{"id":17256,"date":"2022-09-20T15:16:47","date_gmt":"2022-09-20T13:16:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=17256"},"modified":"2022-09-20T15:16:47","modified_gmt":"2022-09-20T13:16:47","slug":"josef-freise-frieden-schaffen-mit-oder-ohne-waffen-der-ukrainekrieg-und-die-christliche-friedensethik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=17256","title":{"rendered":"Josef Freise: Frieden schaffen mit oder ohne Waffen? Der Ukrainekrieg und die christliche Friedensethik"},"content":{"rendered":"<p><em>Wir ver\u00f6ffentlichen den folgenden Vortrag, den der Theologe und P\u00e4dagoge Prof. em. Dr. Josef Freise am\u00a07. Juli 2022 im Katholischen Forum Koblenz gehalten hat:<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<p>Es ist ein lang gehegter Wunsch, der Krieg m\u00f6ge aus der Welt verbannt werden, so wie die Sklaverei zumindest als juristisch feststellbarer Tatbestand abgeschafft werden konnte. Doch Krieg ist nie aus der Welt verschwunden und die katholische Gemeinschaft Sant\u2019 Egidio hat eine Liste mit 26 Kriegen auf der Welt f\u00fcr den Monat Juni 2022 erstellt. Mit dem Krieg in der Ukraine ist die Kriegsbedrohung nahe an uns heranger\u00fcckt und hat einen bisher unvorstellbaren Umschwung im Denken hin zu massiver Aufr\u00fcstung mit sich gebracht. Was sagen Christinnen und Christen, was sagt die christliche Friedensethik zum Krieg? Welche Stellung beziehen die christlichen Kirchen? Darum wird es heute gehen. Es werden unterschiedliche kirchliche Positionen dargelegt werden und am Ende steht die Suche nach Auswegen aus dem Krieg aus christlicher Perspektive.<\/p>\n<h3>Die biblische Grundlage<\/h3>\n<p>Gewalt ist in den Geschichten der Menschheit von Anfang an pr\u00e4sent. Das Buch Genesis der Bibel berichtet, wie die zwischenmenschliche Harmonie zwischen Kain und Abel zerst\u00f6rt wird, indem Kain seinen Bruder Abel t\u00f6tet. Das Alte Testament erz\u00e4hlt von vielen Gewalttaten und ist zugleich voller Hoffnungsbilder des Friedens. Jesaja (Jes. 11,6) beschreibt einen paradiesischen Tierfrieden:<\/p>\n<blockquote><p>Da wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim B\u00f6cklein, Kalb und L\u00f6we weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie h\u00fcten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Jesaja und Micha sehen in Jerusalem den Berg des Herrn, zu dem alle V\u00f6lker in friedlicher Absicht ziehen\u00a0(Mi 4,1-4):<\/p>\n<blockquote><p>Denn von Zion kommt die Weisung, aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn. Er spricht Recht im Streit vieler V\u00f6lker, er weist m\u00e4chtige Nationen zurecht bis in die Ferne. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und \u00fcbt nicht mehr f\u00fcr den Krieg. Jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt ihn auf.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Jesus \u00f6ffentlich auftritt und die Ankunft des Reiches Gottes verk\u00fcndet, sieht er sich in dieser Tradition der Friedenspropheten.<\/p>\n<p>Theologinnen und Theologen sind sich heute weitestgehend einig, dass Jesus selbst jede Form von Gewalt abgelehnt hat. Er wollte das B\u00f6se durch das Gute \u00fcberwinden und war eher bereit zu leiden, das Kreuz auf sich zu nehmen und zu sterben, als anderen Gewalt anzutun. Als Petrus ihn vor seiner Verhaftung verteidigen will, geht er ihn barsch an\u00a0(Mt 26,52):<\/p>\n<blockquote><p>Steck dein Schwert in die Scheide.<\/p><\/blockquote>\n<p>Jesus preist die selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden Land gewinnen, das Land erben.\u00a0F\u00fcr die Christen der ersten beiden Jahrhunderte war der Totalpazifismus v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich (Angenendt). Schon weil auch der r\u00f6mische Kaiser g\u00f6ttlich verehrt wurde, w\u00e4re es nicht in Frage gekommen, ihm milit\u00e4risch zu dienen. Das \u00e4ndert sich mit Kaiser Konstantin, der den christlichen Glauben annimmt. Soldaten, die sich zum Christentum bekehrten, standen nach der Konstantinischen Wende vor der Frage, ob sie nun ihren Milit\u00e4rdienst verlassen m\u00fcssten. Sie konnten sich dann auf Jesu Reaktion im Lukasevangelium berufen, wo er Soldaten antwortete bei deren Frage, was sie denn tun sollten, um das ewige Leben zu erhalten (Lk 3,14):<\/p>\n<blockquote><p>Misshandelt und erpresst niemanden, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!