{"id":11716,"date":"2018-05-14T09:55:12","date_gmt":"2018-05-14T07:55:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=11716"},"modified":"2020-11-14T23:15:12","modified_gmt":"2020-11-14T21:15:12","slug":"stanislaw-petrow-der-einsame-tod-des-mannes-der-die-welt-gerettet-hatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=11716","title":{"rendered":"Stanislaw Petrow: Der einsame Tod des Mannes, der die Welt gerettet hatte"},"content":{"rendered":"<p><em>Von\u00a0Leo Ensel.<\/em><\/p>\n<p><strong>Vor einem Jahr starb, von der \u00d6ffentlichkeit unbemerkt, der ehemalige Oberstleutnant der Sowjetarmee Stanislaw Petrow<\/strong><\/p>\n<p>Fast zehn Jahre <!--more-->hatte es gedauert, bis die Nachricht von seiner Millionen Menschenleben rettenden Nicht-Tat allm\u00e4hlich in die Welt sickerte. Und dann dauerte es nochmals Jahre, bis er langsam wenigstens einen Bruchteil der Anerkennung erhielt, die er verdient: Der ehemalige Oberstleutnant der Sowjetarmee Stanislaw Petrow hatte im Herbst 1983 durch eine einsame mutige Entscheidung sehr wahrscheinlich einen Dritten Weltkrieg verhindert und damit das Leben von Millionen, gar Milliarden Menschen gerettet.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: In der Nacht vom 25. auf den 26. September, mitten im k\u00e4ltesten Kalten Krieg, schrillte um 0:15 Ortszeit im sowjetischen Raketenabwehrzentrum bei Moskau die Sirene. Das Fr\u00fchwarnsystem meldete den Start einer amerikanischen Interkontinentalrakete. Dem diensthabenden Offizier Petrow blieben nur wenige Minuten zur Einsch\u00e4tzung der Lage. Im Sinne der damals geltenden Abschreckungslogik \u2013 \u201eWer zuerst schie\u00dft, stirbt als zweiter!\u201c \u2013 hatte die Sowjetf\u00fchrung weniger als eine halbe Stunde Zeit, den alles vernichtenden Gegenschlag auszul\u00f6sen. Petrow analysierte die Situation und meldete nach zwei Minuten der Milit\u00e4rf\u00fchrung Fehlalarm infolge eines Computerfehlers. W\u00e4hrend er noch telefonierte, meldete das System einen zweiten Raketenstart, kurz darauf folgten ein dritter, vierter, f\u00fcnfter Alarm. Stanislaw Petrow behielt trotz allem die Nerven und blieb bei seiner Entscheidung. Nach weiteren 18 Minuten extremster Anspannung passierte \u2013 nichts! Der diensthabende Offizier hatte rechtbehalten. Es hatte sich in der Tat um einen Fehlalarm gehandelt; wie sich ein halbes Jahr sp\u00e4ter herausstellte, infolge einer \u00e4u\u00dferst seltenen Konstellation von Sonne und Satellitensystem, noch dazu \u00fcber einer US-Milit\u00e4rbasis. Das sowjetische Abwehrsystem hatte diese Konfiguration als Raketenstart fehlinterpretiert.<\/p>\n<p>Was geschehen w\u00e4re, wenn Petrow zu einer anderen Einsch\u00e4tzung gelangt und dem als \u00e4u\u00dferst argw\u00f6hnisch geltenden Parteichef Andropow den Anflug mehrerer amerikanischer Interkontinentalraketen gemeldet h\u00e4tte \u2013 und dies im Vorfeld der Stationierung von US-Mittelstrecken\u00adraketen in Westeuropa und drei Wochen nach dem Abschuss einer s\u00fcdkoreanischen Passagiermaschine \u00fcber der russischen Insel Sachalin \u2013, das kann sich jeder ausrechnen, der bereit ist, die notwendige Phantasie und den Mut aufzubringen, Eins und Eins zusammenzuz\u00e4hlen. Nie hat die Welt vermutlich so unmittelbar vor einem alles vernichtenden atomaren Weltkrieg gestanden.<\/p>\n<p>Wer war dieser Mann, dem wir die Rettung unserer Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verdanken?