{"id":19498,"date":"2025-12-19T15:24:19","date_gmt":"2025-12-19T14:24:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=19498"},"modified":"2025-12-19T15:24:34","modified_gmt":"2025-12-19T14:24:34","slug":"botschaft-von-papst-leo-xiv-zum-59-weltfriedenstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.friedenkoeln.de\/?p=19498","title":{"rendered":"BOTSCHAFT VON PAPST LEO XIV. ZUM 59. WELTFRIEDENSTAG"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><b><span class=\"color-text\">1. JANUAR 2026<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b><i>Der Friede sei mit euch allen:<br \/>\nhin zu einem \u201eunbewaffneten und entwaffnenden\u201c Frieden<\/i><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eDer Friede sei mit dir!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dieser sehr alte Gru\u00df, der auch heute noch in vielen Kulturen allt\u00e4glich ist, wurde am Abend des Ostertags durch den auferstandenen Jesus mit neuer Kraft erf\u00fcllt. \u00bbFriede sei mit euch!\u00ab ( Joh 20,19.21) lautet sein Wort, das nicht nur einen Wunsch ausdr\u00fcckt, sondern in denen, die es annehmen, und damit in der gesamten Wirklichkeit eine bleibende Ver\u00e4nderung bewirkt. Deshalb verleihen die Nachfolger der Apostel jeden Tag und \u00fcberall auf der Welt dieser ganz stillen Revolution ihre Stimme: \u201eDer Friede sei mit euch!\u201c Bereits am Abend meiner Wahl zum Bischof von Rom war es mir ein Anliegen, meinen Gru\u00df in dieses gemeinsame Bekenntnis einflie\u00dfen zu lassen. Und ich m\u00f6chte es noch einmal betonen: Dies ist der Friede des auferstandenen Christus, ein unbewaffneter und entwaffnender Friede, dem\u00fctig und best\u00e4ndig. Er kommt von Gott, dem Gott, der uns alle bedingungslos liebt. [1]<\/p>\n<p><strong>Der Friede des auferstandenen Christus<\/strong><\/p>\n<p>Er, der Gute Hirte, der sein Leben f\u00fcr seine Schafe hingibt und der viele Schafe auch au\u00dferhalb dieses Stalls hat (vgl. Joh 10,11.16), hat den Tod besiegt und die trennenden W\u00e4nde zwischen den Menschen niedergerissen (vgl. Eph 2,14): Christus, unser Friede. Seine Gegenwart, seine Gabe, sein Sieg spiegeln sich in der Standhaftigkeit vieler Zeugen wider, durch die das Werk Gottes in der Welt fortgesetzt wird und in der Dunkelheit der Zeit sogar noch sichtbarer und leuchtender wird.<\/p>\n<p>Der Gegensatz zwischen Dunkelheit und Licht ist n\u00e4mlich nicht einfach nur ein biblisches Bild, um die Geburtswehen zu beschreiben, aus denen eine neue Welt hervorgeht: Er ist eine Erfahrung, die uns im Hinblick auf die Pr\u00fcfungen, denen wir begegnen, und in den historischen Umst\u00e4nden, in denen wir leben, durchdringt und ersch\u00fcttert. Nun, es ist n\u00f6tig, das Licht zu sehen und daran zu glauben, um in der Dunkelheit nicht zu versinken. Die J\u00fcnger Jesu sind berufen, dieses Erfordernis auf einzigartige und privilegierte Weise zu erfahren, aber es wei\u00df sich auf vielf\u00e4ltige Weise einen Weg in das Herz eines jeden Menschen zu bahnen. Der Friede existiert, er will in uns wohnen, er hat die sanfte Kraft, den Verstand zu erleuchten und zu weiten, er widersteht der Gewalt und \u00fcberwindet sie. Der Friede hat den Atem der Ewigkeit: W\u00e4hrend man dem B\u00f6sen entgegenruft \u201eGenug!\u201c, fl\u00fcstert man dem Frieden zu: \u201eF\u00fcr immer!\u201c. Diesen Horizont hat uns der Auferstandene erschlossen. In dieser Vorahnung leben die Friedensstifterinnen und Friedensstifter, die in jenem Drama, das Papst Franziskus als \u201eDritten Weltkrieg in St\u00fccken\u201c bezeichnet hat, weiterhin der Ansteckung durch die Finsternis widerstehen, wie W\u00e4chter in der Nacht.