<\/p><\/blockquote>\n<h3>Die Lehre vom gerechten Krieg<\/h3>\n<p>Hier kann nicht die gesamten Kirchengeschichte unter dem Aspekt des Krieges behandelt werden. Dann w\u00e4re auch von der teilweise gewaltt\u00e4tigen Missionierung zu berichten. Religion kann immer auch von Herrschenden missbraucht werden, die sich als Stellvertreter Gottes berechtigt f\u00fchlen, ihre eigenen Interessen im Namen Gottes gewaltsam durchzusetzen. Was die Kirchengeschichte theologisch gepr\u00e4gt hat, war die Lehre des Gerechten Krieges, f\u00fcr die Augustinus die Grundlage erstellte. Auch wenn sie sp\u00e4ter missbraucht wurde, war sie eine Lehre zur Verhinderung bzw. mindestens zur Eingrenzung des Krieges. Krieg ist nach dieser Lehre nur als Reaktion auf eine schwere St\u00f6rung der \u00e4u\u00dferen Gerechtigkeit und der sozialen Ordnung erlaubt. Es m\u00fcssen bestimmte Obergrenzen von Gewalt eingehalten werden. Folter und Todesstrafe sind abzulehnen. Thomas von Aquin hat die Lehre vom gerechten Krieg weiter ausgearbeitet: Der Krieg muss in rechter Absicht geschehen. Er ist nur erlaubt, um die Armen und den Start vor weiteren Anschl\u00e4gen zu sch\u00fctzen. Krieg ist nur als letztes Mittel erlaubt. Es muss eine begr\u00fcndete Hoffnung auf Erfolg geben. Die Mittel m\u00fcssen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sein. Es muss zwischen K\u00e4mpfenden und Zivilisten unterschieden werden. Einige dieser Aspekte wurden in das V\u00f6lkerrecht \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Heute ist die Lehre vom Gerechten Krieg in Zeiten der Massenvernichtungswaffen \u00fcberholt; von einer Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Mittel kann nicht mehr gesprochen werden. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein; wir brauchen einen Gerechten Frieden.<\/p>\n<h3>Gewaltfreie Zug\u00e4nge und die Kriegsdienstverweigerung<\/h3>\n<p>In der Kirchengeschichte gab es immer wieder neue Str\u00f6mungen, die die konsequente Gewaltfreiheit Jesu in das Zentrum christlichen Lebens stellten. Erasmus von Rotterdam ist bek\u00fcmmert \u00fcber die Absurdit\u00e4t des Krieges zwischen christlichen V\u00f6lkern:<\/p>\n<blockquote><p>In beiden Heerlagern\u00a0werden Gottesdienste gefeiert. Ist das nicht etwas Ungeheuerliches? Das Kreuz k\u00e4mpft mit dem Kreuz.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt erinnert an den spanischen Humanisten, Philosophen und P\u00e4dagogen Juan Luis Vives, f\u00fcr den schon im 16. Jahrhundert Krieg durch nichts zu rechtfertigen war. Franz von Assisi lebte ganz aus dem Geist der Bergpredigt und ging unbewaffnet in das Heerlager der Muslime. Im Rahmen der reformatorischen Bewegungen entstanden die historischen Friedenskirchen der Qu\u00e4ker, der Mennoniten und die Church of the Brethren. Kriegsdienstverweigerung ist f\u00fcr sie konstitutiver Teil der Nachfolge Jesu. In der katholischen Kirche war Kriegsdienstverweigerung lange Zeit undenkbar und auch noch im Nationalsozialismus unvorstellbar. Der \u00f6sterreichische Bauer Franz J\u00e4gerst\u00e4tter verweigerte im Nationalsozialismus den Wehrdienst und bezahlte das mit dem Leben. Als er seinem Pfarrer und seinem Bischof erl\u00e4utern wollte, dass er Hitlers Krieg f\u00fcr nicht vereinbar mit der Lehre vom gerechten Krieg halte, wurde ihm k\u00fchl entgegnet, die Kl\u00e4rung dieser Frage solle er getrost in Theologen und der Amtskirche \u00fcberlassen. Erst das Zweite Vatikanische Konzil erkennt diejenigen an,<\/p>\n<blockquote><p>die aus Gewissensgr\u00fcnden Wehrdienst verweigern, vorausgesetzt, dass sie zu einer anderen Form des Dienstes an der menschlichen Gemeinschaft bereit sind.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass es zu diesem Absatz in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes kam, verdanken wir wenigen pazifistischen katholischen Christinnen und Christen wie Dorothy Day von Catholic Worker in den USA und Jean Goss und Hildegard Goss-Mayr vom Internationalen Vers\u00f6hnungsbund, denen es gelangt, den brasilianischen Bischof Dom Helder Camara und einige wenige andere, zumeist lateinamerikanische Bisch\u00f6fe von der Gewaltfreiheit Jesu zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Im Folgenden werden aktuelle friedensethische Ans\u00e4tze in den christlichen Kirchen noch einmal kurz skizziert, die sich in der Frage der Gewaltanwendung unterscheiden: Die eine Richtung sieht die Nutzung milit\u00e4rischer Gewalt unter Umst\u00e4nden als gerechtfertigt an; die andere Richtung vertritt die Gewaltfreiheit Jesu konsequent und lehnt milit\u00e4rische Gewalt grunds\u00e4tzlich ab. Niemand kann sagen, er oder sie habe die Wahrheit f\u00fcr sich gepachtet; Vertreter*innen beider Richtungen sollten die jeweilig andere Meinung als eine vielleicht notwendig kritische Anfrage an ihre Position wahrnehmen, so dass wir tiefer in die Wahrheit finden. Im Anschluss an die Darstellung der beiden Ans\u00e4tze werden Auffassungen vorgestellt, die in der \u00f6ffentlichen Meinung derzeit stark vertreten werden und nicht mit einer christlichen Grundhaltung vereinbar sind.<\/p>\n<h3>Friedensethik, die Gewalt zur Selbstverteidigung im Kriegsfall rechtfertigt<\/h3>\n<p>Die Erkl\u00e4rung der Bisch\u00f6flichen Kommission Justitia et Pax zum Ukraine-Krieg sieht in diesem Krieg den Einsatz von Waffen zur Verteidigung des Landes gegen die russische aggressive\u00a0Intervention als gerechtfertigt an:<\/p>\n<blockquote><p>Das in der Lehre der Kirche bejahte und im V\u00f6lkerrecht verankerte Recht auf Selbstverteidigung ist im Falle der Ukraine v\u00f6llig unbestritten gegeben. Entsprechend sind auch klug gew\u00e4hlte Waffenlieferungen legitim, wenn nicht sogar ethisch gefordert.