{"id":13462,"date":"2019-03-09T10:48:43","date_gmt":"2019-03-09T08:48:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=13462"},"modified":"2019-03-09T10:48:43","modified_gmt":"2019-03-09T08:48:43","slug":"fanny-michaela-reisin-an-universitaetspraesidentin-beisiegel-zur-ausladung-der-juedischen-stimme-mangel-an-zivilcourage-und-wissenschaftlicher-sorgfalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=13462","title":{"rendered":"Fanny-Michaela Reisin an Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin Beisiegel zur Ausladung der &#8222;J\u00fcdischen Stimme&#8220;: Mangel an Zivilcourage und wissenschaftlicher Sorgfalt"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute erh\u00e4lt die &#8222;J\u00fcdische Stimme f\u00fcr den gerechten Frieden in Nahost&#8220; den mit 3.000 Euro dotierten G\u00f6ttinger Friedenspreis. Der Preis wird\u00a0von der Stiftung Dr. Roland R\u00f6hl vergeben; die Jury steht unter dem Vorsitz des Journalisten Andreas Zumach. In einem Brief vom 14.2.2019 hatte \u00a0Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrat der Juden in Deutschland gegen die Preisverleihung protestiert, weil die &#8222;J\u00fcdische Stimme&#8220; &#8222;ein aktiver Unterst\u00fctzer von Veranstaltungen der gegen Israel gerichteten Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions; zu Deutsch: \u201eBoykott, Desinvestitionen und Sanktio\u00adnen\u201c)&#8220; sei. Wie in der Presse berichtet wurde, hatten daraufhin der G\u00f6ttinger Oberb\u00fcrgermeister Rolf-Georg K\u00f6hler und die Pr\u00e4sidentin der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen Ulrike Beisiegel ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Preisverleihung zur\u00fcckgezogen. <\/em><\/p>\n<p><em>Wir ver\u00f6ffentlichen dazu den Brief der Informatikerin und ehemaligen Hochschulprofessorin Fanny-Michaela Reisin, Mitglied der &#8222;J\u00fcdischen Stimme&#8220;, an Ulrike Beisiegel.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<pre><span style=\"font-family: Georgia, 'Times New Roman', 'Bitstream Charter', Times, serif;\">Berlin, 28.02.19<\/span><\/pre>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Sehr geehrte Pr\u00e4sidentin, liebe Ulrike,<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>mein Name ist Fanny-Michaela Reisin,<\/p>\n<p>Sie und ich wirkten w\u00e4hrend der 80er und 90er Jahre gemeinsam &#8211; vielleicht erinnern Sie es noch &#8211; in der wissenschaftlichen Friedensbewegung. Sie als Biochemikerin, ich als Informatikerin. Anfang der 90er konzipierten wir den internationalen Friedens- und Kulturkongress &#8222;CHALLENGES \u2013 Science and Peace in a Rapidly Changing Environment&#8220; und brachten mit internationalen Teilnehmenden die Vereinigung INES (International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility) auf den Weg. Ich kehrte danach ins FIFF (Forum InformatikerInnen f\u00fcr Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e. V.) zur\u00fcck, Sie wahrscheinlich zu NatWiss (NaturwissenschaftlerInnen &#8211; Verantwortung f\u00fcr Frieden und Zukunftsf\u00e4higkeit e. V.).<\/p>\n<p>Ich erinnere zwar noch ein Gespr\u00e4ch mit Ihnen \u00fcber Israel, bin aber sicher, dass meine Herkunft zwischen uns nie zur Sprache kam. Ich wurde in Jerusalem geboren. Nach dem Abitur an einem Berliner Gymnasium nahm ich mein Studium an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t Jerusalem auf und erlebte im zweiten Studienjahr 1967 den sog. Junikrieg als Teil der Zivilverteidigung im Bunker der gro\u00dfen Zentralbibliothek. Nach Bombardements auf zivile St\u00e4tten zogen wir aus, um die Menschen zu versorgen.<\/p>\n<p>Der aktuelle Anlass f\u00fcr den vorliegenden Brief ist &#8211; Sie ahnen es sicher &#8211; die Auszeichnung der von mir im Jahre 2003 mit ins Leben gerufenen &#8222;J\u00fcdischen Stimme f\u00fcr gerechten Frieden in Nahost&#8220; (JS) mit dem diesj\u00e4hrigen G\u00f6ttinger Friedenspreis. Der Grund ist die im Namen des Pr\u00e4sidiums der Georg-August- Universit\u00e4t publizierte Presserkl\u00e4rung in diesem Zusammenhang. Hier hei\u00dft es u. a.:<\/p>\n<blockquote><p>In der aktuellen Situation hat die Entscheidung zu einer Kontroverse gef\u00fchrt, bei der sich die Universit\u00e4t keiner der kontrovers ge\u00e4u\u00dferten Meinungen anschlie\u00dfen kann. Daher wird die Universit\u00e4t in diesem Jahr die Preisverleihung nicht unterst\u00fctzen und die Verleihungsfeier kann nicht in R\u00e4umen der Universit\u00e4t stattfinden. \/&#8230;\/<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich bevorzuge die Anrede in der dritten Person, da ich Sie in erster Linie als Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin anrufe. \u00dcberdies sehe ich uns in Kenntnis der Entscheidung Ihres Hauses auf verschiedenen Seiten. Gleichwohl habe ich, da die online einsehbaren Angaben zu Ihrer Vita besagen, dass Sie sich der wissenschaftlichen Friedensbewegung weiterhin verbunden f\u00fchlen, Grund zur Hoffnung, dass Sie meine \u00c4u\u00dferungen, wenn schon nicht teilen, so doch zumindest verstehen werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_13466\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13466\" class=\" wp-image-13466\" src=\"http:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/G\u00f6ttinger_Sieben_ArM.jpg\" alt=\"Ein Schwarz-Wei\u00df-Druck der Portr\u00e4ts von sieben Herren in Anz\u00fcgen.\" width=\"400\" height=\"457\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/G\u00f6ttinger_Sieben_ArM.jpg 1302w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/G\u00f6ttinger_Sieben_ArM-131x150.jpg 131w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/G\u00f6ttinger_Sieben_ArM-768x878.