{"id":18700,"date":"2024-09-05T11:18:19","date_gmt":"2024-09-05T09:18:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=18700"},"modified":"2024-09-09T08:28:48","modified_gmt":"2024-09-09T06:28:48","slug":"stefanie-intveen-zum-antikriegstag-wir-brauchen-das-ringen-um-wahrheit-wenn-alle-nur-parolen-verbreiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=18700","title":{"rendered":"Zum Antikriegstag: &#8222;Wir brauchen das Ringen um Wahrheit, wenn alle nur Parolen verbreiten!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Die &#8222;Sozialistische Jugend Deutschlands &#8211; die Falken&#8220; in Leverkusen haben uns eingeladen, eine Rede zum Antikriegstag zu halten. Am 31.8.2024 fand dort eine Kundgebung statt. Stefanie Intveen redete f\u00fcr unsere Gruppe f\u00fcr eine &#8222;mutige, kluge und friedliche Jugend&#8220;:<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,<br \/>\nliebe junge, alte und jung gebliebene Menschen,<\/p>\n<p>Danke an die Leverkusener Falken, dass ich hier sprechen darf!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir hier in der N\u00e4he des Chemparks Leverkusen f\u00fcr den Frieden demonstrieren, bombardieren moderne Armeen Industrieanlagen in der Ukraine, in Russland und im Nahen Osten. Sie wollen damit ihre eigene Bev\u00f6lkerung sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Was soll der Mist? &#8211; m\u00f6chte man ihnen zurufen. H\u00f6rt auf!<\/p>\n<p>Mit den Worten von Edwin Starr 1970:<\/p>\n<blockquote><p>War,<br \/>\nwhat is it good for?<br \/>\nAbsolutely nothing!<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier in Leverkusen stehen immer noch die Hochbunker rund um das Bayer-Werk und erinnern an den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Vor 85 Jahren begann das Deutsche Reich seinen Eroberungs- und Vernichtungskrieg mit dem \u00dcberfall auf Polen; wenige Jahre sp\u00e4ter kam der Krieg nach Deutschland zur\u00fcck. In K\u00f6ln, wo ich wohne, sind nicht explodierte Fliegerbomben aus dem letzten Krieg bei jeder gr\u00f6\u00dferen Baustelle eine Gefahr. 1990 habe ich in Wolgograd Russisch gelernt, dem ehemaligen Stalingrad. Dort gab es immer wieder Unf\u00e4lle, wenn Kinder Munition aus dem Weltkrieg fanden oder Blindg\u00e4nger beim Pfl\u00fcgen der \u00c4cker explodierten.<\/p>\n<p>Krieg ist eine v\u00f6llig idiotische Angelegenheit. Krieg zwischen Industriestaaten ist industriell betriebene Zerst\u00f6rung und massenhafter Mord. Krieg belastet mehrere nachfolgende Generationen. Man kann erahnen, wie es in Jahrzehnten in der Ostukraine oder Gaza sein wird.<\/p>\n<p>Wer will denn so etwas?<\/p>\n<p>Doch nur die sehr wenigen Leute, die davon profitieren, also die Aktion\u00e4re und Angestellten der R\u00fcstungsbetriebe, und diejenigen, die sicher sind, dass sie und ihre Kinder nicht selbst in den Krieg m\u00fcssen.<\/p>\n<blockquote><p>Ihr sogenannten Herr&#8217;n<br \/>\nM\u00fcsst ihr denn Blut vergie\u00dfen<br \/>\nSo lasst das eure flie\u00dfen<br \/>\nIhr predigt das so gern!<\/p><\/blockquote>\n<p>Das schrieb Boris Vian 1954 in dem Gedicht \u201eDer Deserteur\u201c.<\/p>\n<p>Bei Euch, bei den Falken, habe ich eine <a href=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Freundschaft-01-2024-Ausgabe-klein.pdf\">Kinder- und Jugendzeitschrift aus diesem Jahr<\/a> gefunden. Dort ist das Gedicht abgedruckt. In dem Heft geht es auch um den Nahost-Konflikt und wie Ihr Euch angesichts der schrecklichen Gewalt positioniert.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Euch dazu gratulieren und empfehle allen, sich das Heft aus dem Netz zu laden.<\/p>\n<p>In der Zeitschrift sagt eine Frau:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass das, was wir in Deutschland zu dem Konflikt mitbekommen, vor allem eine starke Parteinahme ist. Also man schl\u00e4gt sich entweder auf die eine oder andere Seite. Man sagt, entweder ist man bedingungslos f\u00fcr Israel oder man ist f\u00fcr Pal\u00e4stina. Und beides erscheint mir sehr undifferenziert, weil es so viele unterschiedliche politische Str\u00f6mungen dort gibt. Ich denke, es macht daher Sinn, die Stimmen zu unterst\u00fctzen, die sagen, wir wollen einen Kompromiss finden und wir wollen uns f\u00fcr eine Friedensbewegung einsetzen. Und die gibt es schon in Pal\u00e4stina und Israel.