{"id":19370,"date":"2025-09-29T18:06:09","date_gmt":"2025-09-29T16:06:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=19370"},"modified":"2025-09-29T18:09:54","modified_gmt":"2025-09-29T16:09:54","slug":"rundbrief-von-abed-schokry-zur-lage-in-gaza-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=19370","title":{"rendered":"Rundbrief von Abed Schokry zur Lage in Gaza vom 26.09.25"},"content":{"rendered":"<p>Prof. Dr. Abed Schokry stammt aus Gaza und lebt seit 1992 in Deutschland. Am 26. September 25 hat er einen aktuellen Rundbrief zur Lage in Gaza ver\u00f6ffentlicht, den wir an dieser Stelle abdrucken:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bonn\/ Gaza am 26\/09\/2025<\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und liebe Freunde,<\/p>\n<p>mir fehlen die W\u00f6rter und die Worte, um in Worten zu beschreiben, wie es mir\/uns geht und wie es meiner Familie in Gaza-Stadt geht. Das ist auch der Grund daf\u00fcr, dass ich seit Anfang August keine neue Rundmail gesendet habe.<\/p>\n<ul>\n<li>Meine \u00e4lteste Tochter<\/li>\n<li>Kosten f\u00fcr die Flucht vom Norden in den S\u00fcden<\/li>\n<li>Die erneute Vertreibung<\/li>\n<li>Lage aktuell (heute)<\/li>\n<li>Israelische Luftangriffe gegen Katar<\/li>\n<li>Wie geht es weiter?<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Meine \u00e4lteste Tochter<\/strong><\/p>\n<p>Meiner \u00e4ltesten Tochter in Kairo geht es soweit gut, wir vermissen sie sehr und sie fehlt ns. Vor einigen Tagen hatte sie leider einen Verkehrsunfall, ein Auto ist \u00fcber ihren linken Fu\u00df gefahren. Auf den Stra\u00dfen in Kairo ist es sehr gef\u00e4hrlich, es passiert sehr oft etwas. Wir sind froh, dass sie keine gro\u00dfe Verletzung erlitten hat und hoffen, dass es ihr bald wieder gut gehen wird.<br \/>\nDie Situation des Wartens in Kairo ist aber weder f\u00fcr sie noch f\u00fcr uns zu ertragen. Da sie nicht nach Deutschland zu ihrer Familie kommen darf, weil sie kein Visum bekommt, wird sie wahrscheinlich in n\u00e4chster Zeit nach Pakistan fliegen, wo sie ihr Medizinstudium aufgrund eines Stipendiums von Pakistan auf Englisch fortsetzen kann und wird.<\/p>\n<p>Von uns in Bonn gibt es nicht allzu viel Neues zu berichten. Die Kinder gehen in die Schule, was nach den Sommerferien eine besondere Herausforderung f\u00fcr sie ist, da sie jetzt in allen F\u00e4chern am \u201enormalen\u201c Unterricht auf Deutsch teilnehmen.<\/p>\n<p><strong>Kosten f\u00fcr die Flucht<\/strong><\/p>\n<p>Auf den Stra\u00dfen, die sich vom Norden Gazas bis in den S\u00fcden erstrecken, laufen Tausende barfu\u00df und ersch\u00f6pft und tragen die \u00dcberreste ihres Lebens auf ihren Schultern. Blasse Gesichter, Kinder, die vor Durst und Hunger weinen, \u00e4ltere Menschen, die sich auf ihre St\u00f6cke st\u00fctzen, und M\u00fctter, die ihre m\u00fcden F\u00fc\u00dfe schleppen, die Augen voller Tr\u00e4nen. So sieht es aus.<br \/>\nDer israelische TV-Kanal 12 gibt an, wie viel Geld eine Familie f\u00fcr die Vertreibung aus Gaza Stadt in den S\u00fcden aufbringen muss.<br \/>\nDie Gesamtkosten f\u00fcr erzwungene Flucht von Gaza-Stadt in den S\u00fcden betr\u00e4gt ca. 6.200 Dollar.