{"id":17877,"date":"2024-01-02T12:29:11","date_gmt":"2024-01-02T11:29:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=17877"},"modified":"2024-01-02T12:31:27","modified_gmt":"2024-01-02T11:31:27","slug":"ria-makein-warum-ich-am-8-januar-2024-in-cochem-vor-gericht-stehen-und-mit-gutem-gewissen-ins-gefaengnis-gehen-werde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=17877","title":{"rendered":"Ria Makein: Warum ich am 8. Januar 2024 in Cochem vor Gericht stehen und mit gutem Gewissen ins Gef\u00e4ngnis gehen werde"},"content":{"rendered":"<p><em>Unsere Friedensfreundin und langj\u00e4hrige Anti-Atomwaffen-Aktivistin Ria Makein w\u00e4re am 28.12.2023 zu unserem Gruppentreffen gekommen, w\u00e4re die Zugverbindung vom Niederrhein nach K\u00f6ln nicht ausgefallen. Wir ver\u00f6ffentlichen gern, was sie uns vorgetragen h\u00e4tte, und laden zur Mahnwache am 8.1.2024 um 8 Uhr vor dem Amtsgericht Cochem ein:<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Guten Abend und Danke, dass ich bei Euch sein kann. Anlass ist die Tatsache, dass ich mit f\u00fcnf anderen Menschen am 8. Januar 2024 vor der Richterin des Amtsgerichtes in Cochem stehen werde.<\/p>\n<p>Wir haben am 8. Mai, ganz bewusst am Tag des Kriegsendes des 2. Weltkrieges, in B\u00fcchel in der Eifel gegen die dort gelagerten Atombomben protestiert, indem wir ins Gel\u00e4nde hineingegangen sind. Dort wird zurzeit die Landebahn ausgebaut, damit die modernen Jagdbomber dort starten und landen k\u00f6nnen. Dies ist ein weiterer Schritt zur Vorbereitung des Atomkrieges, den wir alle nicht \u00fcberleben werden.<\/p>\n<p>Wie kam ich dazu, bei einer solchen Aktion zivilen Ungehorsams mitzumachen? Es war nicht das erste Mal! Ich bin das f\u00fcnfte Kind in einer Familie mit elf Kindern, und wir geh\u00f6rten nicht zu den Wohlhabenden. Mein Vater hat im letzten Krieg seine drei Br\u00fcder verloren, meine Mutter ihren 17-j\u00e4hrigen Bruder.<\/p>\n<p>Ich bekam die Gelegenheit, die Realschule zu besuchen, machte die Industriekaufmannslehre in der Kinderschuhfabrik Gustav Hoffmann in Kleve und konnte dann dank Baf\u00f6G in D\u00fcsseldorf Sozialp\u00e4dagogik studieren. Daf\u00fcr bin ich diesem Staat sehr dankbar und bef\u00fcrworte einen starken Staat zur Erf\u00fcllung aller seiner sozialen Aufgaben. In den ersten 18 Jahren meiner dann folgenden Berufst\u00e4tigkeit leitete ich in K\u00f6ln einen evangelischen Kindergarten.<\/p>\n<p>Als ich dort mit 29 Jahren darauf aufmerksam gemacht wurde, dass wir auf einem Pulverfass leben und mit dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss eine weitere Lunte gelegt werden sollte, begann ich dar\u00fcber nachzudenken, f\u00fcr welche Zukunft ich diese Kinder vorbereite. Eine Zukunft unter der atomaren Bedrohung wollte ich nun vermeiden helfen. Ich begann zu protestieren: Die Gro\u00dfdemos in Bonn 1981 und 1983, Blockaden in Mutlangen, wo die Pershing II stationiert werden sollten, und dort auch die ersten Einstiege ins Milit\u00e4rgel\u00e4nde mit folgenden Gerichtsverhandlungen und Gef\u00e4ngnisaufenthalten in den Jahren 1991 und 1994. Als in Linnich Glimbach ein \u201eatombombensicherer\u201c NATO- Bunker erstellt wurde, gestalteten wir als Akt des zivilen Ungehorsams eine Karfreitagsandacht im Baugel\u00e4nde. Der n\u00e4chste Einstieg erfolgte in die Frankfurter Airbase, weil von dort die Milit\u00e4rfl\u00fcge in den Irak starteten. Im Dezember vor Beginn der Offensive flog ich mit der Initiative \u201eFrieden am Golf\u201c nach Bagdad. Die Idee war, sich gegen die zur\u00fcckgehaltenen Europ\u00e4er dort austauschen zu lassen, um das Argument der \u201eGeiselbefreiung\u201c zu entkr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Dies alles sollte jedoch auch nicht allein die Zukunft der Kinder mit absichern. 1994 zog ich ins eigene Haus nach Bedburg-Hau, Baujahr 1905 und erst mal eine Baustelle. Meine Arbeitsstelle war jetzt im begleitenden Dienst der Heilp\u00e4dagogischen Hilfen f\u00fcr Erwachsene mit geistigen und mehrfachen Behinderungen und herausforderndem Verhalten. Die zunehmende Militarisierung lie\u00df mir jedoch bis heute keine Ruhe, zumal hier Ressourcen verschwendet werden, die dringend f\u00fcr soziale Belange ben\u00f6tigt werden, zur Rettung von Menschen nicht nur rund um das Mittelmeer und auch zur Rettung des Klimas.