{"id":12583,"date":"2018-08-02T07:00:18","date_gmt":"2018-08-02T05:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=12583"},"modified":"2018-08-01T14:30:48","modified_gmt":"2018-08-01T12:30:48","slug":"guido-gruenewald-bertha-von-suttner-und-die-deutsche-friedensgesellschaft-eine-alte-und-immer-noch-lebendige-verbindung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=12583","title":{"rendered":"Guido Gr\u00fcnewald: Bertha von Suttner und die Deutsche Friedensgesellschaft \u2013 eine alte und immer noch lebendige Verbindung"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Es folgt ein\u00a0Beitrag von Guido Gr\u00fcnewald zum Seminar \u201eFriends of Bertha\u201c anl\u00e4sslich der Feier zum 175. Geburtstag Bertha von Suttners am 9. Juni 2018 in Den Haag.<\/p>\n<hr \/>\n<h4>Eine Friedensorganisation in der &#8222;Zitadelle des Militarismus&#8220;<\/h4>\n<p>Die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) ist 1974 aus dem Zusammenschluss von drei pazifistischen Organisationen entstanden. Die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) ist die \u00e4lteste dieser Organisationen. Sie verdankt ihre Gr\u00fcndung im November 1892 einer Initiative Bertha von Suttners, die im M\u00e4rz 1892 in Berlin einen Vortrag hielt und den damals in Berlin lebenden Alfred Hermann Fried hartn\u00e4ckig antrieb, gegen alle Widerst\u00e4nde \u2013 angesprochene liberale Politiker z.B. reagierten zur\u00fcckhaltend \u2013 die Gr\u00fcndung einer deutschen Friedensorganisation zu betreiben. Dass dies schlie\u00dflich in Berlin, dieser \u201eZitadelle des Militarismus\u201c, gelang, war f\u00fcr Bertha von Suttner ein kleiner Triumph.<\/p>\n<p>Bertha von Suttner blieb bis zu ihrem Tod f\u00fcr viele Mitglieder der DFG ein leuchtendes Vorbild. Einerseits durch ihre Beschw\u00f6rung der Moral und den Appell an Gef\u00fchle, um Abscheu vor dem Verbrechen Krieg hervorzurufen, beispielhaft in einem Brief an den Frauenbund der DFG von Juni 1914:<\/p>\n<blockquote><p>Lassen wir unsere Herzensprechen. Im Namen der Liebe &#8230; wollen wir den Krieg bek\u00e4mpfen; nicht nur, weil ersich nicht mehr auszahlt und daher eine Torheit \u2013 sondern weil er grausam unddaher ein Verbrechen ist.<\/p><\/blockquote>\n<h4>Politische Journalistin vor dem Ersten Weltkrieg<\/h4>\n<div id=\"attachment_12106\" style=\"width: 315px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12106\" class=\" wp-image-12106\" src=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Bertha-von-Suttner-1906.jpg\" alt=\"Die Schwarzwei\u00dffotographie zeigt eine junge, etwas korpulente, h\u00fcbsche Frau, die ernst in die Kamera blickt. Sie tr\u00e4gt ein dunkles Kleid mit weiten \u00c4rmeln und eine dunkle Kopfbedeckung mit einer Art schmalen Schleier, der \u00fcber Hinterkopf und R\u00fccken herabf\u00e4llt.\" width=\"305\" height=\"415\" \/><p id=\"caption-attachment-12106\" class=\"wp-caption-text\">Bertha von Suttner (1906). Foto: Carl Pietzner<\/p><\/div>\n<p>Gleichzeitig lasen zahlreiche DFG-Mitglieder ihre \u201eRandglossen zur Zeitgeschichte\u201c, die sie zwischen 1892 und 1899 sowie von 1906 bis1914 in den Monatsbl\u00e4ttern \u201aDie Waffen nieder!