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr die Evangelische Kirche im Rheinland bezieht J\u00f6rgen Klu\u00dfmann \u00e4hnlich Stellung, wenn er Bezug zur UN-Charta nimmt:<\/p>\n<blockquote><p>Die UN-Charta r\u00e4umt das Recht auf Selbstverteidigung im Falle eines v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffs ein. Die Ukraine verteidigt sich also zu Recht. Und sie verteidigt damit auch die Freiheit, die durch die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit \u00fcberhaupt erst garantiert werden. Werte, an die auch wir in Europa und im Westen glauben und f\u00fcr die wir bisher auch immer wieder eingetreten sind. Unser ganzes Konstrukt einer internationalen Sicherheitsarchitektur \u2013 Menschen- und V\u00f6lkerrecht \u2013 basiert auf diesen Werten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Klu\u00dfmann bezieht sich au\u00dferdem auf die Friedensdenkschrift der EKD aus dem Jahr 2007, in der einger\u00e4umt werde, dass Gewalt dann eingesetzt werden kann, wenn sie Menschen- und V\u00f6lkerrecht verteidigt. Klu\u00dfmann sieht darin eine Rechtfertigung f\u00fcr \u201eRecht schaffende Gewalt\u201c. Er steht damit in der Tradition evangelischer Situationsethik, die keine festen Regeln und Gesetze vertritt, sondern je nach Situation zu Entscheidungen kommt.<\/p>\n<div id=\"attachment_14061\" style=\"width: 526px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14061\" class=\" wp-image-14061\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/DSC_0223.jpg\" alt=\"Mehrere regenbogenfarbig leuchtende Friedensflaggen, die an langen, in eine Wiese gebohrten St\u00f6cken h\u00e4ngen. Im Hintergrund dunkelgr\u00fcner Wald.\" width=\"516\" height=\"344\" \/><p id=\"caption-attachment-14061\" class=\"wp-caption-text\">Friedensflaggen. Foto: Stefanie Intveen<\/p><\/div>\n<p>Auch wenn der Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt in Ausnahmesituationen zur Verhinderung schlimmerer Gewalt in bestimmten Traditionen christlicher Friedensethik als m\u00f6glich angesehen wird, sind doch einzelne Formulierungen der genannten Ans\u00e4tze bedenklich: Wenn gesagt wird, Waffeneinsatz sei ethisch gefordert, dann ist der Weg bis zum Segnen der Waffen nicht mehr weit. Der Einsatz von Waffen ist und bleibt immer ein \u00dcbel \u2013 er kann vielleicht ein gr\u00f6\u00dferes \u00dcbel verhindern. Das sollte jede christliche Stellungnahme auch so formulieren. Der Gedanke der \u201eRecht schaffenden Gewalt\u201c mag f\u00fcr gerichtlich angeordnete Hausdurchsuchungen gelten, aber nicht f\u00fcr kriegerische Gewalt. Eine solche Formulierung verschleiert, dass kriegerische Gewalt nicht nur Leid und Tod mit sich bringt, sondern auch neues Unrecht schafft.<\/p>\n<p>Papst Franziskus spricht nicht von einem ethisch geforderten Waffeneinsatz und von Recht schaffender Gewalt. Er zeigt im Ukrainekrieg zwar Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass sich das ukrainische Volk milit\u00e4risch verteidigen will, rechtfertigt die Gewalt aber nicht. Gewalt sei immer Ausdruck des Kainsmals, das wir als Menschen alle tragen. F\u00fcr Papst Franziskus bleibt klar, dass Jesu Botschaft auf Gewalt\u00fcberwindung durch Gewaltverzicht ausgerichtet ist. Friedensethik macht auf das Dilemma aufmerksam, dass wir Menschen oft so in Gewalt verstrickt sind, dass wir nicht schuldlos\u00a0herausfinden: Wenn ich Gewalt anwende, werde ich schuldig. Aber auch wenn ich keine Gewalt anwende und zusehe, wie neben mir Menschen unschuldig zu Opfern der Gewalt werden, kann ich schuldig werden.<\/p>\n<h3>Auf Gewaltverzicht ausgerichtete christliche Friedensethik<\/h3>\n<h4>&#8211; Zivile und soziale Verteidigung<\/h4>\n<p>Auf den konsequenten Gewaltverzicht Jesu berufen sich pazifistische Theologinnen und Theologen und verweisen darauf, dass es Erfahrungen mit zivilem gewaltfreiem Widerstand gibt, der auch Opfer erfordert, aber eben Opfer zumeist von denen, die sich freiwillig der Gewalt in den Weg stellen, w\u00e4hrend Soldaten oft gegen ihren Willen im milit\u00e4rischen Gehorsam an die Front m\u00fcssen und geopfert werden.<\/p>\n<p>Am konsequentesten hat in Deutschland der katholische Theologe Egon Spiegel von der Universit\u00e4t Vechta die pazifistische Position aus dem christlichen Glauben heraus formuliert. Er empfiehlt den Ukrainern, die wei\u00dfe Fahne zu hissen und stattdessen mit gewaltfreien Mitteln Widerstand zu leisten. Er beruft sich dabei auf Jesus: \u201e\u00dcberwindet das B\u00f6se mit dem Guten\u201c und verweist zugleich auf die Forschungen der Friedenswissenschaft, die viele Beispiele der gewaltfreien Konfliktbew\u00e4ltigung bereit h\u00e4lt. Auch wenn es vielen von uns illusion\u00e4r erscheint, sollten wir uns zumindest ein von Vertreter*innen der Sozialen Verteidigung verfochtenes Szenario einmal vor Augen f\u00fchren: Was w\u00e4re passiert, wenn sich die Regierung von Pr\u00e4sident Selenskyi ins Exil begeben h\u00e4tte und die Bev\u00f6lkerung aufgefordert h\u00e4tte, nicht mit den Besatzern zu kooperieren? Was w\u00e4re geschehen, wenn Hunderttausende prominente und einfache Menschen aus dem internationalen Ausland zum Demonstrieren nach Kiew und an die Grenz\u00fcberg\u00e4nge gegangen w\u00e4ren und gewaltfrei gegen den Einmarsch der russischen Truppen demonstriert h\u00e4tten? Es gibt keine Garantie