschlossen haben, klar, an welche nationalen Alpträume sie auf russischer Seite erinnern? Wenn es ihnen bewusst ist oder bewusst wird: werden sie den Mut aufbringen, nach Wegen zum Frieden durch Kooperation anstatt nach trügerischer Sicherheit durch Konfrontation zu suchen?

Der zweite Teil des Hörspiels läuft am 20. Mai 2017 um 20:05 im Deutschlandfunk.

Stefanie Intveen