\u2018 und &#8222;Die Friedens-Warte&#8220; (beide herausgegeben von Alfred Hermann Fried) ver\u00f6ffentlichte. Dort analysierte sie scharfsinnig Entwicklungen der Gesellschaft und der internationalen Politik und warnte hellsichtig vor den Folgen eines gro\u00dfen Krieges (1. Weltkrieg) f\u00fcr das europ\u00e4ische Gesellschafts- und M\u00e4chtesystem. Denn Bertha von Suttner war nicht nur eine unerm\u00fcdliche Agitatorin und Mahnerin, sie war auch eine ausgezeichnete Journalistin von hoher Sachkompetenz und mit wachem Gesp\u00fcr f\u00fcr das Zeitgeschehen.<\/p>\n<p>Vor allem in den Jahren der Weimarer Republik grenzten sich Teile der deutschen Friedensbewegung von Bertha von Suttner ab. Carl von Ossietzky hat ihr z.B. 1924\u201eWehleidigkeit\u201c und \u201eWeltfremdheit\u201c vorgeworfen und sie als \u201ePriesterin des Gem\u00fcts\u201cabgestempelt; er reduzierte Suttner auf die Rolle der moralischen Ankl\u00e4gerin. Seit 1945 genie\u00dft Bertha von Suttner in der DFG aber wieder ein hohes Ansehen, und das gilt auch f\u00fcr die heutige DFG-VK.<\/p>\n<h4>Warum Bertha von Suttner auch heute von Bedeutung ist<\/h4>\n<p>Hier kurz zusammengefasst einige Aspekte, weshalb Bertha von Suttner auch f\u00fcr heutige Aktivist*innen von Bedeutung ist:<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Wir sch\u00e4tzen die <strong>unerm\u00fcdliche Agitatorin<\/strong>, die plastisch vor den Schrecken desKrieges warnte und dabei klare, unmissverst\u00e4ndliche Worte wie \u201eMordarbeit\u201c oder \u201ebefohlenes Massenverbrechen\u201c benutzte. Die moralische Anklage derjenigen, die Kriege vorbereiten, sich f\u00fcr sie r\u00fcsten oder Mordwerkzeuge herstellen bzw. verkaufen, ist auch heute noch wichtig; die DFG-VK praktiziert dies aktuell z.B. in Aktionen gegen deutsche R\u00fcstungsexporte.<\/p>\n<p>Wir sch\u00e4tzen die <strong>politische Journalistin<\/strong> f\u00fcr ihre oft scharfsinnigen Analysen und Kommentare. Sachkompetent das Zeitgeschehen zu begleiten, auf Konflikte medial deeskalierend einzuwirken und nicht-milit\u00e4rische Alternativen aufzuzeigen, z\u00e4hlt auch heute zu den Aufgaben von Pazifist*innen.<\/p>\n<p>Es gibt eine Reihe von <strong>Einsichten und Zielen<\/strong>, die bereits Bertha von Suttner formuliert hat und die auch heute noch auf unserer Tagesordnung stehen:<\/p>\n<ul>\n<li>Globale Probleme wie Klimawandel oder die politisch-rechtliche Einhegung der Digitalisierung lassen sich nicht national l\u00f6sen, sondern nur durch <strong>internationale Zusammenarbeit<\/strong>.<\/li>\n<li>Ein auf R\u00fcstung und Milit\u00e4rb\u00fcndnisse gest\u00fctzter Friede ist nicht dauerhaft. Notwendig ist <strong>eine internationale Ordnung, die auf dem V\u00f6lkerrecht basiert<\/strong>. Dann w\u00e4re auch der unertr\u00e4gliche Zustand beseitigt, dass einzelne Machthaber oder Regierungen eigenst\u00e4ndig \u00fcber Krieg und Frieden entscheiden.<\/li>\n<li>Bertha von Suttner hat immer wieder darauf gedr\u00e4ngt, aus der Gewaltspirale auszubrechen. Zu ihren Lebzeiten gab es nur wenige <strong>nicht-milit\u00e4rische Mittel der Konfliktschlichtung<\/strong>. Heute ist der Werkzeugkasten f\u00fcr zivile gewaltlose Krisenpr\u00e4vention und Konfliktbearbeitung gut gef\u00fcllt. Die Aufgabe besteht darin, dies bekannt zu machen sowie f\u00fcr die Anwendung dieser Instrumente und ausreichende Finanzmittel einzutreten.