f\u00fcr den Erfolg solcher Aktionen, und schon gar nicht f\u00fcr schnellen Erfolg. Mahatma Gandhi hat vor jeder seiner Aktionen lange gebetet und gefastet, um in seinem Innern sich zu vergewissern, ob die jeweils geplante Aktion erfolgreich sein k\u00f6nne in dem Sinne, dass sie das Gewissen von Menschen auf der gegnerischen Seite anr\u00fchren kann, ob die Herrschenden auf der gegnerischen Seite dadurch von diesen, in ihrem Gewissen angesprochenen Gefolgsleuten infrage gestellt w\u00fcrden oder ob die Aktion einfach nur sinnlos Menschenleben fordere. So utopisch uns die gewaltfreie Reaktion auf milit\u00e4rische Gewalt erscheint, so sehr sollten wir sie doch nicht einfach abtun. Der Aufruf Jesu, das B\u00f6se durch das Gute zu \u00fcberwinden, muss f\u00fcr uns ein Stachel bleiben, dem wir uns aussetzen.<\/p>\n<h4>Exkurs: Dietrich Bonhoeffers Anfrage bei Mahatma Gandhi<\/h4>\n<p>Dietrich Bonhoeffer wollte Mahatma Gandhi und seinen Ashram in Indien besuchen und dort sich in Gewaltfreiheit ausbilden lassen.Vor wenigen Jahren hat die Geschichtsforschung eine Kopie des Briefs von Dietrich Bonhoeffer an Mahatma Gandhi aus dem Jahr 1934 gefunden, und dieser Brief ist heute vielleicht aktueller denn je:<\/p>\n<blockquote><p>Es hat keinen Sinn, die Zukunft vorauszusagen, die in Gottes Hand liegt; aber wenn uns nicht alle Zeichen t\u00e4uschen, l\u00e4uft alles auf einen Krieg in naher Zukunft hinaus; und der n\u00e4chste Krieg wird gewiss den geistlichen Tod Europas zur Folge haben. Deshalb brauchen wir in unseren L\u00e4ndern eine wirklich geistlich gepr\u00e4gte und lebendige christliche Friedensbewegung. Die westliche Christenheit muss aus der Bergpredigt neu geboren werden; das ist der entscheidende Grund daf\u00fcr, dass ich Ihnen schreibe. Aus all dem, was ich von Ihnen und Ihrer Arbeit wei\u00df, nachdem ich Ihre B\u00fccher und Ihre Bewegung \u00fcber einige Jahre studiert habe, schlie\u00dfe ich, dass wir westlichen Christinnen und Christen von Ihnen lernen sollten, was mit dem Wirklich werden des Glaubens gemeint ist und was ein Leben erreichen kann, das dem politischen Frieden und dem Frieden zwischen ethnischen Gruppen gewidmet ist. Wenn es irgendwo ein sichtbares Beispiel f\u00fcr das Erreichen solcher Ziele gibt, sehe ich es in Ihrer Bewegung. Ich wei\u00df selbstverst\u00e4ndlich, dass Sie kein getaufter Christ sind; doch die Menschen, deren Glauben Jesus pries, geh\u00f6rten zumeist auch nicht zu der offiziellen Kirche ihrer Zeit. Wir haben gro\u00dfe Theologen in Deutschland \u2013 der gr\u00f6\u00dfte von ihnen ist nach meiner \u00dcberzeugung Karl Barth, dessen Sch\u00fcler und Freund ich gl\u00fccklicherweise bin \u2013, die uns von neuem die gro\u00dfen theologischen Gedanken der Reformation lehren; aber keiner zeigt uns den Weg zu einem neuen christlichen Leben in kompromissloser \u00dcbereinstimmung mit der Bergpredigt. In dieser Hinsicht suche ich bei Ihnen Hilfe.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Bewunderung, die ich f\u00fcr Ihr Land, seine Philosophie und seine F\u00fchrer, f\u00fcr Ihr pers\u00f6nliches Wirken unter den \u00c4rmsten Ihrer Mitmenschen, f\u00fcr Ihre erzieherischen Ideale, f\u00fcr Ihr Eintreten f\u00fcr Frieden und Gewaltlosigkeit, f\u00fcr die Wahrheit und ihre Kraft empfinde, hat mich dazu gebracht, dass ich unbedingt im n\u00e4chsten Winter nach Indien kommen m\u00f6chte \u2013 und zwar zusammen mit einem Freund, der durch die gleichen Gedanken und Fragen bewegt ist. Er ist Physiker und Ingenieur. In ganz Europa bin ich gereist und habe ich gelebt. Ich fuhr in die USA, um zu finden, wonach ich suchte; doch ich fand es nicht. Ich m\u00f6chte mir nicht selbst vorwerfen m\u00fcssen, dass ich eine gro\u00dfe Gelegenheit in meinem Leben vers\u00e4umt habe, um die Bedeutung christlichen Lebens, eines wirklichen Gemeinschaftslebens, von Wahrheit und Liebe in der Wirklichkeit zu verstehen. Die Frage, die ich Ihnen vorlegen m\u00f6chte, ist, ob ich die Erlaubnis erhalte, mit Ihnen einige Zeit in Ihrem Ashram zu verbringen, um Ihre Bewegung zu studieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Leider ist es zu dieser Reise Bonhoeffers nach Indien nicht gekommen, weil die Bekennende Kirche ihn f\u00fcr die Leitung des Predigerseminars in Finkenwalde anfragte.<\/p>\n<h4>Soziale Verteidigung und die Ukraine<\/h4>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der ukrainischen Bev\u00f6lkerung sprach sich noch wenige Monate vor Kriegsbeginn f\u00fcr einem nichtmilit\u00e4rischen Widerstand aus. Die Geschichtswissenschaftler werden zu erforschen haben, was den Meinungsumschwung brachte.<\/p>\n<p>Ziel des nichtmilit\u00e4rischen Widerstands \u2013 mit internationalen Sanktionen, mit Streik und zivilem Ungehorsam \u2013 ist es, die Aufenthaltskosten f\u00fcr die Besatzer so hoch zu setzen, dass sie irgendwann die Besatzung aufgeben. Es geht nicht in erster Linie darum, Putin zu bekehren. Auch wenn christlicher Glaube an das Gute im Menschen nie die Hoffnung aufgibt, dass sich ein Mensch \u00e4ndern kann, w\u00e4re es hier konkret ein naiver Glaube, Putin akut zu bekehren. Aber auch ein Diktator wie Putin braucht Unterst\u00fctzung. Die Idee ist, ihm in Russland und international seine Unterst\u00fctzer abspenstig zu machen \u2013 sei es durch das Ansprechen des Gewissens der Gefolgsleute oder \u2013 z. B. durch Sanktionen &#8211; durch das Ansprechen ihrer Interessen, die sie bei einer weiteren Unterst\u00fctzung Putins gef\u00e4hrdet sehen.