{"id":11799,"date":"2018-03-04T07:00:06","date_gmt":"2018-03-04T05:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=11799"},"modified":"2018-03-04T01:13:00","modified_gmt":"2018-03-03T23:13:00","slug":"dfg-vk-friedensschluss-von-brest-litowsk-1918-ein-lehrstueck-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=11799","title":{"rendered":"DFG-VK: Friedensschluss von Brest-Litowsk 1918 &#8211; ein Lehrst\u00fcck der Geschichte"},"content":{"rendered":"<div class=\"\"><strong class=\"\">Die Deutsche Friedensgesellschaft &#8211; Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) erinnert im 100. Jahr seit dem Ende des Ersten Weltkriegs an den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Dieser Vertrag zwischen den Mittelm\u00e4chten (Deutschland, \u00d6sterreich-Ungarn, Bulgarien, Osmanisches Reich) und Sowjetrussland wurde am 3. M\u00e4rz 1918 unterzeichnet. Wir betrachten die historischen Ereignisse und ziehen Parallelen zur Gegenwart.<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Den Krieg zu beenden, war eine der Forderungen der russischen Oktoberrevolution gewesen. Bereits am Tag nach dem bewaffneten Aufstand vom 25. Oktober (7. November) 1917 hatte der Allrussische Sowjetkongress das \u201eDekret \u00fcber den Frieden\u201c beschlossen und alle kriegf\u00fchrenden Staaten zum Waffenstillstand und zur Aufnahme von Friedensverhandlungen aufgerufen. Lediglich die Mittelm\u00e4chte zeigten sich interessiert. Sie hofften auf Ruhe an der Ostfront und freie Hand f\u00fcr die Kriegsentscheidung im Westen. Sowjetrussland hoffte auf Frieden, der die Sowjetmacht sichern sollte.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Die Verhandlungen begannen am 3. Dezember 1917 im deutsch besetzten Brest-Litowsk, wo sich das deutsche Hauptquartier an der Ostfront befand. Die Vertreter der Mittelm\u00e4chte h\u00f6rten die sowjetrussischen Forderungen \u201eKeine Annexionen, keine Kontributionen\u201c an, verlangten aber, dass alle kriegf\u00fchrenden Staaten bereit sein m\u00fcssten, sie zu erf\u00fcllen. Da der sowjetische Aufruf zu Friedensverhandlungen gerade international gescheitert war, war dies der erste Schritt auf dem Weg zu einem Friedensvertrag allein zu den Bedingungen der Mittelm\u00e4chte.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Die Mittelm\u00e4chte pr\u00e4sentierten Forderungen nach Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fcr Teile Polens, Finnlands, der Ukraine und des Baltikums. Sie argumentierten mit dem Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker, das Sowjetrussland als Gegenbeispiel zur nationalen Unterdr\u00fcckung im russischen Zarenreich selbst proklamiert hatte. Forderungen der sowjetrussischen Seite nach vorherigem Abzug der Truppen der Mittelm\u00e4chte und Volksabstimmungen \u00fcber die staatliche Zugeh\u00f6rigkeit dieser Gebiete wurden ignoriert.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">\n<div id=\"attachment_11802\" style=\"width: 604px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Brest-litovsk-feb-9-1918b.jpg\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-11802\" class=\" wp-image-11802\" src=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Brest-litovsk-feb-9-1918b-1024x682.jpg\" alt=\"Die Schwarzwei\u00dffotografie zeigt eine Gruppe von meist schnauzb\u00e4rtigen M\u00e4nnern in schwarzem Anzug mit Fliege oder in Soldatenuniform, die in die Kamera schauen. Vor ihnen liegt auf einem Tisch ein gro\u00dfes Papierdokument. Eine Aufschrift lautet: &quot;Der Friede mit der Ukraine. Die Schlu\u00dfsitzung in der Nacht v. 9. bis 10. Februar, in der das Friedensprotokoll unterzeichnet wurde.\" width=\"594\" height=\"396\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Brest-litovsk-feb-9-1918b-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Brest-litovsk-feb-9-1918b-768x511.