{"id":12322,"date":"2018-06-01T15:24:59","date_gmt":"2018-06-01T13:24:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=12322"},"modified":"2020-11-14T23:11:57","modified_gmt":"2020-11-14T21:11:57","slug":"peter-trinogga-die-freiheit-stirbt-stueckweise-rede-zum-tag-der-befreiung-am-8-mai-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=12322","title":{"rendered":"Peter Trinogga: Die Freiheit stirbt st\u00fcckweise. Rede zum Tag der Befreiung am 8. Mai 2018"},"content":{"rendered":"<p>Peter Trinogga (<a href=\"https:\/\/koeln.vvn-bda.de\">Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes &#8211; Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten VVN-BdA, Kreisvereinigung K\u00f6ln<\/a>) erinnerte\u00a0am 8. Mai 2018 in K\u00f6ln an die Befreiung vom Faschismus 1945. Er erl\u00e4uterte, wie versucht wurde und wird, die massenhafte (Mit-)T\u00e4terschaft dadurch zu verdr\u00e4ngen, dass die Erinnerung an die eigenen Kriegsopfer Vorrang erhielt. Sein Fazit ist gleichzeitig eine Warnung:<\/p>\n<blockquote><p>Wie sieht es heute aus, stehen wir wieder vor einem neuen Faschismus, einer Naziherrschaft 2.0? Nat\u00fcrlich nicht, wir leben in einer Demokratie mit allen b\u00fcrgerlichen Freiheiten. Doch diese Freiheiten sind wieder in Gefahr! Diesmal nicht durch ein neues Erm\u00e4chtigungsgesetz, sondern durch ihren langsamen Abbau.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es folg der vollst\u00e4ndige Text der Rede.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liebe Kameradinnen und Kameraden,<\/p>\n<p>liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,<\/p>\n<p>der 8. Mai, der Tag der Befreiung Europas und Deutschlands vom Hitlerfaschismus war und ist f\u00fcr die meisten Deutschen ein schwieriger Tag. Offizieller Gedenktag wurde er nie und erst 1985 nannte ihn der damalige Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker einen Tag der Befreiung, gegen alle Widerst\u00e4nde des rechten CDU-Fl\u00fcgels.<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten Menschen handelte es sich tats\u00e4chlich um eine Befreiung: F\u00fcr die Verfolgten des Naziregimes, die in Zuchth\u00e4usern, Konzentrationslagern, Zwangsarbeiterlagern oder in tiefster Ilegalit\u00e4t lebten, litten und k\u00e4mpften sowieso, f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Deutschen, selbst f\u00fcr die Passiven und die Mitl\u00e4ufer der Nazis war es auf jeden Fall die Befreiung vom Krieg, der von Deutschland aus Europa verheert hatte und an seinen Ausgangsort zur\u00fcckgekehrt war. Und doch empfanden viele Deutsche die Befreiung als Niederlage. F\u00fcr viele war es ja auch wirklich eine Niederlage: F\u00fcr die Nazif\u00fchrer und ihre Folterknechte, die allein an diesem Ort hier, im ehemaligen K\u00f6lner Zuchthaus Klingelp\u00fctz mehr als 1.000 Menschen in den zw\u00f6lf Jahren zwischen 1933 und 1945 ermordeten. Eine Niederlage war es auch f\u00fcr die Teile des deutschen Kapitals, die die Nazis ins Amt gehievt (das war vor allem die Schwer- und Chemieindustrie) und die von Krieg, Unterdr\u00fcckung und Versklavung Hunderttausender profitiert hatten Das waren die meisten deutschen Unternehmen).<\/p>\n<div id=\"attachment_12321\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_1303-e1527858768110.jpg\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12321\" class=\" wp-image-12321\" src=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_1303-e1527858768110-768x1024.jpg\" alt=\"Bronzeskulptur einer Frau, die einen toten Jungen im Arm tr\u00e4gt. Im Hintergrund sind Parkb\u00e4ume und ein Teil der K\u00f6lner Stadtmauer zusehen.