<\/p>\n<p>Die Debatte geht dann oft auch um die Frage, ob ziviler Widerstand erfolgversprechend sei, und was \u00fcberhaupt als Erfolg zu bewerten sei. Die Friedensforschung kann eine F\u00fclle von Beispielen aufzeigen, bei denen gewaltfreier Widerstand erfolgreich war. Aber gilt das auch im Fall des Ukrainekriegs? H\u00e4tte sich die russische F\u00fchrung von gewaltfreiem Widerstand beeindrucken lassen oder w\u00e4re sie nicht einfach weitermarschiert \u2013 sp\u00e4ter auch nach Moldawien, Litauen,&#8230;? Wir stecken hier in einer Aporie. Eine Einzelperson kann auf Gewalt verzichten und die Konsequenzen f\u00fcr sich tragen. Ein politischer Mensch muss aber auch die Konsequenzen des Gewaltverzichts f\u00fcr alle ber\u00fccksichtigen. Wer sich der aktiven Gewaltfreiheit in der Nachfolge Jesu verpflichtet sieht, muss deshalb nicht milit\u00e4rische Gewalt grunds\u00e4tzlich und immer ablehnen, aber er oder sie kann sich gewaltfrei und nichtmilit\u00e4risch einsetzen. Eine pazifistische Person kann, wie das in vielen Kirchengemeinden bei uns dankenswerterweise geschieht, mit anderen Menschen gemeinsam Gefl\u00fcchtete aus der Ukraine aufnehmen, Medikamententransporte in die Ukraine auf den Weg bringen, Kriegsdienstverweigerer aus Russland und der Ukraine unterst\u00fctzen. Im Fall des Ukrainekriegs hat der Ruf nach gewaltfreiem Widerstand jetzt wenig Chance der Umsetzung, da sich die Regierung f\u00fcr den milit\u00e4rischen Weg entschieden hat.<\/p>\n<p>Wir sollten aber dieses Ziel nicht aus dem Auge verlieren: Krieg wird dann abgeschafft sein, wenn in Gewaltfreiheit gebildete und erfahrene Menschen, Gruppen und V\u00f6lker auf einen kriegerischen Angriff nicht mehr kriegerisch reagieren, wenn sie stattdessen kreativ und mutig Wege finden, das Gewissen von gen\u00fcgend Menschen und Gruppen auf der gegnerischen Seite so anzusprechen, dass diese der kriegerischen Aggression ihre Unterst\u00fctzung entziehen, sodass die Aggression erfolglos bleibt.<\/p>\n<h4>&#8211; Die Suche nach einer Verhandlungsl\u00f6sung in jeder Gewaltsituation: das Beispiel Sant\u2019 Egidio<\/h4>\n<div id=\"attachment_17261\" style=\"width: 409px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17261\" class=\" wp-image-17261\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_6425-scaled.jpg\" alt=\"Ein kleines M\u00e4dchin in rotem Sommerkleid schaut vertr\u00e4umt vom Betrachter weg, w\u00e4hrend es eine gro\u00dfe grau-wei\u00dfe Weltkugel wie einen Luftballon an einem Faden h\u00e4lt. Bild auf dem Fu\u00df einer Betonwand angebracht.\" width=\"399\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_6425-scaled.jpg 1920w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_6425-150x200.jpg 150w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_6425-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_6425-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_6425-1536x2048.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><p id=\"caption-attachment-17261\" class=\"wp-caption-text\">Graffito in K\u00f6ln-M\u00fclheim, 14.1.2022. Foto: Stefanie Intveen<\/p><\/div>\n<p>Es gibt auch die andere Position, die besagt, dass im Ausnahmefall Gewalt zum Stoppen von gr\u00f6\u00dferer Gewalt n\u00f6tig ist, dass dann aber doch vor einer Gewalteskalation schnell wieder zu nichtmilit\u00e4rischer Konfliktregelung zur\u00fcckgekehrt werden muss. Dies kann als eine verantwortungsethische pazifistische Position bezeichnet werden: Gewalt ist nicht immer auszuschlie\u00dfen, aber wir sind immer aufgerufen, Wege aus der Gewalt heraus zu finden. Die US- Polizei musste bei dem Versuch der Erst\u00fcrmung des Kapitols Gewalt androhen und einsetzen, um den Mob abzuwehren, der das Kapitol st\u00fcrmen und die Demokratie abschaffen wollte. Milit\u00e4rische Gegengewalt der Ukraine am 24. Februar 2022, die gegen den unerwarteten Einmarsch der russischen Truppen ein Stoppschild setzen wollte, ist so gesehen nachvollziehbar. Die Frage ist, wie man dann aus der Gewaltspirale wieder herauskommt: Wir sehen jetzt die Auswirkungen des Krieges mit immer st\u00e4rkeren Waffen. Einzelne vom Westen gelieferten Panzerabwehrraketen sind mit Uran angereichert, um die Panzer zu durchdringen;<\/p>\n<p>schon im Irakkrieg wurden diese Raketen eingesetzt und die Uranverseuchung hat Krebs ausgel\u00f6st und viele Kinder get\u00f6tet. Verantwortungsethischer Pazifismus als eine zu jeder Zeit auf Gewalt\u00fcberwindung und Gewaltverzicht ausgerichtete Haltung versucht im Krieg unabl\u00e4ssig, einen Verhandlungsfrieden zu erreichen. Dieser Verhandlungsfriede mag ein Kompromiss sein, der von einzelnen als ungerecht empfunden wird. Aber er verhindert das weitere T\u00f6ten. In den Verhandlungen zur Waffenruhe k\u00f6nnen die von den einzelnen Kriegsparteien als Ungerechtigkeit empfundenen Situationen benannt und schriftlich fixiert werden; es kommt zuerst einmal darauf an, die Waffen zum Schweigen zu bringen.