{"id":14545,"date":"2020-01-14T07:00:01","date_gmt":"2020-01-14T05:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=14545"},"modified":"2020-01-13T17:39:36","modified_gmt":"2020-01-13T15:39:36","slug":"leo-ensel-zum-flugzeugabschuss-in-teheran-deeskalation-jetzt-auch-zwischen-dem-westen-und-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=14545","title":{"rendered":"Leo Ensel zum Flugzeugabschuss in Teheran: Deeskalation jetzt! Auch zwischen dem Westen und Russland!"},"content":{"rendered":"<h4>Der versehentliche Abschuss des ukrainischen Passierflugzeugs \u00fcber Teheran eignet sich nicht zur geopolitischen Instrumentalisierung. Er zeigt vielmehr exemplarisch, welche Katastrophen zu Spannungszeiten unter extremem Zeitdruck immer wahrscheinlicher werden.<\/h4>\n<p><em>V<\/em><em>on Leo Ensel<\/em><\/p>\n<p>Nun also doch. Die iranische Regierung hat am Samstagmorgen zugegeben, die Boeing 737 der ukrainischen Fluggesellschaft in der Nacht zum letzten Mittwoch abgeschossen zu haben. 176 Menschen mussten sterben, weil in einer h\u00f6chstangespannten kriegerischen Konfliktsituation sich die Dinge sehr wahrscheinlich verselbst\u00e4ndigten.<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung des Iran, es habe sich hier um ein Versehen gehandelt, klingt glaubw\u00fcrdig. Auch wenn man sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, dieses Eingest\u00e4ndnis w\u00e4re fr\u00fchzeitig erfolgt und nicht erst zu einem Zeitpunkt, wo die Fakten offensichtlich nicht mehr zu leugnen waren. Keine Frage: dies war, vorsichtig gesprochen, keine informationspolitische Meisterleistung des Teheraner Regimes. Allerdings steht der Iran mit diesem Verhalten \u2013 leider \u2013 nicht alleine da.<\/p>\n<p>Jetzt ist nicht die Zeit f\u00fcr wechselseitige Schuldzuweisungen, jetzt w\u00e4re die Zeit f\u00fcr alle direkt und mittelbar involvierten Akteure, zehn Schritte zur\u00fcckzutreten, mit k\u00fchlem Kopf die gesamte Dynamik, die zu dieser Katastrophe f\u00fchrte, zu analysieren und Konsequenzen zu implementieren, die ein solches Ereignis f\u00fcr die Zukunft nach menschlichem Ermessen unm\u00f6glich machen &#8211; im gegenw\u00e4rtigen Konflikt zwischen den USA und dem Iran und auch anderswo.<\/p>\n<div id=\"attachment_13409\" style=\"width: 492px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13409\" class=\" wp-image-13409\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/raketen_kol.jpg\" alt=\"Zwei kleine Menschlein unterhalten sich zwischen einem riesigen Arsenal furchteinfl\u00f6\u00dfender Raketen, die aus ihren Bodensilos herausragen.\" width=\"482\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/raketen_kol.jpg 990w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/raketen_kol-150x105.jpg 150w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/raketen_kol-768x536.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><p id=\"caption-attachment-13409\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Und du bist dir sicher, es ist die Umweltpolitik, mit der sich die Menschheit selbst ausl\u00f6scht?!&#8220; Karikatur (4.2.2019): Klaus Stuttmann.<\/p><\/div>\n<p>Ein einzelner Mensch, dem nur ein Zeitfenster von zehn Sekunden f\u00fcr eine Entscheidung solcher Tragweite zur Verf\u00fcgung stand, kann unm\u00f6glich zum alleinigen S\u00fcndenbock f\u00fcr diese Katastrophe instrumentalisiert werden. Selbst dem Oberstleutnant der Sowjetarmee, Stanislaw Petrow [1], der in der Nacht vom 26. September 1983 sehr wahrscheinlich einen Dritten Weltkrieg verhinderte, weil er angesichts einer f\u00fcnfmaligen Alarmmeldung des Raketenabwehrsystems die Nerven behielt und diese \u2013 wie sich sp\u00e4ter herausstellte, zu Recht \u2013 als Fehlalarm wertete, hatten damals immerhin noch circa zehn Minuten f\u00fcr eine Entscheidung zur Verf\u00fcgung gestanden.<\/p>\n<p>Die Lehre aus dem schrecklichen Ereignis kann nur lauten: In Zeiten extremer Spannungen erh\u00f6ht sich die Wahrscheinlichkeit solcher \u201eFehler\u201c in astronomischer Geschwindigkeit.