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 594px) 100vw, 594px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11802\" class=\"wp-caption-text\">Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918. Postkarte. Foto: unbekannt. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/ee\/Brest-litovsk-feb-9-1918b.jpg<\/p><\/div>\n<p>Die sowjetrussische Delegation versuchte lange Zeit, den Abschluss des Vertrags hinauszuz\u00f6gern. Sie hoffte auf weitere Niederlagen der Mittelm\u00e4chte im Krieg und eine baldige sozialistische Revolution, vor allem in Deutschland. In der Zwischenzeit, am 9. Februar 1918, schlossen die Mittelm\u00e4chte einen Friedensvertrag mit der Ukrainischen Volksrepublik, einer b\u00fcrgerlichen Staatsgr\u00fcndung, die w\u00e4hrend der Verhandlungen \u00fcber diesen Vertrag ihre Unabh\u00e4ngigkeit von Russland erkl\u00e4rte. Dieser Friedensschluss wird als \u201eBrotfrieden\u201c bezeichnet, weil sich die Ukraine mit ihm zu umfangreichen Lieferungen von Getreide und anderen landwirtschaftlichen Produkten sowie Rohstoffen an die Mittelm\u00e4chte verpflichtete. Darauf war besonders \u00d6sterreich-Ungarn angewiesen, wo Unruhen ausgebrochen waren und eine Hungersnot drohte.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Die Ukrainische Volksrepublik erlangte durch den Vertrag internationale Anerkennung und Waffenhilfe gegen Sowjetrussland, das auf ukrainischem Territorium die Bildung einer Sowjetregierung unterst\u00fctzte. Allerdings musste sie nun auch hinnehmen, dass kaum zehn Tage sp\u00e4ter Truppen der Mittelm\u00e4chte als ihre Verb\u00fcndeten in die Ukraine einmarschierten. Dieses Vorr\u00fccken war Teil der \u201eOperation Faustschlag\u201c entlang der gesamten Ostfront. Es sollte die sowjetrussischen Verhandlungsf\u00fchrer in Brest-Litowsk unter Druck setzen. Auf den Protest Sowjetrusslands und die Erkl\u00e4rung seiner Bereitschaft, nun den Friedensvertrag zu unterzeichnen, wurde nicht reagiert. Erst Tage sp\u00e4ter traf ein Ultimatum ein. Jetzt verlangte Deutschland zus\u00e4tzlich einen Friedensschluss mit der Ukrainischen Volksrepublik, den R\u00fcckzug der russischen Marine in die H\u00e4fen und ihre Entwaffnung sowie die vollst\u00e4ndige Demobilisierung der russischen Armee.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">In die Enge getrieben, entschloss sich Sowjetrussland am 3. M\u00e4rz zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Mit dem Vertragsschluss gingen der Verlust von 27 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fl\u00e4chen, 73 Prozent der Eisen- und Stahlindustrie und 89 Prozent der Kohlegruben sowie einem Drittel der Bev\u00f6lkerungszahl des Russischen Reiches, darunter 40 Prozent seiner Industriearbeiter, einher. Ein Detail des Vertrages: Die vertragschlie\u00dfenden Seiten sollten jegliche Propaganda gegen den ehemaligen Gegner unterlassen, Sowjetrussland sollte also auch keine Propaganda f\u00fcr die Revolution mehr betreiben k\u00f6nnen. In Anlagen zum Vertrag wurde den Mittelm\u00e4chten in Sowjetrussland ein besonderer wirtschaftlicher Status einger\u00e4umt. Ihre B\u00fcrger und Unternehmen sollten von den sowjetrussischen Verstaatlichungen in der Wirtschaft ausgenommen sein.