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><p id=\"caption-attachment-13466\" class=\"wp-caption-text\">Die G\u00f6ttinger Sieben, Lithografie von Carl Rohde, 1837\/38<\/p><\/div>\n<p>Die Erkl\u00e4rung verst\u00f6rt mich. Nicht nur wegen meiner Mitgliedschaft in der JS [&#8222;J\u00fcdische Stimme&#8220; &#8211; d. Red.]. Mindestens ebenso bedr\u00fcckend ist, dass eine so lapidar formulierte Abweisung, die zudem vom Pr\u00e4sidium einer Universit\u00e4t allein mit der Unf\u00e4higkeit begr\u00fcndet ist, sich einer Meinung anzuschlie\u00dfen (sic!), ein bezeichnendes Licht auch auf die wissenschaftliche Gemeinschaft in Deutschland wirft, der auch ich angeh\u00f6re. Im 70. Jubil\u00e4umsjahr des Grundgesetzes mag auch mein langj\u00e4hriges friedens- und menschenrechtspolitisches Engagement in Deutschland der Grund f\u00fcr meine Verzagtheit beim Lesen solcher Einlassungen sein. Ich werde im letzten Abschnitt meines Briefs darauf zur\u00fcckkommen und einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang jenseits der aktuellen Auseinandersetzung um die Auszeichnung der J\u00fcdischen Stimme f\u00fcr gerechten Frieden in Nahost aufspannen, der sich mit einem Vorschlag zu einem friedenspolitischen Beitrag Ihrer Universit\u00e4t verbindet, aus dem mein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ein glaubw\u00fcrdiges Interesse an der langfristig verl\u00e4sslichen Sicherheit Israels und seiner Bev\u00f6lkerung hervorgeht.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Es ist schon bitter, wenn die Repr\u00e4sentanten einer Universit\u00e4t, die weltweit als Leuchtturm der Zivilcourage und gesellschaftspolitischen Verantwortung hochgesch\u00e4tzt wird, sich in der Weise unbeteiligt aus der Aff\u00e4re ziehen. Ich frage mich, ob Sie sich des kostbaren Erbes der G\u00f6ttinger Sieben von 1837 sowie der G\u00f6ttinger Achtzehn von 1957 unbedingt und durchg\u00e4ngig verpflichtet sehen oder nur von Fall zu Fall, etwa, wenn Zuspruch und nicht Unbill zu erwarten ist? Es stehe dahin, ob der gute Ruf der G\u00f6ttinger Universit\u00e4t durch Ihre dem Schein nach um (Wert-) Neutralit\u00e4t bem\u00fchte, in der Sache jedoch &#8211; wie banal formuliert auch immer &#8211; unmissverst\u00e4ndlich auf der Seite der Herren Verleumder und Rufm\u00f6rder positionierte Einlassung Schaden genommen hat.<\/p>\n<p>Als Mitglied der JS schreibe ich diesen Brief, weil ich Ihnen in aller Ausf\u00fchrlichkeit zur\u00fcckspiegeln m\u00f6chte, wie eine Erkl\u00e4rung wirkt, in der das Pr\u00e4sidium einer doch gestandenen Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen wegen der Auszeichnung unserer kleinen Vereinigung seine seit 1998 j\u00e4hrlich der Stiftung Dr. Roland R\u00f6hl zugehende Einladung zur Ausrichtung der Verleihungsfeier in der Universit\u00e4tsaula ohne Angabe triftiger Gr\u00fcnde zur\u00fcckzieht. Eine Ausladung eigentlich, die mehr noch durch den Nachsatz, dass die Preisverleihung in diesem Jahr von der Universit\u00e4t nicht unterst\u00fctzt werde und in keinem der Universit\u00e4tsr\u00e4ume stattfinden d\u00fcrfe, als nachdr\u00fcckliche Aussperrung verstanden werden soll.<\/p>\n<p>Die diesj\u00e4hrigen Laureaten sind samt der ehrenden Stiftung an Ihrer Universit\u00e4t unerw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Soviel zum Tatbest\u00e4ndigen und wie es auf mich wirkt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, das die am Zustandekommen der genannten Entscheidung beteiligten Pr\u00e4sidiumsmitglieder sich bei der Pr\u00fcfung und W\u00fcrdigung der f\u00fcr den vorliegenden Vorgang relevanten Faktoren von der Umsicht, Sorgfalt und Akribie haben leiten lassen, die an einem wissenschaftlichen Standort \u00fcblich sind. Vielmehr unterstelle ich &#8211; wof\u00fcr in erster N\u00e4herung die offenkundig bewusste Abschmelzung eines in der Bundesrepublik Deutschland nun seit langem virulenten gesellschaftspolitischen Konflikts auf eine &#8222;Kontroverse&#8220; (sic!) als Rechtfertigung herhalten mag -, dass die verwickelten, zweifellos komplexen Zusammenh\u00e4nge vom Pr\u00e4sidium nicht \u00fcberblickt wurden. Folglich k\u00f6nnen Sie bei Ihrer vermeintlich unverf\u00e4nglichen Entscheidung auch nicht genau gewusst haben, auf welcher Seite des Konflikts Sie mit dem publizierten Beschluss unweigerlich Position ergriffen und zu wessen Gunsten und Interessen Sie sich zu verwenden entschieden haben.<\/p>\n<p>Die folgenden Fakten und Argumente wollen Ihnen eine andere Seite des Konflikts (es gibt ja, wer wollte dies bestreiten, unz\u00e4hlig viele) zu bedenken geben. Keine Anklage. Eine bescheidene Zusammenschau wesentlicher Gesichtspunkte, in der Absicht, Ihnen und den \u00fcbrigen Pr\u00e4sidiumsmitgliedern die Wirkung und Reichweite Ihrer Entscheidung aus anderem Blickwinkel zu vermitteln.<\/p>\n<h4>a) Eliminierung der internationalen BDS Bewegung &#8211; Element der israelischen Sicherheitspolitik<\/h4>\n<p>Ist Ihnen bekannt, dass die Aussperrung unserer Organisation aus allen R\u00e4umen der Universit\u00e4t unabweisbar 1:1 eine Kampagne umsetzt, die im Jahre 2016 von der Regierung des Staates Israel beschlossen, fortan unter dem Titel &#8222;anti-BDS&#8220; systematisch als wesentlicher Topos der israelischen Sicherheitspolitik verfolgt wird?