<\/p>\n<p>Ein sowjetisches Leben in kurzen Strichen skizziert: 1939 bei Wladiwostok geboren, der Vater Jagdflieger, die Familie eines Soldaten muss oft umziehen. Sp\u00e4ter wird er selbst Berufssoldat. F\u00fcr seine weltrettende Entscheidung wurde er zuerst ger\u00fcffelt, dann weder bef\u00f6rdert noch bestraft. Den fr\u00fchen Tod seiner geliebten Frau scheint er nie verwunden zu haben. Die Journalistin Ingeborg Jacobs hat vor zwei Jahren \u00fcber ihn, die Zeit des Kalten Krieges und die ber\u00fchmte Nacht im Herbst 1983 ein kluges einf\u00fchlsames Buch verfasst.<\/p>\n<p>Als ich im Jahre 2010 zum ersten Mal von Stanislaw Petrow und den Ereignissen des 26. September 1983 erfuhr, musste ich mich erst einmal setzen. Nachdem ich endlich wieder zu mir gekommen war, mir bewusst gemacht hatte, <em>was<\/em> da eigentlich geschehen war und <em>was<\/em> ich zusammen mit der ganzen Welt diesem Mann verdanke, schossen mir folgende Fragen durch den Kopf:<\/p>\n<p>Warum erh\u00e4lt dieser Mann nicht den Friedensnobelpreis?<\/p>\n<p>Warum steht diese Geschichte nicht in den Leseb\u00fcchern aller Kinder dieser Welt?\u00a0Als warnendes Beispiel daf\u00fcr, wie weit es die Menschheit mit ihrem Wettr\u00fcsten bereits gebracht hatte.\u00a0Und als ermutigendes Beispiel f\u00fcr menschlichen Mut und Zivilcourage.<\/p>\n<p>Und:\u00a0Wie lebt dieser Stanislaw Petrow als russischer Rentner in seiner vermutlich 60 Quadratmeter gro\u00dfen Wohnung im Plattenbau?\u00a0Hat er mehr als 200 Euro im Monat?<\/p>\n<p>Und:\u00a0Wie geht es ihm?\u00a0Ist er gesund?\u00a0Gl\u00fccklich?<\/p>\n<p>Ich wusste nichts \u00fcber ihn und hatte doch, ohne es erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, ein Gef\u00fchl: <em>Dieser Mann ist nicht gl\u00fccklich!<\/em><\/p>\n<p>Im Mai 2013 nahm ich Kontakt mit ihm auf. Ich schickte Stanislaw Petrow einen Dankesbrief zusammen mit einer sch\u00f6nen Armbanduhr und Geld. Wenig sp\u00e4ter erhielt ich von ihm eine sehr freundliche Mail.<\/p>\n<div id=\"attachment_11719\" style=\"width: 497px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/P1060064.jpeg\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-11719\" class=\" wp-image-11719\" src=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/P1060064-768x1024.jpeg\" alt=\"Zwei \u00e4ltere M\u00e4nner sitzen in der Sommersonne in einem Park. Der linke ist Stanislaw Petrow, ein schm\u00e4chtiger Herr in hellem karierten Hemd, blauer Jeans und Turnschuhen. Er schaut ernst in die Kamera. Rechts sitzt Leo Ensel in dunklem Hemd und Hose. Er hat den Arm um Petrows Schulter gelegt und l\u00e4chelt.\" width=\"487\" height=\"649\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11719\" class=\"wp-caption-text\">Stanislaw Petrow und Leo Ensel im Sommer 2016 in Frjasino bei Moskau. Foto: privat.<\/p><\/div>\n<p>Es dauerte noch drei Jahre, bis ich ihn im Sommer 2016 in Frjasino bei Moskau besuchte. Als das Taxi vor dem gro\u00dfen Wohnblock in der Uliza 60 let SSSR hielt, stand er schon, in der Hand eine Stofftasche, vor dem Eingang. Er kam gerade vom Kiosk, wo er noch Mineralwasser f\u00fcr uns beide eingekauft hatte. Ich sah einen schm\u00e4chtigen \u00e4lteren Mann mit fahler Gesichtsfarbe, schon etwas klapprig auf den Beinen, der erkennbar schlecht sah. Wie er mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlte, war eine Star-Operation nicht erfolgreich verlaufen.