<\/p>\n<p>Es geht auch nicht darum, ausschlie\u00dflich an die Vernunft des Gegen\u00fcber zu appellieren. In der sogenannten politischen Power-Mediation spielt es eine gro\u00dfe Rolle, die Interessen der einzelnen Kriegsparteien anzusprechen.<\/p>\n<p>Das macht die Schwierigkeit eines Verhandlungsfriedens aus: Es gibt oft m\u00e4chtige Interessen, die f\u00fcr die Weiterf\u00fchrung des Kriegs sprechen. In den USA gibt es Kr\u00e4fte, die auf eine dauerhafte Schw\u00e4chung Russlands setzen. Die Erweiterung der NATO durch den baldigen Beitritts Schwedens und Finnlands ist ein Gewinn,<\/p>\n<blockquote><p>die US-amerikanischen Getreide-, Waffen- und Gasexporteure freuen sich \u00fcber Bestellungen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Le Monde Diplomatique res\u00fcmiert mit Zynismus:<\/p>\n<blockquote><p>Warum sollten die US-Strategen das Ende eines Krieges herbeiw\u00fcnschen, der ihnen derma\u00dfen in die Karten spielt?<\/p><\/blockquote>\n<p>Der aus der Ukraine stammende russische Generalsekret\u00e4r der KPDSU Nikita\u00a0Chruschtschow sagte anl\u00e4sslich der Kuba-Krise 1962:<\/p>\n<blockquote><p>Jeder Idiot kann einen Krieg anfangen, aber hundert Genies werden Probleme haben ihn zu beenden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nur wenn deutlich wird, dass ein Weiterf\u00fchren des Kriegs mehr Nachteile als Vorteile bringt, kann es \u00fcberhaupt eine Verhandlungsbereitschaft geben.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Verdienste hat sich die Katholische Gemeinschaft Sant\u2019 Egidio bei der Vermittlung in Kriegen und B\u00fcrgerkriegen erworben. Ihr \u201eGeheimnis\u201c ist das Herstellen von verl\u00e4sslichen Beziehungen \u00fcber Mittelsleute zu den f\u00fchrenden Personen der jeweiligen Kriegsparteien.<\/p>\n<p>\u00dcber die Mittelsleute wird herausgefunden, was die jeweilige Kriegspartei zum Aufgaben ihrer Kriegsf\u00fchrung bewegen k\u00f6nnte. Wenn diese Vorstellungen diskret an die Vermittler \u00fcbermittelt wurden, wird versucht, im Austausch \u00fcber die Mittelsleute herauszufinden, was die Gegenseite von den \u00dcberlegungen h\u00e4lt, wie es ggf. zu einer Vermittlung und einem Kompromiss kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>&#8211; Milit\u00e4rische Gewaltstrukturen schrittweise abbauen und \u201eSicherheit neu denken\u201c<\/h4>\n<p>Es gibt ganz offensichtlich zwei Wege christlicher Friedensethik: den Weg des konsequenten Gewaltverzichts ohne wenn und aber und den Weg derer, die kriegerische Gewalt im Ausnahmefall als Mittel zur Gewaltminderung einsetzen wollen, um Schlimmeres zu verhindern.<\/p>\n<p>Es ist unproduktiv, hier sich bei der Frage zu verk\u00e4mpfen, welches die richtige Position sei. Wir haben zwei Wege und wer sich f\u00fcr welchen Weg entscheidet, das scheint mit tief eingewurzelten Gef\u00fchlen, Erfahrungen und Wertorientierungen zu tun zu haben.<\/p>\n<p>Es gibt eine neue Initiative, die beide Wege miteinander in Verbindung bringt. Sie hei\u00dft \u201eSicherheit neu denken\u201c. Diese Initiative geht einfach von dem Fakt aus, dass es Kriege in der Welt gibt und dass es Milit\u00e4r f\u00fcr die F\u00fchrung dieser Kriege gibt. Dies als Tatsache einfach festzustellen f\u00fchrt zu dem Gedanken, dass wir einen Prozess brauchen, der zur Abschaffung des Kriegs f\u00fchrt \u2013 gerade auch unter Ber\u00fccksichtigung der nuklearen Bedrohung, die bei der Kriegsbeteiligung von Nuklearm\u00e4chten immer vorhanden ist. Wir brauchen inklusive Sicherheitssysteme, die Feindschaften abbauen. Schrittweise soll nationales Milit\u00e4r durch UNO-Truppen ersetzt werden, um dann zu einer Sicherheitsarchitektur zu kommen, in der es nur noch eine internationale Polizei gibt und in der nationales Milit\u00e4r \u00fcberfl\u00fcssig wird. Sicherheit wird in diesem Konzept umfassender gedacht, n\u00e4mlich als ein umfassendes System, das beispielsweise auch die \u00f6kologischen Gefahren mitbedenkt, die unseren Planeten aus dem Gleichgewicht bringen k\u00f6nnen \u2013 mit all den Folgen einer weltweiten Flucht und Migration aus Regionen der Erde, in denen ein \u00dcberleben unm\u00f6glich wird.<\/p>\n<h3>Was nicht dem Frieden dient<\/h3>\n<p>Viel wichtiger als der Streit \u00fcber pazifistische und weniger pazifistische Positionen ist es, deutlich zu machen, was keine friedensorientierte, christliche Position sein kann.<\/p>\n<h4>Passivit\u00e4t<\/h4>\n<p>Mit dem christlichen Glauben unvereinbar ist eine Haltung der Passivit\u00e4t gegen\u00fcber Unrecht. Wer Wirtschaftssanktionen gegen\u00fcber russischen Oligarchen beispielsweise jetzt grunds\u00e4tzlich ablehnt und \u2013 aus welchen Motiven auch immer \u2013 die aus Russland gestreuten Fake News als bare M\u00fcnze weiter verbreitet, wie dies innerhalb der AFD passiert, vertritt keine wertegeleitete Position.