{"id":17872,"date":"2024-01-02T07:00:08","date_gmt":"2024-01-02T06:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=17872"},"modified":"2024-01-02T18:17:47","modified_gmt":"2024-01-02T17:17:47","slug":"leo-ensel-mythos-gleichgewicht-paritaetsstreben-als-motor-der-aufruestung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=17872","title":{"rendered":"Leo Ensel: Mythos Gleichgewicht \u2013 Parit\u00e4tsstreben als Motor der Aufr\u00fcstung"},"content":{"rendered":"<h4>Parit\u00e4t in der R\u00fcstung anzustreben, klingt gut. Jedenfalls zun\u00e4chst. In Wirklichkeit erwies sich das Streben nach Gleichgewicht allzu oft als Motor einer wechselseitigen Aufr\u00fcstungsspirale. Was stattdessen nottut, ist eine Renaissance des \u201eNeuen Denkens\u201c.<\/h4>\n<p><em>Von Leo Ensel.<\/em><\/p>\n<p>Stellen Sie sich bitte mal Folgendes vor: Ihr Nachbar im Haus nebenan ist ein, sagen wir, nicht besonders freundlicher Zeitgenosse. Manchmal f\u00fchlen Sie sich sogar regelrecht bedroht von ihm. Da Ihnen vor Jahren zu Ohren kam, er h\u00e4tte in seiner Garage zehn Kanister Benzin gebunkert, mit denen er im Falle eines Streits mit Ihnen, nein: nicht \u2013 Gott bewahre!! \u2013 Ihr Haus abfackeln, aber doch mit einer solchen Tat, sollte er sich dazu (nat\u00fcrlich durch Sie) gezwungen f\u00fchlen, drohen k\u00f6nnte, haben Sie als Gegenma\u00dfnahme seinerzeit in Ihrer Garage ebenfalls zehn Kanister Benzin gehortet.<\/p>\n<p>Seitdem konnten Sie jahrelang ruhig schlafen, schlie\u00dflich hatten Sie in \u2013 unfreiwilliger, aber doch symmetrischer \u2013 Koordination mit Ihrem Nachbarn ein \u201eGleichgewicht des Schreckens\u201c hergestellt: Mit der glaubhaften Gegendrohung, im Falle eines Angriffs sein Haus ebenfalls niederzubrennen, hatten Sie mit Ihrem Nachbarn zwar keinen Frieden geschlossen, ihn aber doch immerhin so weit zivilisiert, dass aus dem latenten Konflikt kein manifester Krieg werden konnte. Kurz: Sie hatten ihn vor einem Angriff abgeschreckt.<\/p>\n<h4>Die \u201eBenzinkanisterl\u00fccke\u201c<\/h4>\n<p>Wie gesagt, jahrelang ging das gut so. Nun wurde Ihnen aber k\u00fcrzlich von einem guten Bekannten (zuf\u00e4lligerweise Tankstellenbesitzer) zugetragen, Ihr Nachbar habe in den letzten Monaten in aller Heimlichkeit aufger\u00fcstet. Statt zehn seien nun sage und schreibe 25 Benzinkanister in seiner Garage gelagert, mit denen er Ihr Haus nicht einmal, sondern gleich zweieinhalbmal in Schutt und Asche legen k\u00f6nne \u2013 mit einem Wort: Ihr guter Bekannter hatte eine h\u00f6chstbedrohliche \u201eBenzinkanisterl\u00fccke\u201c (ein \u201ePetrol Barrel-Gap\u201c) ausfindig gemacht, auf die Sie umgehend zu reagieren h\u00e4tten, wollten Sie nicht Ihren teuer erkauften Frieden fahrl\u00e4ssig aufs Spiel setzen!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich lie\u00df Ihnen diese Drohung keine Ruhe, und kurze Zeit sp\u00e4ter entschlossen Sie sich \u2013 wenn auch schweren Herzens, schlie\u00dflich war die Anschaffung nicht ganz billig \u2013, nachzur\u00fcsten. Sie legten sich noch weitere 15 Kanister zu \u2013 und tats\u00e4chlich: Sie konnten seitdem wieder erheblich besser schlafen! Schlie\u00dflich war die Parit\u00e4t, war das Gleichgewicht ja wiederhergestellt, Ihnen konnte also nichts mehr passieren.<\/p>\n<p>Um der Wahrheit die Ehre zu geben, aber das bleibt ja unter uns: Sie hatten noch f\u00fcnf Kanister mehr eingelagert. Denn in Wirklichkeit sind es nicht 25, sondern 30 Kanister, die Sie nun stolz Ihr Eigen nennen d\u00fcrfen. Und mit denen k\u00f6nnten Sie im \u201aErnstfall\u2018 \u2013 der hoffentlich nie eintritt \u2013 das Haus ihres bedrohlichen Nachbarn gleich dreimal abfackeln, w\u00e4hrend er das mit Ihrem Haus nur zweieinhalbmal kann. Sicher ist sicher. Aber das alles haben Sie nat\u00fcrlich nur getan, damit es niemals so weit kommt! Eine rein friedenserhaltende Ma\u00dfnahme, versteht sich. Weshalb Sie Ihre 30 Kanister auch manchmal augenzwinkernd \u201ePeacekeeper\u201c nennen.<\/p>\n<p>Aber, wie es halt so ist im Leben: Nach kurzer Zeit kam die Sache raus \u2013 ich hoffe, Ihr guter Bekannter, der Tankstellenbesitzer, hatte damit nichts zu tun!! \u2013, und Ihr Nachbar musste nun seinerseits eine bedrohliche Benzinkanisterl\u00fccke diagnostizieren. Jedenfalls drohte er Ihnen mit einer nie gekannten massiven Aufr\u00fcstungswelle, mit der er Sie totr\u00fcsten werde. Er wisse schlie\u00dflich sehr genau, wie begrenzt Ihr finanzielles Budget allen anders lautenden Bekundungen zum Trotz tats\u00e4chlich sei!