<\/p>\n<ul>\n<li>Lkw-Transport: 1500-2000 Dollar<\/li>\n<li>Anmietung eines Grundst\u00fccks: etwa 500 Dollar pro Monat.<\/li>\n<li>Anmietung einer gr\u00f6\u00dferen Wohnung: etwa 2.000 Dollar pro Monat.<\/li>\n<li>Wasserbeh\u00e4lter: ein Beh\u00e4lter f\u00fcr Wasser (1.000 Liter): 300 Dollar<\/li>\n<li>Bau einer Toilette: 500 Dollar.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Lkw-Transport muss von den Menschen selbst organisiert werden. Es ist keineswegs einfach, jemanden zu finden, der den Transport \u00fcbernimmt. Meist sind es Privatpersonen, die irgendwie noch ein halbwegs funktionsf\u00e4higes Fahrzeug besitzen und die vor allem auch gen\u00fcgend Brennstoff f\u00fcr die Fahrt aufbringen k\u00f6nnen.<br \/>\nDiejenigen, die im S\u00fcden irgendwo noch ein privates Grundst\u00fcck haben, vermieten einen Platz, wo ein einfaches Zelt aufgestellt werden kann. Neben dem Zelt m\u00fcssen Beh\u00e4lter f\u00fcr Leitungs- und Trinkwasser aufgestellt werden. Und schlie\u00dflich wird eine provisorische Toilette gebaut.<br \/>\nMeist teilen sich mehrere Familien die Kosten, da sie f\u00fcr eine einzelne Familie unerschwinglich sind. Auch meine Familie, die aus Gaza-Stadt fliehen musste, lebt unter diesen Umst\u00e4nden, sie hat es mir so berichtet.<br \/>\nWie man auch hier in den Berichten aus Gaza sehen kann, gibt es allerdings auch viele Menschen, die sich nicht den \u201eLuxus\u201c eines Lkw Transports leisten k\u00f6nnen und erst recht nicht die Anmietung eines St\u00fccks Land, um sich ganz und gar provisorisch irgendwo niederzulassen. Sie gehen zu Fu\u00df und transportieren das N\u00f6tigste. Wenn sie \u201eGl\u00fcck\u201c haben, finden sie einen Eselkarren als Transportmittel.<\/p>\n<p><strong>Die immer wieder erneute Vertreibung<\/strong><br \/>\nDiese \u201eerneute\u201c Vertreibung ist kein normaler Umzug von einem Ort zum anderen, sondern eine Reise der Entwurzelung. Es ist eine unbeschreibliche humanit\u00e4re Situation, in der die Stra\u00dfe zu einem Meer des Schmerzes wird, in dem sich die Tr\u00e4nen der Kinder mit dem Schweigen der unterdr\u00fcckten M\u00e4nner vermischen und in dem mit jedem Schritt ins Unbekannte die Hoffnung, dass es besser wird, stirbt. Die wiederholten Vertreibungen sind eine von Menschen gemachte Katastrophe f\u00fcr jeden einzelnen Pal\u00e4stinenser, f\u00fcr M\u00e4nner, Frauen und Kinder.<br \/>\nWir sind ein Volk, das nach jahrzehntelanger Unterdr\u00fcckung, das auch jetzt trotz all des Leids nicht aufgibt, sondern nie auf seine Rechte verzichten wird, wie lang der Weg auch sein mag.<br \/>\nDie Welt wei\u00df, dass den Menschen in Gaza und auch in der Westbank Unrecht getan wird, nicht einfach \u201enur\u201c Unrecht, sondern dass versucht wird, uns endg\u00fcltig aus unserem Land auf grausame Weise zu vertreiben, um Platz zu machen f\u00fcr andere, die sich breit machen wollen.