<\/p>\n<p>Die erste &#8222;anti-BDS Conference&#8220; fand, ausgerichtet von der Regierung Israels, zusammen mit \u00fcberregionalen israelischen Medien am 28. M\u00e4rz 2016 in Jerusalem statt. Yisrael Katz , der erst k\u00fcrzlich vom Ministerpr\u00e4sidenten Netanyahu mit dem Au\u00dfenministeriums betraute bisher schon Minister f\u00fcr Geheimdienste, Transport und Atomenergie &#8211; (Minister for Intelligence, Transportation and Nuclear Energy) wusste schon damals \u00f6ffentlich kundzutun, dass Israel sich die &#8222;gezielt zivile Eliminierung&#8220; (&#8222;civil targeted elimination&#8220;) von BDS-F\u00fchrern mit Hilfe der Geheimdienste vorbehalten m\u00fcsse (&#8222;Israel should engage in \u201ctargeted civil eliminations\u201d of BDS leaders with the help of Israeli intelligence&#8220;). Beim Ministerium f\u00fcr \u00f6ffentliche Sicherheit und strategische Angelegenheiten (Ministry of Public Security and Strategic Affairs)\u00a0wurde im selben Jahr eine umf\u00e4nglich budgetierte &#8222;anti-BDS&#8220;-Abteilung eingerichtet. Der zust\u00e4ndige (anti-BDS-)Minister Gilad M. Erdan erkl\u00e4rt seitdem bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Entschlossenheit, die BDS-Bewegung weltweit mit &#8222;allen mir verf\u00fcgbaren politischen, geheimdienstlichen und sonstigen Mitteln&#8220; zu eliminieren. Gleich wenige Monate sp\u00e4ter lud der israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen als Schirmherr und Gastgeber namenhafte j\u00fcdische Organisationen wie den World Jewish Congress (WJC), die Anti-Defamation League (ADL), die Zionist Organization of America und v. a. m. zur zweiten anti-BDS Conference im Hauptsaal der UN-Generalversammlung ein, auf der Strategie und Programmatik er\u00f6rtert werden sollten. Hier brandmarkte der Pr\u00e4sident des WJC Ron Lauder &#8222;BDS&#8220; als &#8222;modern-day anti-semitism&#8220; und rief dazu auf, alle Ressourcen zu seiner Bek\u00e4mpfung zu mobilisieren.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Tats\u00e4chlich sind in den vergangenen drei Jahren &#8211; vor allem in den L\u00e4ndern Nordamerikas und Nordwesteuropas &#8211; umf\u00e4ngliche Interventionen israelischer und nordamerikanischer Journalisten sowie Lobbyisten zu verzeichnen, die in den jeweiligen L\u00e4ndern von aktiven Freunden Israels und h\u00e4ufig von den offiziellen, von dem jeweiligen Staat mit der Vertretung der dort lebenden Juden betrauten Gemeinden unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Zu den Interventionen geh\u00f6ren etwa: Initiativen zu Gesetzen, die BDS-Unterst\u00fctzung unter Strafe stellen, Diffamierungen von AktivistInnen der Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t und Diskreditierung von Einlassungen in \u00f6ffentlichen Medien und Einrichtungen wie dem J\u00fcdischen Museum Berlin als antisemitisch, wenn die Kritik an der israelischen Regierungspolitik oder am gesellschaftlichen Status quo Israels den Zensoren als &#8222;israel-feindlich&#8220; erscheint. Im Mittelpunkt solcher Umtriebe steht die Vereitlung der \u00dcberlassung von R\u00e4umen zur Durchf\u00fchrung von Veranstaltungen, die z. B. die israelische Milit\u00e4rbesatzung pal\u00e4stinensischer Territorien, den israelischen Siedlungsbau auf besetztem Gebiet, die gescheiterte internationale Politik der &#8222;Friedensprozesse&#8220;, die Ausgrenzung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung innerhalb Israels oder Fl\u00fcchtlingslager zum Thema haben, in denen Millionen vertriebener Pal\u00e4stinenser ohne Aussicht auf eine Staatsangeh\u00f6rigkeit ihr Leben fristen. St\u00e4dtische und kirchliche Institutionen werden massivem Druck unterzogen, bis sie sich entschlie\u00dfen, sogar vertraglich zugesicherte R\u00e4ume aufzuk\u00fcndigen, um einem etwaigen Ruf als Antisemiten zu entgehen. Solcherart &#8222;Eliminierungskampagne&#8220; findet im gro\u00dfen Ma\u00dfstab weltweit und nicht zuletzt auch hierzulande, etwa in M\u00fcnchen, Heidelberg oder Frankfurt statt. Gilt in der Bundesrepublik Deutschland das Eintreten f\u00fcr die Rechte der Pal\u00e4stinenser generalis als antisemitisch?<\/p>\n<p>Um Fehldeutungen und Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen: Die Regierungen des Staats Israel sind selbstverst\u00e4ndlich souver\u00e4n, ihre Politik im Interesse der B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen auf ihrem Hoheitsgebiet nach eigenem Ermessen und Gutd\u00fcnken zu definieren. Das Ansinnen jedoch, die BDS-Bewegung weltweitzu eliminieren, kann indes schlechterdings nur in Verletzung des geltenden V\u00f6lkerrechts verfolgt werden. Beruht es doch weitgehend auf unzul\u00e4ssige Einmischungen und mehr noch auf dem Export eigner Politikdefinitionen und nationaler Grunds\u00e4tze in die Hoheitsgebiete anderer Staaten. Da erkl\u00e4rterma\u00dfen kein Mittel gescheut werden soll, kommt die Durchsetzung von Regularien, zu denen die Regierungen Israels allenfalls auf dem Territorium der eigenen nationalen Grenzen erm\u00e4chtigt sind, in anderen Staaten der Aussetzung der jeweils dort selbstbestimmt und souver\u00e4n beschlossenen Verfasstheit gleich.<\/p>\n<p>Die JS wei\u00df aus eigenen Erfahrungen, wie sich solcherlei \u00dcbergriffe von umtriebigen Vertretern der Anti- BDS-Kampagne anf\u00fchlen. Im Herbst 2017 wurde ihr Konto bei der Bank f\u00fcr Sozialwirtschaft (BfS) aus heiterem Himmel ohne Angabe von Gr\u00fcnden gek\u00fcndigt. Ein Gespr\u00e4ch beim Vorstand ergab, dass die punktuelle Unterst\u00fctzung der BDS-Bewegung der einzige K\u00fcndigungsgrund war. Auf das Angebot der Bank, abzuschw\u00f6ren und das Konto aufrechtzuerhalten, ging die JS nicht ein. Dank des Massenprotests demokratisch gesinnter Privatpersonen sowie vieler friedens- und menschenrechtspolitischer Organisationen, Verb\u00e4nden etc., die als BfS-Kunden in Verteidigung des Grundgesetzes und der rechtsstaatlichen Verfasstheit der Bundesrepublik Deutschland nicht zulie\u00dfen, dass die israelische Regierung hierzulande &#8211; so als sei Deutschland eine Bananenrepublik &#8211; agiert, unterh\u00e4lt die JS eines ihrer Konten nach wie vor bei der BfS.