<\/p>\n<h4>Glaube an die erl\u00f6sende Macht milit\u00e4rischer Gewalt<\/h4>\n<p>Es kann gleicherma\u00dfen keine christliche Position sein, den Frieden ausschlie\u00dflich durch Waffengewalt erringen zu wollen. Wenn wir uns die derzeitige \u00f6ffentliche Diskussion anschauen, dann scheint es immer mehr Mainstream-Meinung zu werden, dass uns die schweren Waffen gegen Russland vom B\u00f6sen erl\u00f6sen k\u00f6nnten. Diesem Mythos der erl\u00f6senden Gewalt m\u00fcssen sich Christen und Christinnen entgegenstellen. Dieser Mythos wird mit oft mit dem Gedanken untermauert:\u00a0Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen. Diese Aussage wird wie ein Katechismussatz gehandelt. Nat\u00fcrlich kann man nicht die Bergpredigt als fertiges Rezept f\u00fcr die Politik ansehen. Aber es gibt gen\u00fcgend Erfahrungen, wie mit der Bergpredigt Politik gemacht wurde. Mahatma Gandhi war wohl diesbez\u00fcglich der begabteste Mensch des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Die Erl\u00f6sung vom B\u00f6sen durch 100 Milliarden Euro f\u00fcr die Bundeswehr zu erwarten, ist ebenfalls ein unchristlicher Mythos. Es ist unbegreiflich, warum von den Kirchen nicht Geld eingefordert wird f\u00fcr die zivile Verteidigung, f\u00fcr das Erlernen von Gewaltfreier Kommunikation, von sozialer Verteidigung, zivilem Ungehorsam in massiven Unrechtssituationen, von Konfliktbew\u00e4ltigung und Gewalt\u00fcberwindung im Geist der Bergpredigt. Die Kirchen d\u00fcrfen nicht einfach Wiederk\u00e4uer des politischen Mainsteams sein. Wir sind aufgefordert, mit dem Leben aus dem Geist Jesu eine Alternative f\u00fcr unsere von Gewalt gepr\u00e4gte Gesellschaft anzubieten. Wenn wir als Christinnen und Christen nicht aufstehen, werden wir uns bald in einer Welt wiederfinden, in der der Krieg wieder schulterzuckend als Normalit\u00e4t hingenommen wird \u2013 bis hin zur Gew\u00f6hnung an den Gedanken, dass auch mit dem Atombombeneinsatz zu rechnen ist.<\/p>\n<p>Wir sind aufgefordert, uns f\u00fcr den Atomwaffenverbotsvertrag einzusetzen, den bisher 86 Staaten unterzeichnet haben, 65 Staaten haben den Vertrag ratifiziert. Wir m\u00fcssen Druck auf die Natostaaten machen, dass auch sie sich f\u00fcr umfassende atomare Abr\u00fcstung einsetzen. Wer, wenn nicht wir Christinnen und Christen haben u.a. mit Papst Franziskus als m\u00e4chtigem F\u00fcrsprecher an unserer\u00a0Seite die M\u00f6glichkeit und die Verantwortung, hier klare Kante zu zeigen. Leider sind diejenigen, die die Friedenspositionen von Papst Franziskus zur F\u00f6rderung aktiver Gewaltfreiheit vertreten, in beiden gro\u00dfen Kirchen Deutschlands eine kleine, kaum geh\u00f6rte Minderheit.<\/p>\n<h4>D\u00e4monisierung von Menschen und V\u00f6lkern<\/h4>\n<p>Es ist eindeutig, dass der russische Pr\u00e4sident Putin mit der Invasion in die Ukraine V\u00f6lkerrecht gebrochen hat. Daf\u00fcr tr\u00e4gt er alleine die Verantwortung. Es ist inzwischen verp\u00f6nt darauf hinzuweisen, dass die Verantwortung daf\u00fcr, wie es zu dieser Situation kam, bei vielen und auch bei der NATO liegt. Der politische Journalist Andreas Zumach, der seit 30 Jahren die internationale Politik bei der UNO verfolgt, hat die Entwicklung detailliert nachgezeichnet, einschlie\u00dflich der V\u00f6lkerrechtsbr\u00fcche durch die USA und die NATO im Balkankrieg und im Irak. Wir sollten uns h\u00fcten vor einem polarisierten Denken nach dem Motto \u201eWir sind die Guten, Russland und seine Verb\u00fcndeten sind die Schlechten.\u201c Auch Papst Franziskus warnt regelm\u00e4\u00dfig vor einem solchen Denken und wird daf\u00fcr breit gescholten.<\/p>\n<p>H\u00fcten sollten wir uns auch vor einer D\u00e4monisierung von Menschen und V\u00f6lkern. D\u00e4monisierung beginnt da, wo von einem Land nur negativ gesprochen wird. Das gilt auch f\u00fcr Menschen. Putin ist ein Mensch, er ist nicht der Teufel. Ja, es gibt das B\u00f6se und das Teuflische, und es hat Putin erfasst. Aber das B\u00f6se ist nicht auf ihn begrenzt, dass wir sagen k\u00f6nnten: Er ist b\u00f6se, wir sind gut. Jesus hat die Ansteckungsgefahr durch das B\u00f6se, den Teufel, erfahren: \u201eWeiche von mir, Satan\u201c (Mt 4,10), sagt er zum Versucher in der W\u00fcste und zum b\u00f6sen Geist in Petrus, als Petrus ihn vom Kreuzweg, vom Weg des Gewaltverzichts abhalten will (Mt 16,23). Dass das B\u00f6se ansteckend ist, war im Bundestag sp\u00fcrbar, als bei der Ank\u00fcndigung des 100 Milliarden-Sonderpakets f\u00fcr die Bundeswehr Abgeordnete gr\u00f6hlten und sich auf die Schenkel klopften. Wenn man in der Logik des Milit\u00e4rischen notwendig erscheinende Ausgaben f\u00fcr die Bundeswehr beschlie\u00dft, dann kann das allerh\u00f6chstens in einer Haltung der Trauer darum geschehen, dass dieses Geld jetzt f\u00fcr die zentralen Aufgaben der Armutsbek\u00e4mfung und der Bek\u00e4mpfung der Klimakatastrophe fehlt.