{"id":14949,"date":"2020-05-08T07:00:56","date_gmt":"2020-05-08T05:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=14949"},"modified":"2020-05-08T10:32:54","modified_gmt":"2020-05-08T08:32:54","slug":"stefanie-intveen-gemeinsam-fuer-eine-friedliche-zukunft-zum-75-jaehrigen-kriegsende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=14949","title":{"rendered":"Stefanie Intveen: Gemeinsam f\u00fcr eine friedliche Zukunft. Zum 75-j\u00e4hrigen Kriegsende"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Stefanie Intveen.<\/em><\/p>\n<p>Vor drei\u00dfig Jahren, im Mai 1990, 45 Jahre nach Kriegsende, befand ich mich als K\u00f6lner Studentin zu einem Auslandssemester in Wolgograd, der neuen Partnerstadt K\u00f6lns. \u201eGlasnost\u201c und \u201ePerestroika\u201c hatten politische und kulturelle Freiheiten gebracht, aber die schwere Wirtschaftskrise nicht beseitigt. Auch wir Auslandsstudenten erhielten Lebensmittelmarken f\u00fcr den Bezug von Mehl, Fett, Zucker, Fleisch. Die Regale in den staatlichen Lebensmittelgesch\u00e4ften waren oft leer. Daran erinnere ich mich, wenn ich heute in den Supermarkt in der N\u00e4he meiner K\u00f6lner Wohnung gehe und mich wundere, dass die Versorgungslage aufgrund der CoViD-19-Krise immer noch schlecht ist: seit Wochen sind Kaffee, Nudeln, Reis, Mehl, Zucker, Toilettenpapier und Seife rationiert und oft genug nicht vorr\u00e4tig.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_14953\" style=\"width: 446px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14953\" class=\" wp-image-14953\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_175f-scaled.jpeg\" alt=\"Zwei kyrillisch bedruckte, nummerierte und gestempelte M\u00e4rkchen aus vergilbtem Papier.\" width=\"436\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_175f-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_175f-150x107.jpeg 150w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_175f-768x550.jpeg 768w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_175f-1536x1100.jpeg 1536w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_175f-2048x1466.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 436px) 100vw, 436px\" \/><p id=\"caption-attachment-14953\" class=\"wp-caption-text\">Lebensmittelmarken, die im April 1990 zum Bezug von &#8222;Fleischprodukten&#8220; und &#8222;tierischem Fett&#8220; im Wolgograder Stadtbezirk &#8222;Sowetzki&#8220; berechtigten. Foto: Stefanie Intveen<\/p><\/div>\n<p>In Wolgograd arrangierten wir uns schnell mit der ungewohnten Situation. Wir waren als Besitzer von Devisen geradezu reich und konnten m\u00fchelos auf dem Kolchosmarkt oder im \u201eBerjoska\u201c einkaufen. Die einheimischen Kommilitonen hatten wenig Geld und wurden von ihren in den umliegenden D\u00f6rfern lebenden Familien unterst\u00fctzt. Sie halfen uns Ausl\u00e4ndern, wo sie konnten, interessierten sich f\u00fcr unsere Erz\u00e4hlungen \u00fcber Westdeutschland und f\u00fchrten uns in die Wunderwelt ihrer Feierkultur ein. Trotz der tiefen Krise, die nur wenig sp\u00e4ter in den Zerfall der Sowjetunion m\u00fcndete, hatten wir eine herrliche Zeit.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Beim Zusammensein mit unseren neuen Wolgograder Freunden und Bekannten half uns sehr, dass die bundesdeutsche Gesellschaft nach harten Auseinandersetzungen eine ziemlich klare Vorstellung von der Art und dem Ausma\u00df der Verbrechen der NS-Zeit gewonnen hatte. Wir waren gut vorbereitet auf den Aufenthalt in der Stadt, die die Wehrmacht 1942\/1943 bei dem vergeblichen Versuch, zu den kaukasischen \u00d6lgebieten durchzusto\u00dfen, verw\u00fcstet hatte. Uns Kriegsenkeln war die deutsche Kriegsschuld klar; wir wussten, dass daraus eine Verantwortung f\u00fcr die Zukunft erwuchs &#8211; nicht als Bu\u00dfe f\u00fcr \u201eererbte S\u00fcnden\u201c, sondern als einzig vern\u00fcnftige Schlussfolgerung aus den historischen