<\/p>\n<p>Sie werden es vielleicht schon erkannt haben. Ich sehe den Konflikt um die Auszeichnung unserer Vereinigung mit dem G\u00f6ttinger Friedenspreis zweifelsfrei im Zeichen dieser, von der Regierung Israels definierten und international betriebenen Anti-BDS-Kampagne. Sie zu tolerieren kommt in letzter Instanz einer Absage an geltendes internationales und ebenso bundesdeutsches Recht gleich, Kritik zu \u00fcben und von der Regierung Israels zu fordern, im Interesse internationaler und regionaler Abr\u00fcstungs- und Entspannungsbem\u00fchungen sowie nicht zuletzt auch im Interesse der in ihre Obhut gegebenen israelischen Bev\u00f6lkerung zu den v\u00f6lkerrechtlichen Standards zur\u00fcckzukehren. Damit w\u00e4ren \u00fcbrigens auch die zentralen Forderungen der BDS-Bewegung erf\u00fcllt und ihr der Boden f\u00fcr ihr weiteres Wirken entzogen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 4\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Nun handelt es sich bei der international vernetzten, gewaltfreien BDS-Bewegung, die von der JS punktuell unterst\u00fctzt wird, um eine rein politisch-moralische Basisbewegung, die von der pal\u00e4stinensischen Zivilgesellschaft 2005, im vierten Jahrzehnt israelischer Milit\u00e4rbesatzung, ausging. Es steht au\u00dfer Frage, dass die zivile, ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach zivile und gewaltfreie BDS-Bewegung, weder milit\u00e4risch noch \u00f6konomisch auch nur im Ansatz das Potential hat, eine Bedrohung f\u00fcr Israels \u00d6konomie, Verteidigung und Sicherheit darzustellen. Auch wird sich vergeblich m\u00fchen, wer in den offiziell publizierten, online jederzeit nachpr\u00fcfbaren Dokumenten der Komitees der Initiatoren nach einer Infragestellung, Ablehnung oder Anfechtung der &#8211; durch internationales Recht ohnehin verbrieften &#8211; Existenz des Staats Israels sucht.<\/p>\n<p>Die Regierungen Israels f\u00fcrchten seit Jahren die ideelle Kraft der moralischen und politischen Kritik an der Definition und Praxis ihrer Politik, die vornehmlich auf milit\u00e4rische St\u00e4rke setzt und expressis verbis regionale Hegemonie beansprucht. Beides sind Politikgrunds\u00e4tze, die von den Mitgliedsstaaten der EU und namentlich von der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 vor dem Hintergrund der verheerenden Zerst\u00f6rungen im Namen von Militarismus, Nationalismus und nationaler Vorherrschaft aufgegeben wurden, weil sie auf lange Sicht nicht zukunftsf\u00e4hig sind und insbesondere einer lebenswerten, sozial- und naturvertr\u00e4glichen Zukunft entgegenstehen. Die JS sieht sich als deutsche Sektion der European Jews for a Just Peace (EJJP) in diesbez\u00fcglich ausdr\u00fccklich der europ\u00e4ischen Politikkultur nach 1945 verpflichtet: Es kann doch eine Politik der milit\u00e4rischen St\u00e4rke und regionalen Hegemonie nicht f\u00fcr die Nationen Europas falsch und f\u00fcr den j\u00fcdischen Staat Israel richtig sein!<\/p>\n<p>Kein Mensch in Deutschland, keine Bundes-, Landesregierung und keine Kommune kann behaupten, eine ehrliche und besch\u00fctzende Freundschaft zu Israel und zur j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung hierzulande zu hegen und zugleich kritiklos Verst\u00f6\u00dfe der israelischen Regierungen gegen Standards tolerieren, die international und auf deutschem Territorium als kostbare Errungenschaften gepriesen werden, die nach den verheerenden Erfahrungen der von Deutschland ausgehenden NS-Herrschaft in Europa sowie zweier Weltkriege in der UN-Charta und dem V\u00f6lkerrecht verbrieft wurden. Und niemand in Deutschland kann guten Gewissens behaupten, den in Israel lebenden ca. 6 Millionen Juden in Freundschaft und Verantwortung verbunden zu sein und gleichzeitig offenkundige Problem- und Gefahrenbereiche ausblenden, die dringend der internationalen Aufmerksamkeit bed\u00fcrfen. Erst recht nicht eine Universit\u00e4t, deren Privileg es ist, alle geistigen, wissenschaftlichen und technologischen Kapazit\u00e4ten zu vereinen, die Weitsicht und Prognose erm\u00f6glichen und in gesellschaftspolitischen Situationen fehlgeleiteter Orientierung zur fundierten Ermahnung und rechtzeitigen Korrektur verpflichten, wie dies uns die G\u00f6ttinger Achtzehn zeigten und mithin doch f\u00fcr alle Zeiten aufgaben.<\/p>\n<h4>b) Die ungute Rolle des Zentralrats der Juden in Deutschland<\/h4>\n<p>Mir ist vollkommen bewusst: Ein Brief an Sie ist nicht der Ort, Beschwerde \u00fcber die ungute Rolle des Zentralrats der Juden in Deutschland zu f\u00fchren. Auch will ich nicht verhehlen, dass es mir \u00fcberaus schwerf\u00e4llt, die folgenden Zeilen zu schreiben. Geh\u00f6re ich doch einer Generation an, die dem Zusammenhalt und der Loyalit\u00e4t anh\u00e4ngt, die Minderheiten in Mehrheitsgesellschaften eigen ist und in der j\u00fcdischen Gemeinschaft immer vorschrieb, Differenzen untereinander intern auszutragen und nicht auf offenem Markt. Ich weiche von dieser Haltung nunmehr ab. Nicht so sehr, weil der Vorsitzende Schuster und andere Mitglieder des Zentralrats solcherart Zusammenhalt schon l\u00e4ngst aufgek\u00fcndigt und durchkreuzt haben. Vielmehr gehe ich im vorliegenden Brief auf den Zentralrat der Juden in Deutschland ein, weil ich nicht den geringsten Zweifel daran habe, dass das Pr\u00e4sidium Ihres Hauses bei seiner &#8211; alles in allem f\u00fcr das Entscheidungsgremium einer Universit\u00e4t auch erstaunlich kurzsichtigen &#8211; Entscheidung vorbehaltslos den Vor- und Ma\u00dfgaben des Zentralrats der Juden gefolgt ist.