\" width=\"420\" height=\"560\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12321\" class=\"wp-caption-text\">Mahnmal Hansaplatz K\u00f6ln. Skulptur \u201eFrau mit totem Kind\u201c von Mari Andriessen. Foto: Stefanie Intveen<\/p><\/div>\n<p>Die Spaltung der \u00f6ffentlichen Meinung oder genauer gesagt, diese Spaltung der Gesellschaft setzte sich in den 50er Jahren in noch st\u00e4rkerem Ma\u00dfe fort. Einerseits bekamen die Monopole, die den Faschismus so lange st\u00fctzten, wie sie durch ihn ihre Profite steigern konnten, nach einer kurzen Unterbrechung wieder eine f\u00fchrende Rolle in der jungen Bundesrepublik, andererseits meinten die USA im Kalten Krieg die Unterst\u00fctzung durch deutsches Milit\u00e4r zu ben\u00f6tigen \u2013 sie wollten die Wiederaufr\u00fcstung und eine westdeutsche Armee. Wer aber waren die Milit\u00e4rexperten? Nat\u00fcrlich diejenigen, die wenige Jahre vorher die Brandfackel des Krieges durch Europa getragen hatten. Und so gab es weder bei der Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer, noch bei der NATO oder in Washington irgendwelche Skrupel, alte Nazimilit\u00e4rs, Nazigeheimdienstler, Nazib\u00fcrokraten wieder in Amt und W\u00fcrden zu bringen. Ein Gedenken an den Tag der Befreiung h\u00e4tte da nur gest\u00f6rt, verunsichert und dem dringend ben\u00f6tigten Wehrwillen, der Bereitschaft zu t\u00f6ten und notfalls get\u00f6tet zu werden, geschadet.<\/p>\n<p>Stattdessen gab es eine seltsame Mischung aus Gedenken an ausgesuchte Opfergruppen der Nazis, der Erinerung an einige wenige, meist konservative Widerst\u00e4ndler und vor allem Selbstmitleid: \u201eDie Deutschen\u201c h\u00e4tten ja selbst am meisten unter Krieg unf Naziterror gelitten. Deshalb sollte keinesfalls mehr zwischen T\u00e4tern und Opfern unterschieden werden. Wir stehen hier an einem Platz, wo das augenf\u00e4llig wird \u2013 wenn man es wei\u00df. Am 28. Januar, in der Gedenkfeier anl\u00e4sslich des Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgendes lernen:<\/p>\n<blockquote><p>(&#8230;) am 25. Mai 1945 werden auf dem Gel\u00e4nde des Klingelp\u00fctz sieben Leichen gefunden, die dort von der Gestapo verscharrt worden waren. Es sind sechs M\u00e4nner und eine Frau. Es wird angenommen, dass es sich um ehemalige Zwangsarbeiter handelt. Man l\u00e4sst sie von hochrangigen K\u00f6lner Nazis ausgraben.<\/p>\n<p>Am 3. Juni 1945 werden sie am Hansaplatz beerdigt. Hierf\u00fcr hatten sich verschiedene Verfolgtenverb\u00e4nde und die Stadt eingesetzt. 1500 Teilnehmer kommen f\u00fcr diese Einweihungsfeier zusammen. Auf der Grabplatte steht geschrieben:<\/p>\n<p>Hier ruhen sieben Opfer der Gestapo. Dieses Mal erinnere an Deutschlands schandvollste Zeit 1933 \u2013 1945 (&#8230;)<\/p>\n<p>Am Mahnmal Hansaplatz, dem Ort der politischen Identifikation, wird dagegen eine Abschw\u00e4chung der eindeutigen Aussage \u00fcber die T\u00e4ter vorgenommen. Am 22.5.1959 wird neben dem schlichten Gedenkstein eine stehende Skulptur des niederl\u00e4ndischen K\u00fcnstlers Mari Andriessen aufgestellt: \u201eFrau mit totem Kind\u201c. Sie hat keinen inhaltlichen Bezug zu den dort beerdigten Zwangsarbeiterinnen. Die Plastik ist urspr\u00fcnglich Teil einer gro\u00dfen 6-teiligen Skulpturengruppe, die Andriessen in den Jahren 1947 bis 1951 fertigte. Dieses Ensemble steht im niederl\u00e4ndischen Enschede, wo sie an die Befreiung von der deutschen Besatzung erinnert. Die von der K\u00f6lner Stadtverwaltung ausgesuchte Teilfigur tr\u00e4gt den Namen \u201eBomslachtoffer\u201c (Bombenkriegsopfer). Die vermutlich niederl\u00e4ndische Frau tr\u00e4gt ein von Deutschen get\u00f6tetes Kind im Arm! Die Aufstellung des Zweitgusses dieser bildhauerischen Arbeit neben dem K\u00f6lner Gedenkstein, der niedriger und weniger sichtbar ist, ver\u00e4ndert die urspr\u00fcngliche Aussage des Mahnmals. Die deutschen Zivil- und Kriegstoten des 2. Weltkrieges werden nun in den Vordergrund ger\u00fcckt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Liebe Freunde,<\/p>\n<p>warum aber begehen wir noch heute, 73 Jahre nach Ende des Krieges den Tag der Befreiung? Die Antwort ist einfach: Weil diejenigen, die nicht bereit sind, aus der Geschichte zu lernen, in der Gefahr schweben, sie wiederholen zu m\u00fcssen \u2013 und das gilt es unter allem Umst\u00e4nden zu verhindern. Was aber k\u00f6nnen wir lernen?<\/p>\n<p>Die Macht\u00fcbertragung am 30. Januar 1933 erfolgte nicht aus heiterem Himmel. Ihr gingen voraus der Aufstieg der NSDAP zur Massenpartei, Hunderte von Morden an Antifaschist(inn)en und Antifaschisten, beginnend mit den Morden an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Kurt Eisner, Gustav Landauer in den ersten Monaten des Jahres 1919. Auch deren M\u00f6rder trugen schon das \u201eHakenkreuz am Stahlhelm\u201c wie sie selber sangen. Weiter gingen dem 30 Januar 1933 voraus eine verst\u00e4rkte Repression gegen die linke Opposition und die offizielle wie die geheime Aufr\u00fcstung der Reichswehr. All das waren Trittsteine auf dem Weg in den Faschismus. Begehbar wurde der Weg, weil sich die Antifaschistinnen und Antifaschisten nicht auf einen gemeinsamen Widerstand gegen Rechtsentwicklung und Naziterror einigen konnten.