<\/p>\n<p>Machen wir uns nichts vor: was in Teheran passierte, kann \u2013 namentlich in Spannungszeiten \u2013 \u00fcberall auf diesem Globus geschehen. Und daher jederzeit auch zwischen der NATO und Russland. So hat ausgerechnet ein eher der NATO nahestehender milit\u00e4rpolitischer Think Tank, das \u201eEuropean Leadership Network\u201c (ELN) allein in dem Jahr seit Beginn der Krimkrise bis M\u00e4rz 2015 insgesamt 66 \u201eCritical Incidents\u201c zwischen den Streitkr\u00e4ften der NATO und Russlands \u2013 vor allem \u00fcber der Ostsee und dem Schwarzen Meer \u2013 registriert [2], davon drei, die unter die Kategorie \u201eHigh Risk\u201c fielen. Und kein Geringerer als Michail Gorbatschow erkl\u00e4rte vor f\u00fcnf Jahren in einem Interview mit dem Spiegel [3]:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn angesichts dieser angeheizten Stimmung einer die Nerven verliert, werden wir die n\u00e4chsten Jahre nicht \u00fcberleben. Ich sage so etwas nicht leichtfertig. Ich mache mir wirklich allergr\u00f6\u00dfte Sorgen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit einem Wort:\u00a0je angespannter die Konfliktsituation, je k\u00fcrzer die Vorwarnzeiten, desto gr\u00f6\u00dfer die Wahrscheinlichkeit von Fehleinsch\u00e4tzungen von im <em>Worst Case<\/em> bis zu apokalyptischen Ausma\u00dfen. Die Tendenz, angesichts dieser beunruhigenden Entwicklung immer mehr Entscheidungen an sogenannte \u201ek\u00fcnstliche Intelligenz\u201c, sprich: an Computer, sprich: an Algorithmen zu delegieren, ist alarmierend. Die Gefahr eines Atomkriegs aus Versehen, den heute kein &#8222;Petrow&#8220; mehr verhindern k\u00f6nnte, ist durchaus realistisch.<\/p>\n<p>Die f\u00fcrchterliche Katastrophe von Teheran ist daher geradezu paradigmatisch f\u00fcr die gesamte Entwicklung. Es kann daraus nur eine Konsequenz geben: Solch extrem zugespitzte Situationen d\u00fcrfen erst gar nicht eintreten.<\/p>\n<p>Also: Deeskalation! Weltweit! Nicht zuletzt zwischen dem Westen und Russland!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>[1] <a href=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=12783\">Leo Ensel: Stanislaw Petrow oder die Anstrengung der Phantasie, September 2018<\/a><\/p>\n<p>[2] <a href=\"https:\/\/www.europeanleadershipnetwork.org\/commentary\/russia-west-dangerous-brinkmanship-continues\/\">Thomas Frear: Russia &#8211; West Dangerous Brinkmanship Continues, 12.3.2015 in: European Leadership Network.<\/a><\/p>\n<p>[3]\u00a0<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/gorbatschow-warnt-vor-grossem-krieg-in-europa-a-1012201.html\"><span class=\"block text-primary-base font-sansUI font-bold lg:text-l md:text-l sm:text-base lg:mb-4 md:mb-6 sm:mb-6\">Gorbatschow \u00fcber Ost-West-Beziehungen<\/span><span class=\"font-slabcdUI font-extrabold lg:text-7xl md:text-5xl sm:text-4xl leading-tight\"><span class=\"align-middle\">&#8222;Der Vertrauensverlust ist katastrophal&#8220;.\u00a0<\/span><\/span>Mit scharfen Worten bewertet Michail Gorbatschow die aktuelle Weltpolitik. Im Gespr\u00e4ch mit dem SPIEGEL warnt der Friedensnobelpreistr\u00e4ger vor einem gro\u00dfen Krieg in Europa &#8211; und erhebt schwere Vorw\u00fcrfe gegen Deutschland. In: Spiegel Online, 1.11.2015<\/a><\/p>\n<div class=\"article__share\">\n<div class=\"article__social-wrapper\">\n<div class=\"article__text \">\n<div class=\"article__short-url\">\n<div class=\"short-url\">\n<div class=\"article__text \">\n<hr \/>\n<p><i>Dr. Leo Ensel (\u201eLook at the other side!\u201c) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt \u201ePostsowjetischer Raum und Mittel-\/Ost-Europa\u201c. Er ist Autor einer Reihe von Studien \u00fcber die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. <\/i><em>Wir bedanken uns bei ihm f\u00fcr die M\u00f6glichkeit des Abdrucks. Der Text wurde am 13.1.2020 bei RT Deutsch ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der versehentliche Abschuss des ukrainischen Passierflugzeugs \u00fcber Teheran eignet sich nicht zur geopolitischen Instrumentalisierung. Er zeigt vielmehr exemplarisch, welche Katastrophen zu Spannungszeiten unter extremem Zeitdruck immer wahrscheinlicher werden. 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