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 5\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Eben dies darf so nicht stehenbleiben. Deshalb komme ich nicht umhin, einige der vom Zentralrat gegen uns verbreiteten Anw\u00fcrfe einzuordnen und argumentativ zu parieren. Aus gegebenem Anlass will ich \u00fcberdies die ungute Rolle des Zentralratsvorsitzenden Schuster im Konflikt um unsere Auszeichnung offenlegen, die m. E. geeignet ist, ein gedeihliches Zusammenleben in der Bundesrepublik Deutschland zu unterminieren.<\/p>\n<p>Ich komme zur Sache.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich dem Pr\u00e4sidium Ihres Hauses unterstelle &#8211; freilich ohne dies zu entschuldigen -, dass es bei seiner Entscheidung nicht alle Implikationen und Folgen seines Handelns \u00fcberblickte, muss f\u00fcr den Vorsitzenden Schuster und die \u00fcbrigen Mitgliedern des Zentralrats der Juden in Deutschland festgestellt werden, dass sie sich ganz bewusst von der Regierung des Staates Israel vorgeblich zu seinem Schutze von der Anti-BDS-Kampagne in den Dienst nehmen lassen. Die Diffamierungen der JS, die bei der \u00f6ffentlichen Bekanntgabe ihrer Auszeichnung mit dem G\u00f6ttinger Friedenspreis von Schuster im Namen des Zentralrats publiziert wurden, lassen sich nicht anders erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Sie werden dadurch allerdings nicht richtig und sind als ebenso fehlgeleitet zu beurteilen, wie die dahinterstehende &#8222;Eliminierungspolitik&#8220; der israelischen Regierung. Dabei k\u00f6nnten die guten Beziehungen zu Israel von offiziell j\u00fcdischer Seite in Europa doch produktiv genutzt werden, den Blick im Sinne eines mehr und besser sehenden Au\u00dfenbeobachters der Konfliktregion auf eine andere Politikkultur zu lenken, etwa der, der aus europ\u00e4ischem Blickwinkel Tragf\u00e4higkeit und bessere Lebensqualit\u00e4t zugesprochen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Laut Staatsvertrag mit der Bundesrepublik Deutschland wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland mit der Kultushoheit und Vertretung aller hierzulande lebenden Juden betraut. In diesem Sinne kommt dem Zentralrat eine F\u00fcrsorge- und Schutzpflicht zu, die er regelwidrig verletzt, indem er Juden und J\u00fcdinnen, die eine Minderheitsmeinung vertreten, systematisch ausgrenzt und sich mehr noch dazu versteigt, sie \u00f6ffentlich zu diskreditieren. Dabei ist dort allzu gut bekannt, dass niemand aus der j\u00fcdischen Gemeinschaft ausgeschlossen und durch Vorhaltungen wie &#8222;Verr\u00e4ter&#8220;, &#8222;Selbsthasser&#8220; diffamiert oder, wie im eben vorliegenden Fall geschichtsvergessen und w\u00fcrdelos als Antisemit gebrandmarkt werden kann. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat weder in j\u00fcdisch-religi\u00f6ser noch in weltlich-demokratischer Hinsicht die Befugnis, Juden zu entw\u00fcrdigen oder gar aus dem Judentum auszuschlie\u00dfen!<\/p>\n<p>Von der Bundesrepublik Deutschland mit der Kultushoheit der j\u00fcdischen Gemeinden aller Richtungen in diesem Lande betraut, ist er gehalten, s\u00e4mtlichen Juden Schutz zu gew\u00e4hren, auch &#8222;rebellischen&#8220;, die anders denken und \u00f6ffentlich andere Meinungen zu Israel, zum j\u00fcdischen Glauben oder zum allgemeinen Weltgeschehen vertreten als die vom Zentralrat und seinen Organen verlautbarten. In unseren Reihen sind etliche praktizierende Juden und J\u00fcdinnen, die Mitglieder der J\u00fcdischen Gemeinde zu Berlin sowie zu anderen Orten sind, und in Synagogen beten. Andersdenkende &#8211; zugegeben, meistens wenige, die in ihren Anschauungen von der Mehrheit der j\u00fcdischen Gemeindemitglieder abweichen und selbstbewusst keinen Hehl daraus machen, dass sie eine Minderheit in der Minderheit sind. Der Zentralrat missbraucht die ihm zugesprochene Monopolstellung in Deutschland, wenn er darauf besteht, Andersdenkenden, die seiner Obhut anvertraut sind, die im Grundgesetz verbriefte Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu versagen.<\/p>\n<p>Im Sinne einer Kultusgemeinde, die doch mehr sein muss als nur eine politisch-\u00f6konomische, dem Schutz von Israel verschriebene \u00dcberwachungszentrale k\u00f6nnten die Mitglieder des Zentralrats etwa dem guten Beispiel der Evangelischen und der Katholischen Kirche folgen, die in Zeiten der 68er Studenten-, der Friedens- oder der Anti-AKW-Bewegung ihre H\u00e4user f\u00fcr Andersdenkende offenhielten und ihre Hand &#8211; ich\u00a0erinnere mich an die PastorInnen und TheologInnen Helmut Gollwitzer, Heinrich Albertz, Dorothee S\u00f6lle, Ute Ranke-Heinemann u. a. m. &#8211; ausstreckten, um jenen menschlich zu begegnen, Verbindung zu halten und immer wieder Br\u00fccken zwischen der Mehrheit der christlichen Gesellschaft und kritisch denkenden Minderheiten zu bauen sowie R\u00e4ume f\u00fcr ausgewogene Dialoge zu schaffen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 6\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Fast hat es den Anschein, als vertrete der Zentralrat in Deutschland lautstark und vorrangig die Interessen des Staates Israel und nicht, wie es ihm per Staatsvertrag mit der Bundesrepublik Deutschland aufgegeben ist, die Belange der hierzulande lebenden Juden. Die Bundesregierung, die die Bundesrepublik Deutschland in diesem Staatsvertrag formell vertritt, nimmt an dieser Art Interessenvertretung keinen Ansto\u00df. F\u00fcr Israel gelten &#8211; ganz gleich, wie die Politik seiner jeweiligen Regierung sich ausnimmt &#8211; unter Bezugnahme auf eine &#8222;Freundschaft&#8220; in historischer Verantwortung besondere Standards, und dem Vorsitzenden Schuster wird erstaunlicherweise zugestanden, sich bisweilen in die Rolle des Ministerpr\u00e4sidenten eines 17. Bundeslandes zu versteigen.