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer schickt das Heft an Au\u00dfenministerin Anna-Lena Baerbock? \u0410n Verteidigungsminister Boris Pistorius? \u0410n Bundeskanzler Olaf Scholz?<\/p>\n<p>Wenn schon Kinder und Jugendliche verstehen, dass man einen komplizierten, jahrzehntelangen Streit nicht mit Schwarz-Wei\u00df-Malerei und massenhafter Gewalt beenden kann, dann muss doch auch eine Bundesregierung mit ihren fast unersch\u00f6pflichen Mitteln dazu in der Lage sein!<\/p>\n<p>Wir brauchen jetzt<\/p>\n<ul>\n<li>die Graut\u00f6ne zwischen dem Schwarz-Wei\u00df,<\/li>\n<li>die Nein-Sager, wenn alle \u201eJa\u201c sagen,<\/li>\n<li>das genaue Hinschauen, wenn alle behaupten, da g\u00e4be es nichts zu sehen,<\/li>\n<li>das Ringen um Wahrheit, wenn alle nur Parolen verbreiten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>In K\u00f6ln wirbt die Bundeswehr mit einem Riesenplakat an einem Zehn-Meter-Sprungturm im Freibad. Darauf: ein deutsches Kriegsschiff. Aufschrift: \u201eDein Karrieresprung.\u201c Wir von der Deutschen Friedensgesellschaft haben unser Banner dagegen gesetzt: \u201eKein Werben f\u00fcrs Sterben!\u201c. Die Presse hat berichtet.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens sind die gegen China gerichteten Drohgeb\u00e4rden mit deutschen Kriegsschiffen im s\u00fcdchinesischen Meer nicht besser als zu Zeiten von Kaiser Wilhelm, nur weil sie heute nicht mehr Teil einer deutschen, sondern einer US-amerikanischen Herrschaftsstrategie sind. Deutsche Kriegsschiffe haben dort nichts zu suchen!<\/p>\n<p>Erasmus von Rotterdam schrieb 1517 \u00fcber diejenigen, die f\u00fcr die Kriege seiner Zeit verantwortlich waren:<\/p>\n<blockquote><p>Sie sagen, sie w\u00fcrden dazu gezwungen und w\u00fcrden ungern genug in den Krieg verwickelt. Aber rei\u00dfe dir die Maske vom Gesicht, wasche die Schminke ab, gehe in dich, und du wirst sehen, dass dich Zorn, Ehrgeiz und Dummheit dahin getrieben haben und nicht die Notwendigkeit (\u2026).\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>A propos \u201eEhrgeiz\u201c: K\u00f6nnt Ihr Euch an das geleakte Gespr\u00e4ch der h\u00f6chsten Luftwaffenoffiziere erinnern, die diskutiert haben, ob und wie man die Br\u00fccke von Kertsch, die Russland mit der Krim verbindet, mit deutschen Taurus-Marschflugk\u00f6rpern zerst\u00f6ren k\u00f6nnte? Da plaudern vier Jungs \u00fcber einen tollen Streich, so scheint es. Tats\u00e4chlich spielen sie mit dem Risiko eines Dritten Weltkriegs, n\u00e4mlich der direkten Konfrontation zwischen der NATO und Russland. Wir machen uns keine Illusionen: die spielen Russisches Roulette, und ihr Einsatz sind wir alle.<\/p>\n<p>Wir brauchen in Deutschland eine neue Verst\u00e4ndigung dar\u00fcber, dass Krieg kein angemessenes Mittel der Politik ist. Erasmus von Rotterdam dazu:<\/p>\n<blockquote><p>Stelle einmal alle die Posten in Rechnung, die der Krieg fordert und mit sich bringt und du wirst sehen, was f\u00fcr ein Gewinn dabei herausschaut.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er findet:<\/p>\n<blockquote><p>Ein Friede kann nicht so ungerecht sein, dass er nicht auch dem \u201agerechtesten\u2018 Kriege vorzuziehen w\u00e4re.<\/p><\/blockquote>\n<p>Lieber zehn Jahre verhandeln, als eine Minute Krieg f\u00fchren!<\/p>\n<p>Krieg ist, wenn alte M\u00e4nner, die sich pers\u00f6nlich kennen, junge Leute, die sich nie begegnet sind und keinen Streit miteinander haben, dazu bringen, sich gegenseitig massenhaft umzubringen. Das klappt nur mit Schwarz-Wei\u00df-Malerei, mit Lug und Trug, mit Propaganda, die sich an die eigene Bev\u00f6lkerung richtet. Wir machen da nicht mit!