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Drei Tage nach der Unterzeichnung des Vertrages &#8211; nachdem klar war, dass das fr\u00fchere Entente-Mitglied Russland nicht weiterk\u00e4mpfen w\u00fcrde, Truppen der Mittelm\u00e4chte aber weiterhin im Land standen &#8211; begann die Intervention der Entente in Russland und versch\u00e4rfte die B\u00fcrgerkriegssituation, die bereits herrschte. In diesem Klima schlossen Sowjetrussland und Deutschland im August 1918 ein Zusatzabkommen zum Brester Friedensvertrag. Sowjetrussland musste weitere Gebiete, vor allem im Kaukasus, abtreten, die Auslandsschulden des Zarenreiches \u00fcbernehmen und umfangreiche Zahlungen leisten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Aber auch die Truppenbewegungen der Mittelm\u00e4chte im Osten waren nach Unterzeichnung des Vertrages vom 3. M\u00e4rz weitergegangen. Mitte M\u00e4rz besetzten \u00f6sterreich-ungarische Truppen Odessa. Anfang April nahmen deutsche Truppen Charkiw ein. Noch im April halfen sie beim Sturz der Regierung der Ukrainischen Volksrepublik und der Machtergreifung des nationalistischen Diktators Pawlo Skoropadskyj.<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Anfang Mai waren deutsche Truppen bis an den Don in S\u00fcdrussland vorgedrungen. Dort unterst\u00fctzten sie den zaristischen General Pjotr Krasnow. Dieser gr\u00fcndete im Mai 1918 am Don einen Kosakenstaat. Deutschland erkannte ihn an und schickte Waffen, im Austausch gegen Lebensmittel. (Nach seiner Niederlage im B\u00fcrgerkrieg emigrierte Krasnow nach Deutschland und versuchte von dort aus, in Sowjetrussland Untergrundorganisationen aufzubauen. Im Zweiten Weltkrieg organisierte er die Kosakeneinheiten der deutschen Wehrmacht.)<\/div>\n<div><\/div>\n<div class=\"\">Mit dem Waffenstillstand von Compi\u00e8gne zwischen Gro\u00dfbritannien und Frankreich einerseits und dem Deutschen Reich andererseits am 11. November 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk annulliert.<\/div>\n<blockquote>\n<div class=\"\">\u201eWir sind weit davon entfernt, die damaligen Vorg\u00e4nge mit der heutigen politischen und milit\u00e4rischen Situation an der europ\u00e4ischen Ostgrenze der NATO gleichsetzen zu wollen\u201c,<\/div>\n<\/blockquote>\n<div class=\"\">erkl\u00e4rt Cornelia Mannewitz, Mitglied der DFG-VK.<\/div>\n<blockquote>\n<div>\u201eDie Akteure von heute haben einen anderen historischen Hintergrund. Wir sehen in diesen Vorg\u00e4ngen aber einen Beleg f\u00fcr die fortdauernde Aggressivit\u00e4t der deutschen Kriegsmaschinerie 1918. Die 2014 weit verbreitete These, die europ\u00e4ischen Staaten seien in den Ersten Weltkrieg hineingetaumelt, verliert damit noch mehr an \u00dcberzeugungskraft. In den Gebieten, deren Unabh\u00e4ngigkeit Deutschland im Brester Vertrag verlangt hatte, f\u00f6rderte es den Kampf gegen das sozialistische Gesellschaftssystem. In Deutschland selbst f\u00fchrte diese Aggressivit\u00e4t und Absage an gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen nach der Novemberrevolution und Ans\u00e4tzen liberaler Entwicklung in die Restauration der konservativen Kr\u00e4fte und letztlich in den Zweiten Weltkrieg. Einen Friedensvertrag konnte man den Vertrag von Brest-Litowsk schon damals nicht nennen. Und wie damals mit dem Argument der Friedensschaffung Interventionen gerechtfertigt, Staaten gegeneinander ausgespielt und den eigenen Interessen genehme Regime gef\u00f6rdert wurden &#8211; daf\u00fcr gibt es auch heute wieder viele Parallelen.\u201c<\/div>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\"><strong class=\"\">F\u00fcr Interviews und bei Fragen nehmen Sie bitte jederzeit Kontakt zu unserem Mitglied Cornelia Mannewitz auf: <a class=\"moz-txt-link-abbreviated\" href=\"mailto:mannewitz@dfg-vk.de\">mannewitz@dfg-vk.de<\/a>, Tel. 0176 2489 4316<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><em class=\"\">Deutsche Friedensgesellschaft \u2013 Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, Stuttgart\/Rostock 3. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Deutsche Friedensgesellschaft &#8211; Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) erinnert im 100. Jahr seit dem Ende des Ersten Weltkriegs an den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. 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