<\/p>\n<p>Dass der Vorsitzende des Zentralrats in seiner Pressemitteilung gegen unsere Auszeichnung \u00f6ffentlich vorbringt, die BDS-Bewegung wecke Assoziationen zum Boykott j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte im Dritten Reich, ist mehr als nur fadenscheinig und infam. Der antisemitische V\u00f6lkermord, die dem\u00fctigenden Pogrome, Vertreibungen und Verfolgungen, die Juden w\u00e4hrend des NS-Regimes, aber auch schon w\u00e4hrend fast zwei Jahrtausenden im christlichen Europa davor erlitten, wird von Schuster in unlauterer Absicht instrumentalisiert. Die J\u00fcdische Stimme und unz\u00e4hlige andere Organisationen mit ihr haben schon l\u00e4ngst in schriftlichen Einlassungen, auf Plakaten und Transparenten bei Aktionen \u00f6ffentlich ausgerufen:<\/p>\n<blockquote><p>Kauf bei Juden, kauf bei Christen, Heiden, Moslems, Hindus, und Buddhisten: Kauf keine Siedlungsprodukte &#8218;made in Israel&#8216;!<\/p><\/blockquote>\n<p>Das &#8218;B&#8216; in BDS er\u00f6ffnet B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen die M\u00f6glichkeit, individuell mit zivilen Mitteln gegen Unrecht und Ungerechtigkeit aufzustehen und sich anhaltenden Verletzungen der Grund- und Menschenrechte durch einen Staat, hei\u00dfe er Iran, Sudan, T\u00fcrkei oder eben Israel, zivilgesellschaftlich vernetzt, von jedem Ort auf dem Globus aus, gewaltfrei zu widersetzen. Ziviler Boykott ist ein &#8211; nicht zuletzt auch von den Vereinten Nationen immer wieder legitimiertes &#8211; Mittel des selbstorganisierten Widerstands, das historisch individuell und kollektiv vielerorts eingesetzt worden ist, um in zivilen Bewegungen die Breite und Kraft zu entfalten, die n\u00f6tig sind, um politischen Druck auf Regierungen aufzubauen, die ihre Innen- oder Au\u00dfenpolitik \u00fcber geltendes internationales Recht stellen.<\/p>\n<p>Was ist von dem Ansinnen zu halten, hierzulande B\u00fcrgerrechte und politischen Freiheiten einschr\u00e4nken zu wollen? Und weil solches Ansinnen nicht umstandslos durchk\u00e4me, noch dazu Opfer des Holocaust in unverantwortlicher Weise unentwegt, immer und immer wieder zu instrumentalisieren? Wie ist die Gemengelage zu beurteilen, wenn der Zentralrat der Juden in Deutschland die Blaupause liefert, die von Krethi und Plethi wie etwa den Stadtpolitikern der FDP in G\u00f6ttingen, umtriebigen Antideutschen allerorts, alten und neuen Nazis allzu gern als Freibrief verstanden wird, die JS und irgendwann vielleicht auch andere Juden zu diffamieren?<\/p>\n<p>Wissenschaft w\u00e4re nach meinem Daf\u00fcrhalten auch hier in der Verantwortung und aufgerufen, von einer Meta-Position die Verstrickungen einer Konstellation zu analysieren und zu beurteilen, die hierzulande dadurch entstehen, dass doppelte Rechts- und Politikstandards geltend gemacht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die JS mahnt seit Jahren vor der Gefahr des Vertrauensverlusts in die Glaubw\u00fcrdigkeit und Verl\u00e4sslichkeit der bundesrepublikanischen Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, wenn im Falle Israel die au\u00dfenpolitisch generell hochgehaltenen menschenrechts- und friedenspolitischen Standards ausgesetzt werden, aber auch wenn der Zentralrat die Einschr\u00e4nkung der Grundrechte f\u00fcr die JS betreiben und mit unhaltbaren Diffamierungen von sich Reden machen kann, ohne abgemahnt zu werden.<\/p>\n<p>Soweit.<\/p>\n<p>Mag sein, dass meine Ausf\u00fchrungen nun eher Zorn als besorgte Verzagtheit ausdr\u00fccken und doch zur Klage geraten sind. Tats\u00e4chlich bin ich entt\u00e4uscht, sehr besorgt und ja, nicht ohne Zorn. Wie ist es m\u00f6glich, dass eine altehrw\u00fcrdige Universit\u00e4t, ein sozialdemokratischer Oberb\u00fcrgermeister mit seinen Stadtverordneten und sogar eine Bank in der Weise leichtfertig und ohne n\u00e4here Pr\u00fcfung den Anw\u00fcrfen des Zentralrats der Juden folgen? Ich mag nicht glauben, dass die ganze Stadt in Sachen Ausgrenzung und Diffamierung einfach wegschaut. Oder gar einig zusammensteht? Ich will es nicht glauben. Und doch treiben mich Sorgen um.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Welche demokratischen Gepflogenheiten k\u00f6nnten in solchen Situationen helfen, wenn nicht ein Rundtischgespr\u00e4ch? Warum hat sich das Pr\u00e4sidium der G\u00f6ttinger Universit\u00e4t nicht als Mittler aus politisch und inhaltlich nicht involvierter, wissenschaftlich und gesellschaftspolitisch autonomer Position angeboten? Warum werden alle Gespr\u00e4chsangebote vom Zentralrat in den Wind geschlagen und ein Podiumsgespr\u00e4ch mit der Vorsitzenden unserer Vereinigung br\u00fcsk zur\u00fcckgewiesen? Wir h\u00f6rten es schon oft, &#8222;mit Israel- Feinden&#8220; setzt sich kein Repr\u00e4sentant der J\u00fcdischen Gemeinden an einen Tisch. Was sonst? Eliminieren?<\/p>\n<p>Es bleibt dabei: Am wenigsten begreife ich, dass eine Universit\u00e4t, der hierzulande Autonomie verbrieft ist und die alle Freiheiten genie\u00dft, Forschung und Entwicklung selbst zu bestimmen sowie ihre Gangart in der Wahrnehmung ihrer Verantwortung f\u00fcr die Implikationen und Folgen ihres Tuns eigenst\u00e4ndig zu entscheiden, sich in der Weise aus der Aff\u00e4re zieht, wie in der genannten bewusst unverf\u00e4nglich gehaltene Erkl\u00e4rung geschehen.