<\/p>\n<p>Wie sieht es heute aus, stehen wir wieder vor einem neuen Faschismus, einer Naziherrschaft 2.0? Nat\u00fcrlich nicht, wir leben in einer Demokratie mit allen b\u00fcrgerlichen Freiheiten. Doch diese Freiheiten sind wieder in Gefahr! Diesmal nicht durch ein neues Erm\u00e4chtigungsgesetz, sondern durch ihren langsamen Abbau. Die Freiheit stirbt st\u00fcckweise:<\/p>\n<p>Die AfD eine v\u00f6lkische, rassistische, frauen- und minderheitenfeindliche Partei mit einem starken faschistischen Fl\u00fcgel erstarkt zusehends, ist in einigen Gebieten bereits zweitst\u00e4rkste Partei!<\/p>\n<p>Viele Themen der AFD werden von anderen Parteien \u00fcbernommen, angeblich, um die Rechten nicht zu stark werden zu lassen. Welch ein gef\u00e4hrlicher Unsinn, wer rechte Argumente aufgreift, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Menschen statt der schwarzen Kopie dann lieber das braune Original w\u00e4hlen!<\/p>\n<p>Die Repression gegen die linke Opposition nimmt zu: In Hamburg beim G 20-Gipfel (aber nicht nur dort) werden Demonstrationen auseinandergepr\u00fcgelt, werden schwerste Verletzungen von Demonstantinnen und Demonstranten nicht nur in Kauf genommen, sondern offenbar auch angestrebt. Mit neuen Gesetzen wird ein \u201eUnterbindungsgewahrsam\u201c bis zu mehreren Wochen eingef\u00fchrt \u2013 fr\u00fcher hie\u00df das mal Schutzhaft!<\/p>\n<p>Von einer verst\u00e4rkten geheimdienstlichen \u00dcberwachung linker und antifaschistischer Menschen brauchen wir kaum noch zu reden: In Kassel war der hessische Verwaltungsgerichtshof tats\u00e4chlich der Meinung, Silvia Gingold, Tochter der Widerstandsk\u00e4mpfer Etty und Peter Gingold, und in den 70er Jahren bekanntes Berufsverbotsopfer, m\u00fcsse u.a. deshalb vom Verfassungsschutz bespitzelt werden, weil sie einer Organisation angeh\u00f6re, die sich auf den Schwur von Buchenwald beziehe. Diese Organisation ist die VVN-BdA!<\/p>\n<p>Der Schlussstein ist dann der ideologische Roll-Back, der die Nazidiktatur mit der antifaschistischen DDR gleichsetzt, die Nazis zur Reaktion auf die Oktoberrevolution und die Sowjetunion erkl\u00e4rt, behauptet, der \u201eKlassenterror\u201c sei dem \u201eRassenterror\u201c vorausgegangen, die wirtschaftlichen Eliten der sp\u00e4ten Weimarer Republik f\u00fcr unschuldig am Aufstieg der Nazis erkl\u00e4rt und reinw\u00e4scht und den Schwur von Buchenwald f\u00fcr linksextremistisch erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Gegen all diese Erscheinungen m\u00fcssen wir k\u00e4mpfen, um einer menschenfeindlichen Ideologie und Politik keinen Raum zu lassen. Umstritten unter uns ist, wie wir diese Auseinandersetzung am besten f\u00fchren. Die VVN-BdA ist der Meinung, dass die wichtigste Lehre des Faschismus darin besteht, m\u00f6glichst breite B\u00fcndnisse zu schlie\u00dfen, um gegen Rechts zu k\u00e4mpfen. In diesem Kampf m\u00fcssen wir auch mit Gruppen zusammenarbeiten, mit denen uns sonst wenig bis nichts verbindet. Das hei\u00dft nicht, das wir nicht mehr miteinander inhaltlich streiten. Aber wenn wir uns in der Hauptsache einig sind, und diese Hauptsache hei\u00dft \u201eNie wieder Faschismus \u2013 nie wieder Krieg!, dann d\u00fcrfen wir im Kampf gegen Rechts niemanden ausgrenzen. Grundlage unseres gemeinsamen Kampfes k\u00f6nnte der Schwur von Buchenwald sein, den ich bereits mehrfach genannt habe. Lasst ihn mich zitieren:<\/p>\n<blockquote><p>Wir schw\u00f6ren deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser St\u00e4tte des faschistischen Grauens: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der V\u00f6lker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Trinogga (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes &#8211; Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten VVN-BdA, Kreisvereinigung K\u00f6ln) erinnerte\u00a0am 8. Mai 2018 in K\u00f6ln an die Befreiung vom Faschismus 1945. 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