<\/p>\n<h4>Gemeinsame Obergrenzen<\/h4>\n<p>Damit hat Ihr Nachbar in der Tat bei Ihnen nicht einen, sondern den wunden Punkt getroffen und Sie gezwungen, Ihre Strategie zu \u00fcberdenken. Obwohl Sie nach wie vor alles abstreiten, bieten Sie ihm nun R\u00fcstungskontrollverhandlungen mit dem Ziel gemeinsamer Obergrenzen an. Und siehe da: Ihr Nachbar l\u00e4sst sich wider Erwarten darauf ein!<\/p>\n<p>Nach einem halben Jahr h\u00e4rtester Verhandlungen ist es endlich geschafft: Sie einigen sich nicht nur beide auf eine gemeinsame Obergrenze von je 50 Kanistern, Sie installieren sogar ein ausgekl\u00fcgeltes Kontrollregime. Und nicht nur das: Zusammen mit Ihrem unsympathischen Nachbarn verk\u00fcnden Sie auf einer Pressekonferenz dem ganzen Stadtviertel, dass Sie beide bereit w\u00e4ren, nach Erreichen des gemeinsamen Ziels \u2013 einer Parit\u00e4t auf der Basis von insgesamt 100 Benzinkanistern \u2013 in Verhandlungen \u00fcber koordinierte Abr\u00fcstungsschritte einzutreten! (Bis es so weit ist, muss allerdings erst mal das Gleichgewicht auf dem vereinbarten Niveau hergestellt werden.)<\/p>\n<p>Das ganze Stadtviertel, das seit Jahren unter dem Damoklesschwert leben musste, im Ernstfalle in Geiselhaft genommen, sprich: mitvernichtet zu werden, atmet erleichtert auf: Das Gleichgewicht wird bald wiederhergestellt sein, der Frieden ist also gesichert!<\/p>\n<p>Wirklich?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht!<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat sich die Anzahl der Kanister von urspr\u00fcnglich 20 auf insgesamt 100 verf\u00fcnffacht. Jeder kann das Haus des Anderen nun nicht nur einmal, sondern gleich f\u00fcnfmal niederbrennen, und bei der gigantischen Menge angeh\u00e4uften Benzins gen\u00fcgt jetzt ein Funke, s\u00e4mtliche \u201ePeacekeeper\u201c zur Detonation zu bringen und damit das gesamte Stadtviertel in einen Tr\u00fcmmerhaufen zu verwandeln \u2013 und die angrenzenden Gebiete gleich mit. Die angek\u00fcndigten Abr\u00fcstungsverhandlungen dagegen lassen, wie Godot, noch ein Weilchen auf sich warten \u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_14323\" style=\"width: 397px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14323\" class=\" wp-image-14323\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/nato_kol.jpg\" alt=\"Oben stehen sich zwei gleich gro\u00dfe olivgr\u00fcne Panzer mit den Aufschriften &quot;NATO&quot; und &quot;Warschauer Pakt&quot; feindlich gegen\u00fcber. Unten ein gro\u00dfer mit der Aufschrift &quot;NATO&quot; und ein kleiner mit der russischen Nationalflagge.\" width=\"387\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/nato_kol.jpg 990w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/nato_kol-150x105.jpg 150w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/nato_kol-768x536.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 387px) 100vw, 387px\" \/><p id=\"caption-attachment-14323\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;70 Jahre Gleichgewicht des Schreckens&#8220;. Karikatur (2.4.2019): Klaus Stuttmann.<\/p><\/div>\n<p>Gefreut hat sich einzig und allein \u2013 der Tankstellenbesitzer! Der schlauerweise beide Seiten beliefert hatte.<\/p>\n<p>Mit einem Wort: Das viel zitierte \u201eGleichgewicht\u201c hat sich als Mythos, als Fetisch erwiesen, der die Aufr\u00fcstungsspirale nicht verhindert, sondern auch noch provoziert hatte! Es ist hier eben genau umgekehrt wie bei den Flugzeugen: Hoch kommt man immer \u2013 ob man aber wieder runterkommt, das ist die gro\u00dfe Frage!<\/p>\n<p>PS:<\/p>\n<p>Dass es in der Tat auch anders gehen kann, wenn der unbedingte Wille dazu vorhanden ist, hat Mitte der Achtzigerjahre ein Mann demonstriert, der am 30.8.2022 im Alter von 91 Jahren verstorben ist. Er r\u00fcstete asymmetrisch ab: Nicht 846 landgest\u00fctzte Kurz- und Mittelstreckenraketen wie die Gegenseite, sondern genau 1.000 mehr: 1.846. (Was ihm von seinen Landsleuten bis heute bitter \u00fcbelgenommen wird.) Und erreichte so tats\u00e4chlich Parit\u00e4t. Auf Null-Niveau!<\/p>\n<p>Das nannte man damals \u2013 lang, lang ist\u2018s her! \u2013 \u201eNeues Denken\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parit\u00e4t in der R\u00fcstung anzustreben, klingt gut. Jedenfalls zun\u00e4chst. 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