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte nach meinem Daf\u00fcrhalten der Georg-August-Universit\u00e4t gut angestanden, anstatt mit einer nichts erkl\u00e4renden Erkl\u00e4rung dem Schein nach ihr Gesicht zu wahren, in klarer, verantwortungsvoller Haltung bestimmt und verbindlich Gesicht zu zeigen. Ich hatte bis zuletzt gehofft, ja, mehr noch erwartet, dass die G\u00f6ttinger Universit\u00e4t nach umsichtiger Pr\u00fcfung der Vorstellungen der Konfliktparteien in Wahrnehmung ihrer Souver\u00e4nit\u00e4t und Eigenst\u00e4ndigkeit Zeichen setzen wird, statt ihre Unf\u00e4higkeit zu beteuern, sich zu entscheiden, womit das Pr\u00e4sidium nicht desto trotz willf\u00e4hrig und auf bequemste Weise sich doch entschieden hat, blind dem Mainstream zu folgen.<\/p>\n<p>Haben Sie bei Ihrer Entscheidung, uns aus den R\u00e4umen der Universit\u00e4t auszusperren, den Druck, die Unw\u00e4gbarkeit und vor allem die Gefahren bedacht, denen sich die G\u00f6ttinger Sieben 1837 aussetzten, als sie couragiert die Beibehaltung der liberalen Verfassung und Liberalit\u00e4t einzufordern und damit gegen die Obrigkeit des K\u00f6nigs von Hannover aufzustehen, sich entschlossen hatten? Es ist bekannt: Alle sieben Professoren verloren ihren Lehrstuhl, drei wurden sogar des Landes verwiesen.<\/p>\n<p>Haben Sie bedacht, wie schwer es 120 Jahre sp\u00e4ter 1957 auch den G\u00f6ttinger Achtzehn gefallen sein mag, Zivilcourage zu zeigen und sich mahnend nicht nur der Politik einer von Konrad Adenauer und Franz-Josef Strau\u00df gef\u00fchrten Regierung, sondern auch der Mehrheit der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu verweigern, die in restaurativer Absicht bestrebt war, die milit\u00e4rische Verteidigung Deutschlands wiederherzustellen, den raschen Aufbau der Bundeswehr voranzutreiben und selbst vor der Planung der Ausr\u00fcstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen nicht haltzumachen gesonnen waren?<\/p>\n<p>Im Vergleich zu den genannten gesellschaftspolitischen Problemen ist der nunmehrige Konflikt, vor dem Sie und das Pr\u00e4sidium zur\u00fcckgescheut sind, kaum der Rede wert. Ich respektiere Ihre Entscheidung nolens volens und werde freilich problemlos mit der Tatsache leben k\u00f6nnen, dass auch Leuchtt\u00fcrme der Zivilcourage der scientific community in Zeiten allgemeiner Ungeordnetheit und vernebelter Klarsicht ihre Strahlkraft einb\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<h4>c) Ein Vorschlag zur genuin f\u00fcrsorglichen Langfristsicherung der Existenz Israels<\/h4>\n<p>Ich will nun, bevor ich zum Schluss komme, die G\u00f6ttinger Auseinandersetzungen um die Auszeichnung der J\u00fcdischen Stimme f\u00fcr gerechten Frieden in Nahost in einen Kontext stellen, der wiederum einen anderen Blickwinkel auf die Dinge er\u00f6ffnet und ihre Einordnung in das allgemeinpolitische Weltgeschehen erlaubt.<\/p>\n<p>Ist Ihnen und an Ihrer Universit\u00e4t bekannt, dass zeitgleich zur Erhebung der G\u00f6ttinger Achtzehn 1957 gegen die von der Adenauer-Regierung angestrebten Ausr\u00fcstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen der mit Bundeskanzler Adenauer milit\u00e4rpolitisch und waffentechnologisch eng verbundene israelische Ministerpr\u00e4sident Ben-Gurion f\u00fcr die milit\u00e4rische Verteidigung Israels noch weiterging? Beide Regierungschefs wiesen ihre Verteidigungsminister Shimon Peres und Franz-Josef Strau\u00df an, \u00fcber die atomare Aufr\u00fcstung beider Staaten nicht nur zu sprechen, sondern ernsthaft den Plan der Regierung Israels zu verhandeln, im selben Jahr mit dem Bau eines Kernreaktors zu beginnen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 8\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Reaktor 1962 in der Negev-W\u00fcste, unweit der israelischen Stadt Dimona in Betrieb genommen wurde und, ungeachtet des 1968 international geschlossenen, von Israel nie unterzeichneten Atomwaffensperrvertrags, bis zum heutigen Tag zur Entwicklung und Herstellung von Atomwaffen genutzt wird. Es sei dahingestellt, ob dies seinerzeit an der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen bekannt war. Otto Hahn war in jedem Fall gut informiert.<\/p>\n<p>In Deutschland konnte die atomare Bewaffnung der Bundeswehr verhindert werden. Nicht zuletzt, wenngleich auch nicht allein dank der G\u00f6ttinger Achtzehn, der Ostermarschierenden, der Kriegsm\u00fcden, die s\u00e4mtlich als Minderheiten gestartet sind und schlie\u00dflich eine breite bundesweite Diskussion \u00fcber die atomare Bewaffnung der Bundeswehr zustande brachten, die Gewerkschaften und Parteien erreichte. Ungeachtet des faktischen Erfolgs der ersten bundesdeutschen Friedensbewegung der 50er und 60er Jahre, der sich zweifellos auch dem Umstand verdankte, dass die US-amerikanische Besatzungsmacht den atomaren Bestrebungen Deutschlands eine Absage erteilte, entfaltete sich mit der seinerzeitigen Massenbewegung eine Friedenskultur, die nach meinem Daf\u00fcrhalten innen- und au\u00dfenpolitisch bis heute tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ganz anders in Israel. Ben-Gurion und die Regierungen unter allen Ministerpr\u00e4sidenten nach ihm zogen es vor, ihre Pl\u00e4ne und sp\u00e4ter die atomaren Aufr\u00fcstung gegen\u00fcber dem Ausland und vor allem auch gegen\u00fcber der eigenen Bev\u00f6lkerung geheim zu halten.