<br \/>\nIch werde niemals verstehen, warum die Welt, warum die Politiker und Politikerinnen, die Einfluss haben, dennoch schweigen und dem Unrecht nur zuschauen, ohne einzugreifen. Das ist sehr unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p><strong>Lage aktuell (heute)<\/strong><br \/>\nGaza wird nicht in der Vorstellung oder in der Rhetorik ausgel\u00f6scht, sondern tats\u00e4chlich jeden Tag vor unseren Augen und Ohren. Jeder Morgen bringt viele Todesopfer, viele Verletzte (so auch die Kinder eines Bruders von mir, die gestern durch einen israelischen Luftangriff verletzt wurden, w\u00e4hrend sie in dem Zelt in Deir Elbalah waren), gr\u00f6\u00dfere Zerst\u00f6rung, und jede Nacht werden Dutzende H\u00e4user durch das Feuer der Bombardierungen ausgel\u00f6scht. So geschah es mit den Wohnungen und H\u00e4usern fast aller meiner Geschwister. Ich wei\u00df auch nicht, ob das Haus, in dem unsere Wohnung liegt, noch steht.<\/p>\n<p>Es gibt keinen sicheren Ort, kein Dach, das Schutz bietet, keine Hand, die sich den Menschen in Gaza entgegenstreckt und diesen langsamen Tod verhindert. Das ist die nackte Realit\u00e4t, ungesch\u00f6nt durch Erkl\u00e4rungen oder Versprechen von Hilfe. Gaza wird absichtlich get\u00f6tet, nicht nur durch Hunger, nicht nur durch Bombardierungen, sondern durch einen umfassenden Plan, der darauf abzielt, die Menschen aus ihrem Land zu vertreiben, damit keine Spur der pal\u00e4stinensischen Existenz zur\u00fcckbleibt.<br \/>\nWas hier geschieht, ist kein vor\u00fcbergehender Krieg oder eine begrenzte Milit\u00e4raktion, sondern vielmehr ein systematischer Plan zur Ausl\u00f6schung, weil Hilfe zum Mittel der Erpressung wird, weil Wasser, Medikamente und Lebensmittel zur Verhandlungstaktik geh\u00f6ren. Die Menschen in Gaza wissen nicht, ob sie in Gaza-Stadt bleiben oder gehen sollen. Denn wenn sie bleiben, riskieren sie, get\u00f6tet zu werden, und wenn sie sich in das Unbekannte begeben, dann gibt es auch keine Garantie, dass sie nicht angegriffen werden, denn es gibt im ganzen Gazastreifen keine sicheren Zonen, wie die israelische Regierung immer propagiert. Das Ziel der israelischen Armee besteht darin, Gaza zu entv\u00f6lkern und es in eine \u201eRiviera des Nahen Ostens\u201c ohne ihre angestammte Bev\u00f6lkerung zu verwandeln. Die Rolle der USA ist hier weder versteckt noch zweitrangig, sondern die USA sind direkte Partner dieses Blutvergie\u00dfens.<br \/>\nTrumps Drohungen bis hin zu den Besuchen seines Au\u00dfenministers haben alle der Besatzung gr\u00fcnes Licht gegeben, das Massaker fortzusetzen. Die milit\u00e4rische und politische Unterst\u00fctzung geht unvermindert weiter und die westliche Welt begn\u00fcgt sich mit leeren Versprechungen und Lippenbekenntnissen. Was die Vereinten Nationen angeht, so sind sie nicht einmal in der Lage, einen sicheren Transportweg f\u00fcr Lebensmittel zu gew\u00e4hrleisten. Dieses Schweigen ist keine Neutralit\u00e4t, sondern tats\u00e4chliche Mitt\u00e4terschaft an dem Verbrechen, da es den M\u00f6rdern Immunit\u00e4t verschafft, wodurch die Opfer der Zerst\u00f6rung und dem Hunger ausgeliefert sind.<br \/>\nWas die arabischen und islamischen Staaten bzw. deren Positionen angeht, ist ihre Solidarit\u00e4t ein Echo in der Leere geblieben, das den Hungrigen weder Brot noch den Kranken Medizin und den Kindern Schutz bringt.