<\/p>\n<p>Nun war ich auch nicht damit einverstanden, dass dieser ganze Wahnsinn auch mit meinen Steuerzahlungen finanziert wird. Somit habe ich seit 1985 beim Finanzamt dagegen Klage eingelegt und das Finanzamt mehrmals verklagt. Dies f\u00fchrte nat\u00fcrlich nicht zum Erfolg, sodass ich dem Finanzamt vor einigen Jahren mitteilte, nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten zu wollen. Seitdem geht jeder Brief vom Amt mit \u201eAnnahme verweigert\u201c zur\u00fcck, und ich muss jederzeit mit Pf\u00e4ndung meines Kontos rechnen. Seit Jahren bin ich Mitglied im Netzwerk Friedenssteuer, das einen realisierbaren Gesetzesvorschlag erarbeitet hat, nachdem die Steuerb\u00fcrger entscheiden k\u00f6nnte, ob sie auch f\u00fcrs Milit\u00e4r oder nur f\u00fcr soziale Haushaltsbelange ihre Steuern verwendet sehen wollen. Dieser Gesetzesvorschlag ist (nat\u00fcrlich) nicht angenommen und nicht einmal verhandelt worden.<\/p>\n<p>Mein ziviler Ungehorsam ist eingebettet in dem Versuch, mit m\u00f6glichst kleinem \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck zu leben. Eine Solaranlage schm\u00fcckt seit mehr als 20 Jahren unser Dach, wir kaufen m\u00f6glichst \u00f6kologisch und fair ein, ich lebe weitestgehend vegan, fahre so wenig wie m\u00f6glich Auto und kann daher nicht akzeptieren, dass f\u00fcr die Vorbereitung von Krieg so viel Zerst\u00f6rung in Kauf genommen wird. Ich bin den jugendlichen Protestierern in Fridays for Future ausgesprochen dankbar, dass sie mit ihren Demonstrationen den Ressourcenverbrauch der reichen L\u00e4nder skandalisieren und sich f\u00fcr echte Klimapolitik einsetzen.<\/p>\n<p>Dem steht nun das Ein\u00fcben von Panzerfahrten und Bombenfl\u00fcgen deutlich entgegen. Eine Flugstunde dieser Tornados kostet so viel wie ein Jahresgehalt einer Erzieherin im Kindergarten. Wie viel Energieverbrauch und Umweltvergiftung sind gleichzeitig damit verbunden?<\/p>\n<p>Nun aber zur\u00fcck zu den Gerichtsverfahren. Am 8. Mai sind wir als Gruppe von sieben Menschen ins Milit\u00e4rlager in B\u00fcchel gelaufen. Ja, in der Tat: wir sind durch das offene Tor reingegangen und so weit wie m\u00f6glich an den Wachleuten vorbei, die uns nat\u00fcrlich hindern wollten. Zwei Personen von uns sind tats\u00e4chlich bis zur Baustelle vorgedrungen, um den Bauarbeitern dort bewusst zu machen, woran sie dort beteiligt sind.<\/p>\n<p>Wir wurden dann hinausgebracht, und in Cochem in der Polizeidienststelle wurden die Personalien aufgenommen. Es erfolgte die Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Was sich die Richterin ungef\u00e4hr anh\u00f6ren muss, will ich Euch jetzt vortragen. Es ist meine <a href=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Ria-Makein_Einlassung-und-Schlusswort_20210420.pdf\">Argumentation vor dem Landgericht in Koblenz im Jahr 2021<\/a>.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Tat ging ich 2022, kurz vor meinen 70. Geburtstag ins Gef\u00e4ngnis, um die 30t\u00e4gige Geldstrafe nicht bezahlen zu m\u00fcssen. Weil die bisherigen, aus den 80er Jahren stammenden Strafen verj\u00e4hrt sind, wird erst die nun folgende Aktion als Wiederholungstat verfolgt und bringt dann 60 Tage.<\/p>\n<p>Ich gehe mit gutem Gewissen ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<div id=\"attachment_17880\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17880\" class=\"wp-image-17880 size-full\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/IMG_4885-scaled.jpeg\" alt=\"Ein Dutzend meist \u00e4lterer M\u00e4nner und Frauen, zum Teil mit Mund-Nase-Schutzmasken, stehen mit einem selbstgemalten wei\u00dfen Transparent &quot;Atombomben auf die Anklagebank!&quot; vor einem sch\u00f6nen alten Geb\u00e4ude aus rotem Sandstein.\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/IMG_4885-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/IMG_4885-200x150.jpeg 200w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/IMG_4885-768x576.jpeg 768w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/IMG_4885-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/IMG_4885-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-17880\" class=\"wp-caption-text\">Ria Makein (ganz links) und Mitstreiter*innen protestieren vor dem Amtsgericht Cochem am 2.6.2020: &#8222;Atombomben in B\u00fcchel: deutscher Beitrag zum atomaren Massenmord!&#8220;. Foto: Stefanie Intveen<\/p><\/div>\n<hr \/>\n<p><em>Einige Mitglieder der DFG-VK Gruppe K\u00f6ln fahren am 8.1.2024 fr\u00fchmorgens gemeinsam nach Cochem, um vor dem Amtsgericht eine Mahnwache abzuhalten und Ria bei ihrem Prozess zu begleiten. Wer sich anschlie\u00dfen m\u00f6chte, setze sich bitte mit uns in Verbindung (kontakt@friedenkoeln.de).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Friedensfreundin und langj\u00e4hrige Anti-Atomwaffen-Aktivistin Ria Makein w\u00e4re am 28.12.2023 zu unserem Gruppentreffen gekommen, w\u00e4re die Zugverbindung vom Niederrhein nach K\u00f6ln nicht ausgefallen. 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