<\/p>\n<p>Wir sehen nicht ein, weshalb die Deutschen den Ukrainekrieg unterst\u00fctzen sollten, wenn sich die USA und Deutschland seit Jahrzehnten weigern, mit Russland \u00fcber Systeme gemeinsamer Sicherheit zu verhandeln. Eine gemeinsame Sicherheit ist im Interesse aller Menschen auf unserem eurasischen Doppelkontinent und weltweit. Denn der wichtigste Kriegsgrund aus russischer Sicht sind Schritte des Westens, das sogenannte strategische Gleichgewicht der Atomm\u00e4chte, das seit der Kubakrise m\u00fchevoll im Lot gehalten wurde, zu zerst\u00f6ren. Warum gibt es dazu keine Verhandlungen? Wann unterzeichnet Deutschland den Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen, der seit 2021 in Kraft ist?<\/p>\n<p>Der vor zweieinhalb Jahren eskalierte Krieg in der Ukraine beweist nur das, was wir immer und immer wieder gesagt haben: Sicherheit und Frieden in Europa sind nur m\u00f6glich mit Russland, nicht gegen Russland. Der russische Einmarsch in die Ukraine mag noch so illegal, grausam, dumm und verbrecherisch sein: Es ist die verhandlungsfeindliche, verlogene und gegen\u00fcber der ukrainischen Bev\u00f6lkerung herzlose Politik der Bundesregierung und des Westens, die unsere Sicherheit in erster Linie gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Deswegen, Herr Pistorius: Vergessen Sie Ihr Projekt &#8211; Sie werden uns nicht kriegst\u00fcchtig machen k\u00f6nnen, wir werden friedensf\u00e4hig sein!<\/p>\n<p>Wir weigern uns, Feinde zu sein! Wir berufen uns auf Erasmus von Rotterdam, auf Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, den indischen Friedensaktivisten Raja Gopal und unz\u00e4hlige weitere kluge Menschen in der Vergangenheit und Gegenwart.<\/p>\n<p>Wir werden die Feindschaft bek\u00e4mpfen, nicht die \u201eFeinde\u201c!<\/p>\n<p>Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr unsere Rechte und f\u00fcr die aller Menschen. Wir sind solidarisch mit allen, die mit friedlichen Mitteln Frieden schaffen, im Nahen Osten, in der Ukraine und Russland, bei uns in Deutschland und weltweit.<\/p>\n<p>Wir reden mit Andersdenkenden, wir haben den Mut, \u201edagegen\u201c zu sein.<\/p>\n<p>Wir erinnern an die Menschen, die sich friedlich zwischen die Fronten stellen.<\/p>\n<p>Wir unterst\u00fctzen alle, die den Kriegsdienst verweigern. Wir widersetzen uns, wenn notwendig, und wir machen das mutig, gut gelaunt und mit friedlichen Mitteln!<\/p>\n<p>Ich danke Euch und w\u00fcnsche ein sonniges Wochenende!<\/p>\n<div id=\"attachment_18705\" style=\"width: 1270px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18705\" class=\"size-full wp-image-18705\" src=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bildschirmfoto-2024-09-05-um-11.07.52.png\" alt=\"Zeitungsausschnitt mit Foto vom Felsendom in Jerusalem\" width=\"1260\" height=\"938\" srcset=\"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bildschirmfoto-2024-09-05-um-11.07.52.png 1260w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bildschirmfoto-2024-09-05-um-11.07.52-200x149.png 200w, https:\/\/www.friedenkoeln.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Bildschirmfoto-2024-09-05-um-11.07.52-768x572.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1260px) 100vw, 1260px\" \/><p id=\"caption-attachment-18705\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Was bedeutet &#8218;doppelte Solidarit\u00e4t&#8216;?&#8220; &#8211; Ausschnitt aus der Jugendzeitschrift &#8222;Freundschaft&#8220; der Kinder- und Jugendorganisation &#8222;Die Falken&#8220;, Ausgabe 1\/2024<\/p><\/div>\n<hr \/>\n<p><em>Stefanie Intveen ist seit dem Sturz der ukrainischen Regierung im Februar 2014 in der Friedensbewegung engagiert. Seit 2016 ist sie Ko-Sprecherin der DFG-VK Gruppe K\u00f6ln.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8222;Sozialistische Jugend Deutschlands &#8211; die Falken&#8220; in Leverkusen haben uns eingeladen, eine Rede zum Antikriegstag zu halten. Am 31.8.2024 fand dort eine Kundgebung statt. 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