<\/li>\n<li>Frieden ist keine Frage von Klasse oder Geschlecht, sondern ein \u201eMensch-heitsproblem\u201c (Gorbatschow). Notwendig ist eine <strong>breite Zusammenarbeit Vieler<\/strong>. Suttner vertraute auf die <strong>Friedensf\u00e4higkeit<\/strong> und die <strong>Tatkraft der Individuen<\/strong>. Das <strong>Recht auf Leben<\/strong> war f\u00fcr sie \u201eunverletzlich und heilig\u201c,allerdings mit Ausnahme staatlicher Notwehr. Wir teilen diese Positionen, sehen aber im Unterschied zu Suttner in der Kriegsdienstverweigerung ein wertvolles Aktionsmittel gegen Kriegsvorbereitung.<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Kultur des Friedens<\/h4>\n<p>Bildung und Erziehung waren f\u00fcr Bertha von Suttner ein Schl\u00fcssel zum Frieden. Eine Kultur des Friedens zu f\u00f6rdern sowie die <strong>F\u00e4higkeit, vom Frieden her zu denken<\/strong>, ist eine Kernaufgabe, die sich die <strong>Bertha-von-Suttner-Stiftung der DFG-VK<\/strong> (Gr\u00fcndung 1993) gestellt hat. Themen der letzten Jahre waren beispielsweise \u201eErinnerungskultur in der Ukraine und in Deutschland\u201c, \u201eEntmilitarisierung des Niederrheins\u201c, \u201eZivile L\u00f6sungen f\u00fcr Syrien\u201c sowie ein Symposium \u201eZukunft des politischen Pazifismus\u201c. In Planung ist ein Wettbewerb f\u00fcr Schulen, die den Namen Bertha von Suttner tragen und sich in einem ausf\u00fchrlichen Projekt mit dem Lebenswerk Suttners auseinandersetzen sollen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ungeachtet der Gr\u00f6\u00dfe ihrer Pers\u00f6nlichkeit und Verdienste sollten wir Bertha von Suttner nicht ikonisieren. Held*innen bleiben meist in einer Distanz zu gew\u00f6hnlichen Menschen. Werden sie menschlich mit ihren Fehlern, r\u00fccken sie dem Publikum deutlich n\u00e4her. Bertha von Suttner steht mit Alfred Hermann Fried f\u00fcr den Anfang der Deutschen Friedensgesellschaft. Ein Ende ihres Einflusses ist nicht absehbar.<\/p>\n<p><em>Dr. Guido Gr\u00fcnewald ist internationaler Sprecher der DFG-VK und Friedenshistoriker. Wir bedanken uns f\u00fcr die M\u00f6glichkeit zur Ver\u00f6ffentlichung des Textes!\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es folgt ein\u00a0Beitrag von Guido Gr\u00fcnewald zum Seminar \u201eFriends of Bertha\u201c anl\u00e4sslich der Feier zum 175. Geburtstag Bertha von Suttners am 9. Juni 2018 in Den Haag. Eine Friedensorganisation in der &#8222;Zitadelle des Militarismus&#8220;&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":110,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[106],"tags":[45,27,3,91,4],"class_list":["post-12583","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-analyse","tag-geschichte","tag-kultur","tag-pazifismus","tag-voelkerrecht","tag-zivile-konfliktloesung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/110"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12583"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12589,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12583\/revisions\/12589"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}