<\/p>\n<h4>Der fehlende Blick auf die Opfer<\/h4>\n<p>Die milit\u00e4rische Gegenwehr gegen die v\u00f6lkerrechtswidrige russische Milit\u00e4rintervention war der Versuch, eine Besatzung abzuwehren. Der Krieg dauert an und wir begreifen langsam, dass er noch Jahre dauern k\u00f6nnte. Durch die Nachrichten werden wir mit milit\u00e4rstrategischen Zusammenh\u00e4ngen bis ins kleinste vertraut gemacht; die Opfer des Kriegs, oft Hunderte von Toten an einem Tag, geraten aus dem Blick. Wir wissen heute durch die Traumaforschung, dass Kriege bis in die dritte Generation hinein wirken, ja, Kriegserfahrungen werden vererbt. Die Epigenetik erforscht als\u00a0Wissenschaft die physiologische Weitergabe von menschlichen Erfahrungen, die soziale Vererbung von Umwelteinfl\u00fcssen: Stresshormone bilden Proteine, die sich um die DNA legen und bestimmen, welche genetisch angelegten F\u00e4higkeiten des Menschen aktiviert werden k\u00f6nnen und welche nicht. Diese Kombination von DNA und Protein-Umh\u00fcllung kann weiter vererbt werden. Das hei\u00dft auch: Kriegserfahrungen pr\u00e4gen uns \u00fcber Generationen hinweg, bis sie sich erst langsam wieder aufl\u00f6sen. So wie wir wissen, welche dramatischen Folgen sexueller Missbrauch auf Kinder hat, m\u00fcssen wir auch lernen, welche f\u00fcrchterlichen Auswirkungen Kriegserfahrungen auf Menschen und insbesondere auf Kinder haben. In der Ukraine und in Russland sind bei dem jetzigen Krieg die Leiderfahrungen des Zweiten Weltkriegs und die Traumata durch Nationalsozialismus und Stalinismus wieder virulent geworden.<\/p>\n<h3>Schluss<\/h3>\n<p>Viele Menschen sind verunsichert und wissen oft nicht, was richtig ist. Aber diese Verunsicherung darf uns nicht l\u00e4hmen. Um noch einmal auf den Hindu Mahatma Gandhi zur\u00fcckzukommen: Was in der Verunsicherung helfen kann, ist Fasten und Beten. Das ist nicht als Ersatzhandlung gemeint, ganz im Gegenteil. Er hat durch Fasten und Beten die Eingebungen gefunden, die ihn zum konsequenten Handeln brachten. Im Beten und Fasten k\u00f6nnen wir den Zugang zum Leben Jesu finden und von ihm lernen, wie konsequentes gewaltfreies Handeln in seiner Nachfolge aussehen kann. Gandhi hat von Jesus gelernt und so lese ich Gedanken von ihm zur Nachfolge Jesu und zu den gewaltfreien Friedensbrigaden, den Friedensarmeen, die Gandhi ins Leben gerufen hat:<\/p>\n<blockquote><p>Europa hat den weisen, k\u00fchnen und tapferen Widerstand Jesu von Nazareth als passiven Widerstand missdeutet&#8230; Als ich das Neue Testament zum ersten Mal las, fand ich nichts von Passivit\u00e4t oder Schw\u00e4che an Jesus in den Schilderungen, die die vier Evangelien von ihm geben. &#8230; Das Licht in mir ist klar und best\u00e4ndig. Es gibt keine Rettung f\u00fcr irgendeinen von uns au\u00dfer durch Wahrheit und Gewaltlosigkeit. Ich wei\u00df, dass der Krieg schlecht ist, ein Ur-B\u00f6ses. Ich wei\u00df auch, dass er verschwinden muss&#8230; Die Armee der Gewaltlosen handelt anders als Bewaffnete, ob im Frieden oder in unruhigen Zeiten. Sie muss kreativ sein&#8230; Es ist ihre Pflicht, alles zu versuchen, um verfeindete Menschen zu vers\u00f6hnen&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>Gewaltfreien Widerstand gegen den Krieg kann man lernen, und Christinnen und Christen verfehlen ihren Auftrag der Nachfolge Jesu, wenn sie diesen Widerstand nicht ein\u00fcben und organisieren. Der \u201eFriede der Welt\u201c wird durch Waffengewalt hergestellt, der Friede Jesu ist ein anderer\u00a0(Joh 14,27):<\/p>\n<blockquote><p>Zum Abschied schenke ich euch Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch nicht den Frieden,wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und lasst euch nicht entmutigen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob wir im Notfall auch den Gewalteinsatz einbeziehen\u00a0oder nicht, sind wir als Christinnen und Christen alle aufgefordert, diesen anderen Frieden Jesu mit aller Kraft, mit ganzer Seele zu suchen.<\/p>\n<p>Der mennonitische Theologe und Friedenswissenschaftler Fernando Enns hat es so ausgedr\u00fcckt: Die Welt folgt dem alten r\u00f6mischen Grundsatz: Si vis pacem, para bellum \u2013 wenn du den Frieden willst, bereit den Krieg vor. Wir Christinnen und Christen sagen: Si vis pacem, para Christum \u2013 wenn du den Frieden willst, bereite Christus vor, folge ihm auf dem Weg der Gewaltlosigkeit nach.<\/p>\n<p>Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit einem Gedicht der Lyrikerin Rose Ausl\u00e4nder, die ihr Zuhause in Czernowitz, in der Ukraine hatte. Es hei\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>SEGEN<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte euch segnen aber ich verfluche<br \/>\neure Kriege<br \/>\nSiege und Niederlagen<\/p>\n<p>und das Wort &#8222;Feind&#8220;<br \/>\nf\u00fcr ein Land<br \/>\nwo Millionen Menschen leben<br \/>\nwie in eurem Land<\/p>\n<p>Ich segne die wenigen Friedfertigen<br \/>\noder sind es viele und nur<br \/>\nWenige machen Krieg, Kr\u00fcppel<br \/>\nmachen mich zum Feind<br \/>\nder Kriege<br \/>\nIch segne<br \/>\njedes Land.<\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p><em>Josef Freise ist Theologe und P\u00e4dagoge. Er war bis zu seiner Pensionierung im Februar 2017 zwanzig Jahre lang Professor an der Katholischen Hochschule NRW in K\u00f6ln. Dort ist er nach wie vor mit Lehrauftr\u00e4gen aktiv und engagiert sich in kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, darunter Pax Christi, f\u00fcr gesellschaftlichen Zusammenhalt und Frieden. 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