<\/p>\n<p>Vor diesem Treffen hatte ich Angst gehabt. Ich wusste, dass seine zunehmende Bekanntheit ihm durchaus nicht immer zum Vorteil gereicht hatte. Die wenigsten seiner Besucher waren uneigenn\u00fctzig gewesen, von einem d\u00e4nischen Regisseur waren er und seine Geschichte wie eine Goldmine zynisch ausgebeutet worden. Er war zu Recht misstrauisch.<\/p>\n<p>Wir setzten uns in seine K\u00fcche und es wunderte mich nicht: Viele russische M\u00e4nner, vor allem die \u00e4lteren, tun sich schwer mit der F\u00fchrung eines eigenen Haushalts \u2013 und das konnte man deutlich sehen. Ich fuhr alle meine Antennen so weit wie m\u00f6glich aus, ignorierte die verwahrloste K\u00fcche und schaute ihm nur in seine sch\u00f6nen w\u00e4ssrig-hellblauen Augen. Eine Stunde nahm er sich Zeit und ich erlebte auf dem speckigen, abgewetzten K\u00fcchenmobiliar aus Kunstleder einen freundlichen, klugen, sensiblen und gebildeten Mann mit einer kr\u00e4ftigen dunklen Stimme. Der Abschied war freundschaftlich und herzlich.<\/p>\n<p>In den letzten zehn Jahren seines Lebens kam es dann doch noch zu einer gewissen sp\u00e4ten Anerkennung. Er erhielt Einladungen nach New York, Westeuropa und besonders oft nach Deutschland. Und einige Preise waren nicht nur mit Ehre verbunden, sondern zum Gl\u00fcck auch mit \u2013 Geld! Und doch blieb er, so scheint es mir, zugleich der einsame Mann in der verstaubten unbenutzten K\u00fcche seiner Plattenbauwoh\u00adnung, endlose 50 Kilometer vom Moskauer Stadtzentrum, vom Kreml entfernt.<\/p>\n<p>Anl\u00e4\u00dflich einer Preisverleihung 2012 in Baden-Baden kam es am Ende eines <a href=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Stanislaw-Petrow-Interview-Heike-Vowinkel_Um-0.15-Uhr-schrillte-die-Sirene-los_20120227_Die-Welt.pdf\">Interviews<\/a>, das die WELT mit ihm f\u00fchrte, zu folgendem bemerkenswerten Dialog:<\/p>\n<p><strong><em>Die Welt:<\/em><\/strong><em> Herr Petrow, sind Sie ein Held? <\/em><\/p>\n<p><strong><em>Stanislaw Petrow:<\/em><\/strong><em> Nein, ich bin kein Held. Ich habe einfach nur meinen Job richtig gemacht.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Die Welt:<\/em><\/strong><em> Aber Sie haben die Welt vor einem Dritten Weltkrieg bewahrt. <\/em><\/p>\n<p><strong><em>Stanislaw Petrow:<\/em><\/strong><em> Das war nichts Besonderes. <\/em><\/p>\n<p>Man halte f\u00fcr einen Moment lang inne und mache sich klar, was dieser n\u00fcchterne Satz Petrows bedeutet: <em>Er ist nichts weniger<\/em> <em>als das Understatement der Weltgeschichte!<\/em><\/p>\n<p>Am 19. Mai 2017 ist Stanislaw Petrow im Alter von 77 Jahren in Frjasino gestorben. Wie mir sein Sohn Dmitri Anfang September 2017 mitteilte, wurde er im engsten Familienkreis beigesetzt. Es dauerte fast vier Monate, bis diese Nachricht die Welt endlich erreichte.<\/p>\n<p><em><u>Der Autor<\/u><\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><i>Dr. Leo Ensel (\u201eLook at the other side!\u201c) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt \u201ePostsowjetischer Raum und Mittel-\/Ost-Europa\u201c. Autor einer Reihe von Studien \u00fcber die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. Im Fr\u00fchjahr 2013 nahm er Kontakt mit Stanislaw Petrow auf und besuchte ihn im Sommer 2016 in seiner Wohnung in Frjasino bei Moskau.<\/i><\/p>\n<p><em>Wir bedanken uns bei <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/meinung\/69721-der-einsame-tod-des-mannes-der-die-welt-gerettet-hatte-vor-einem-jahr-starb-stanislaw-petrow\/\">RT Deutsch<\/a> f\u00fcr den Nachdruck des Beitrags.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von\u00a0Leo Ensel. 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