Massenverbrechen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Am 8. Mai 1985 hatte Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker vor dem Deutschen Bundestag erkl\u00e4rt:<\/p>\n<blockquote><p>Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch f\u00e4hig ist. Deshalb d\u00fcrfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden. Es gibt keine endg\u00fcltig errungene moralische Vollkommenheit &#8211; f\u00fcr niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gef\u00e4hrdet. Aber wir haben die Kraft, Gef\u00e4hrdungen immer von neuem zu \u00fcberwinden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Rede bildete einen gesellschaftlichen Grundklang der 1980er Jahre ab; dieses Fundament tr\u00e4gt viele von uns bis heute.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_14954\" style=\"width: 326px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14954\" class=\" wp-image-14954\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_1758-scaled.jpeg\" alt=\"Auf rotes Papier gedruckte Anweisung an Kunden dazu, welche Produkte rationiert seien: Toilettenpapier, K\u00fcchenrolle, Seife, Mehl, Nudeln, Reis.\" width=\"316\" height=\"390\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_1758-scaled.jpeg 2074w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_1758-122x150.jpeg 122w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_1758-768x948.jpeg 768w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_1758-1244x1536.jpeg 1244w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/fullsizeoutput_1758-1659x2048.jpeg 1659w\" sizes=\"auto, (max-width: 316px) 100vw, 316px\" \/><p id=\"caption-attachment-14954\" class=\"wp-caption-text\">Rationierung in einem K\u00f6lner Supermarkt, April 2020. Foto: Stefanie Intveen<\/p><\/div>\n<p>Hochmut ist fehl am Platz. Die CoViD-19-Pandemie und die politischen Reaktionen darauf zeigen beispielhaft, wie \u00e4hnlich wir Menschen uns sind, wie verletzlich und unvollkommen. Selbst im reichen Deutschland ist die Grundversorgung nicht selbstverst\u00e4ndlich; auch hier werden Grundrechte eingeschr\u00e4nkt. Zusammenarbeit im Sinne eines globalen Gemeinwohls ist nun notwendig, um die sich absehbar versch\u00e4rfenden Gegens\u00e4tze und Notlagen zu mildern.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auch andere Risiken machen vor L\u00e4ndergrenzen nicht Halt: Klimawandel, Artensterben und Atomkrieg bedrohen das menschliche Leben insgesamt. Wir selbst k\u00f6nnen aber das Ausma\u00df der Bedrohungen verringern. Die Pandemie zeigt, zu welch drastischen Verhaltens\u00e4nderungen menschliche Gesellschaften f\u00e4hig sind, wenn sie sie f\u00fcr notwendig erachten. Heute, 75 Jahre nach Kriegsende, k\u00f6nnen wir den Blick auf das Verbindende richten und unsere Kraft f\u00fcr eine gemeinsame friedliche Zukunft einsetzen. In diesem Sinne w\u00fcnsche ich uns allen einen guten 8. und 9. Mai!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Stefanie Intveen. Vor drei\u00dfig Jahren, im Mai 1990, 45 Jahre nach Kriegsende, befand ich mich als K\u00f6lner Studentin zu einem Auslandssemester in Wolgograd, der neuen Partnerstadt K\u00f6lns. \u201eGlasnost\u201c und \u201ePerestroika\u201c hatten politische und&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":110,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[107],"tags":[100,45,186,124,76],"class_list":["post-14949","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kommentar","tag-ethik","tag-geschichte","tag-gesundh","tag-voelkermord","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14949","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/110"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14949"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14949\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14975,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14949\/revisions\/14975"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}