<\/p>\n<p>Israel verf\u00fcgt \u00fcber Atom- und anderen Massenvernichtungswaffen. Es ist hier nicht der Ort hier, die damit verbundenen Implikationen auch nur ansatzweise zu er\u00f6rtern. Es w\u00e4re aber gut und wichtig zu wissen, ob an Ihrer Universit\u00e4t in Tradierung des guten Beispiels der G\u00f6ttinger Achtzehn zu den Problem- und Konfliktfeldern geforscht und publiziert wird, die die israelische Erforschung, Entwicklung und Herstellung von atomaren Sprengk\u00f6pfen sowie der Handel mit solchen etwa in der Region und in Afrika nach sich ziehen. Zumal hiermit k\u00fcnftig Gefahren und Fragen verbunden sein werden, die im Nachgang zur einseitigen Aufk\u00fcndigung des 2015 erreichten Atomabkommens mit der Islamischen Republik Iran durch die Trump-Administration sowie der k\u00fcrzlich erfolgten Aufk\u00fcndigung ihres mit Russland abgeschlossenen INF-Vertrags \u00fcber atomare Mittelstrecken aus dem von Washington zu erwartenden massiven Druck erwachsen, der auf EU-Mitglieder, zumal auf die Bundesrepublik Deutschland ausge\u00fcbt werden d\u00fcrfte, den Atomvertrag mit Iran ebenfalls aufzuk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Im Jahre 2013 h\u00f6rte ich als Delegierte der deutschen Sektion des IPPNW sowie der FIDH (Internationale Liga f\u00fcr Menschenrechte) auf einer Konferenz zur atom- und massenzerst\u00f6rungswaffenfreien Zone im Nahen &#8211; und Mittleren Osten (&#8222;Haifa Conference for a Nuclear Weapons and Weapons of Mass Destruction Free Zone in the Middle East&#8220;) keinen geringeren als Avraham Burg Klage dar\u00fcber f\u00fchren, dass Israel Atom- und andere Massenvernichtungswaffen besitze, entwickle und exportiere, was die eigene Existenz in h\u00f6chstem Ma\u00dfe gef\u00e4hrde. Burg war seines Zeichens viele Jahre Knesset-Abgeordneter und sp\u00e4ter auch Knesset-Pr\u00e4sident. Er wusste folglich aus erster Hand, wor\u00fcber er sprach.<\/p>\n<p>Die Regierung Israels, so Avraham Burg, w\u00e4re gut beraten, die Ambiguit\u00e4t ihrer Atompolitik aufzugeben und aktiv regionale Zusammenk\u00fcnfte, Beratungen und Verhandlungen unter Beteiligung aller Staaten einschlie\u00dflich Irans voranzutreiben, die das Ziel haben sollten, f\u00fcr den Nahen und Mittleren Osten eine Zone frei von Atom- und anderen Massenzerst\u00f6rungswaffen zu verwirklichen. Die Beitr\u00e4ge der meisten israelischen Abgeordneten und WissenschaftlerInnen gingen in dieselbe Richtung. Israel sei ein integraler Teil der Region Mittelost und es k\u00f6nne nicht von Iran gefordert werden, sich jeglicher Kernforschung zu enthalten, wenn nicht dasselbe von Israel gefordert werde.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten Sie und das Universit\u00e4tspr\u00e4sidium sich vorstellen, unter einer solchen oder \u00e4hnlichen \u00dcberschrift eine internationale Konferenz der Begegnung von VertreterInnen der Naturwissenschaften und der Politik in den R\u00e4umen Ihrer Universit\u00e4t einzuberufen?<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 9\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Angesicht der sich in den kommenden Jahren zuspitzenden R\u00fcstungseskalation und des massiven Drucks auf die EU-Mitgliedsstaaten k\u00f6nnte die Georg-August-Universit\u00e4t hier in Sachen Atommacht Israel und Atom-Schwellen-Land Iran wichtige Zeichen setzen und einen genuinen Beitrag zur langfristigen Sicherung der Existenz Israels leisten. Schlechterdings entbehrt eine solche Vision jeder realistischen Aussicht auf Umsetzung: Der Zentralrat der Juden in Deutschland und wahrscheinlich auch der Botschafter des Staates Israel st\u00fcnden davor und w\u00fcrde Sie des institutionellen Antisemitismus bezichtigen. Das Pr\u00e4sidium d\u00fcrfte im Angesicht einer solchen Gefahr schon antizipativ beschlie\u00dfen, sich von solchem Konflikt tunlichst fernzuhalten. Ich werde mich jederzeit freuen, eines Besseren belehrt zu werden.<\/p>\n<p>Damit bin ich am Ende. Es ist wie gesagt ein Brief, den ich, pers\u00f6nlich entt\u00e4uscht vom Pr\u00e4sidium der von Ihnen geleiteten Georg-August-Universit\u00e4t an Ihre Adresse als Pr\u00e4sidentin richte.<\/p>\n<p>Die Stiftung Dr. Roland R\u00f6hl wird sich bem\u00fchen, in dieser Woche einen Raum f\u00fcr die Preisverleihung zu finden. Die JS wird &#8211; daran habe ich keinen Zweifel &#8211; eine Verleihung des G\u00f6ttinger Friedenspreises auch auf der Stra\u00dfe als gro\u00dfes Fest feiern. Selbst, wenn die Dr. Roland R\u00f6hl Stiftung dem allseits auf sie ausge\u00fcbten Druck nicht couragiert standgehalten h\u00e4tte, w\u00e4ren wir aus den Auseinandersetzungen in den Wochen seit Bekanntgabe unserer Auszeichnung, ob der breiten Unterst\u00fctzung und des Zuspruchs, die uns t\u00e4glich zuteil werden, ermutigt und poliitisch gest\u00e4rkt hervorgegangen.<\/p>\n<p>Um so mehr danken wir der Stiftung erstens f\u00fcr die Auszeichnung und zweitens f\u00fcr ihre Entschlossenheit, an unserer Seite zu bleiben. Ein Zeichen demokratischer Aufrichtigkeit und Standhaftigkeit, das wir uns von der G\u00f6ttinger Universit\u00e4t gew\u00fcnscht h\u00e4tten. Aber davon handelt ja der ganze Brief.<\/p>\n<p>Mit besten Gr\u00fc\u00dfen und &#8222;trotz alledem&#8220; erdenklich guten W\u00fcnschen, verbleibe ich in guter Erinnerungen an gehabte gemeinsame Erfahrungen, Ihre\/Deine<\/p>\n<p>Fanny-Michaela Reisin<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute erh\u00e4lt die &#8222;J\u00fcdische Stimme f\u00fcr den gerechten Frieden in Nahost&#8220; den mit 3.000 Euro dotierten G\u00f6ttinger Friedenspreis. 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