<br \/>\nAngesichts dieses totalen Zusammenbruchs der Infrastruktur, der Krankenh\u00e4user, die zu Friedh\u00f6fen werden und angesichts der ausgehungerten Kinder und mit Blick auf die Tatsache, dass H\u00e4user dem Erdboden gleichgemacht werden, gibt es keinen Grund mehr zu schweigen. Die moralische und humanit\u00e4re Pflicht gebietet es, diesen Ausnahmezustand der Belagerung zu beenden, die Worte in Taten umzusetzen und den Zivilisten echten Schutz zu gew\u00e4hren. Von \u201eWiederaufbau nach dem Krieg\u201d zu sprechen, w\u00e4hrend das Blutvergie\u00dfen weitergeht, ist nichts als eine Illusion, die die Ohnmacht besch\u00f6nigt und die Katastrophe hinausz\u00f6gert.<br \/>\nHeute steht die Menschheit vor einem entscheidenden Moment, einer Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr das globale Gewissen und die F\u00e4higkeit der arabischen und islamischen Welt, \u00fcber blo\u00dfe Erkl\u00e4rungen hinaus zu handeln. Werden die Gro\u00dfm\u00e4chte eingreifen, um diese Vernichtung zu stoppen und sichere Passagen durchzusetzen? Wird der Papst handeln? Vielleicht zusammen mit Juden und J\u00fcdinnen und mit Muslimen und Musliminnen, die sich f\u00fcr den Frieden einsetzen?<br \/>\nOder wird Gaza im Rahmen eines gro\u00df angelegten Vertreibungsplans langsam verschwinden?<\/p>\n<p>Die Antwort darauf wird nicht nur \u00fcber das Schicksal Gazas entscheiden, sondern auch \u00fcber das Schicksal der gesamten Region, \u00fcber die Menschenrechte und das V\u00f6lkerrecht, von denen nur Worte \u00fcbriggeblieben sind.<br \/>\nWie lange wird das Versagen der Weltgemeinschaft noch dauern? Wie lange wird unser Schrei unerh\u00f6rt bleiben? Was ist mit der W\u00fcrde des Menschen??? Wird sie auch unter den Tr\u00fcmmern begraben? Trotz seiner Wunden schreit Gaza: Wir sind keine Zahlen oder vor\u00fcbergehende Opfer, wir sind ein Volk, das frei und in Frieden auf seinem Land leben will, und wir werden nicht schweigen, bis unsere Rufe nach Freiheit, Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit erh\u00f6rt werden und in Taten umgesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Israelische Luftangriffe gegen Katar<\/strong><\/p>\n<p>Ich verstehe nichts von Politik und frage mich, ob der israelische Luftangriff ein kluger Schachzug war. Ein Land, das gerade zwischen den Parteien vermittelt und mit den Betroffenen verhandelt, was im Auftrag von Israel selbst als auch der USA geschieht. Egal, wie ich es drehe und betrachte, komme ich zum gleichen Ergebnis, es war kein guter Schachzug.<\/p>\n<p><strong>Wie geht es weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich es w\u00fcsste, so w\u00fcrde ich das sofort hier schreiben. Ich wei\u00df aber, dass ohne Druck von au\u00dfen dieser \u201eWAHNSINN nicht gestoppt wird. Die USA haben nun zum sechsten Mal ihr Veto-Recht eingesetzt, damit der Krieg nicht beendet wird. Wo bleibt die UNO? Ich wei\u00df nicht, was noch geschehen muss, um endlich Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, damit dieser Alptraum endet. Es gibt den neuen Plan vom U.S:<br \/>\nPr\u00e4sidenten, Trump Aber es ist noch nicht alles klar. In der Hoffnung, dass es bald dazu kommt, verbleibe ich f\u00fcr heute<\/p>\n<p>mit traurigen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Abed Schokry<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. Abed Schokry stammt aus Gaza und lebt seit 1992 in Deutschland. Am 26. 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