<\/p>\n<p>Das Gegenteil, n\u00e4mlich das Licht zu vergessen, ist leider m\u00f6glich: Man verliert dann den Wirklichkeitsbezug und \u00fcberl\u00e4sst sich einer partiellen und verzerrten Vorstellung von der Welt, die von Dunkelheit und Angst gepr\u00e4gt ist. Nicht wenige bezeichnen heute Erz\u00e4hlungen als realistisch, die keine Hoffnung enthalten, die blind f\u00fcr die Sch\u00f6nheit anderer sind und die die Gnade Gottes vergessen, die immer in den Herzen der Menschen wirkt, wie sehr sie auch von der S\u00fcnde verwundet sein m\u00f6gen. Der heilige Augustinus ermahnte die Christen, eine unaufl\u00f6sliche Freundschaft mit dem Frieden zu schlie\u00dfen, damit sie ihn im Innersten ihres Geistes bewahren und seine strahlende W\u00e4rme \u00fcberallhin verstr\u00f6men k\u00f6nnen. An seine Gemeinde schrieb er: \u00bbWenn ihr andere zum Frieden f\u00fchren wollt, m\u00f6get ihr ihn erst selbst in euch haben und in ihm gefestigt sein. Um andere zu entflammen, muss sein Licht in euch brennen.\u00ab [2]<\/p>\n<p>Ob wir nun \u00fcber die Gabe des Glaubens verf\u00fcgen oder ob uns scheint, dass wir sie nicht h\u00e4tten, liebe Br\u00fcder und Schwestern, \u00f6ffnen wir uns f\u00fcr den Frieden! Nehmen wir ihn an und erkennen wir ihn, statt ihn f\u00fcr fern und unm\u00f6glich zu halten. Mehr als ein Ziel ist der Friede etwas Gegenw\u00e4rtiges und ein Weg. Selbst wenn er in uns und um uns herum bedroht ist wie eine kleine Flamme im Sturm, wollen wir ihn bewahren, ohne die Namen und Geschichten derer zu vergessen, die ihn uns bezeugt haben. Der Friede ist ein Grundsatz, der unsere Entscheidungen leitet und bestimmt. Selbst an Orten, an denen nur noch Tr\u00fcmmer \u00fcbrig sind und die Verzweiflung unvermeidlich scheint, finden wir gerade heute Menschen, die den Frieden nicht vergessen haben. So wie Jesus am Abend des Ostertages den Ort betrat, an dem die J\u00fcnger ver\u00e4ngstigt und entmutigt versammelt waren, so gelangt der Friede des auferstandenen Christus mittels der Stimmen und Gesichter seiner Zeugen auch weiterhin durch T\u00fcren und Hindernisse. Er ist die Gabe, die es uns erm\u00f6glicht, das Gute nicht zu vergessen, es als siegreich zu erkennen und uns erneut und gemeinsam daf\u00fcr zu entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Ein unbewaffneter Friede<\/strong><\/p>\n<p>Kurz bevor er gefangen genommen wurde, sagte Jesus in einem Moment tiefen Vertrauens zu denen, die bei ihm waren: \u00bbFrieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.\u00ab Und sogleich f\u00fcgte er hinzu: \u00bbEuer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht\u00ab (Joh 14,27). Die Beunruhigung und die Furcht konnten sich nat\u00fcrlich auf die Gewalt beziehen, die bald \u00fcber ihn hereinbrechen w\u00fcrde. Doch die Evangelien verbergen nicht, dass es vor allem seine gewaltfreie Antwort war, die die J\u00fcnger verst\u00f6rte. Diesen Weg stellten sie alle, insbesondere Petrus, in Frage, aber bis zuletzt verlangte der Meister, ihm auf diesem Weg nachzufolgen. Der Weg Jesu bleibt ein Grund f\u00fcr Beunruhigung und Furcht. Und entschlossen sagt er auch dem, der ihn verteidigen m\u00f6chte: \u00bbSteck das Schwert in die Scheide!\u00ab (Joh 18,11; vgl. Mt 26,52). Der Friede des auferstandenen Jesus ist unbewaffnet, weil sein Kampf unter ganz bestimmten historischen, politischen und sozialen Umst\u00e4nden unbewaffnet war. Die Christen m\u00fcssen von dieser Neuheit gemeinsam prophetisch Zeugnis ablegen, eingedenk jener tragischen Ereignisse, an denen sie allzu oft mitgewirkt haben. Das gro\u00dfe Gleichnis vom Weltgericht l\u00e4dt alle Christen ein, in diesem Bewusstsein barmherzig zu handeln (vgl. Mt 25,31-46). Und dabei werden sie Br\u00fcder und Schwestern an ihrer Seite finden, die in unterschiedlichen Weisen auf den Schmerz anderer zu h\u00f6ren wussten und sich so in ihrem Inneren von der T\u00e4uschung der Gewalt befreit haben.<\/p>\n<p>Obwohl es heute nicht wenige Menschen gibt, die von Herzen friedfertig sind, \u00fcberkommt sie angesichts des immer unsichereren Verlaufs der Ereignisse doch ein gro\u00dfes Gef\u00fchl der Ohnmacht. Tats\u00e4chlich wies schon der heilige Augustinus auf ein besonderes Paradoxon hin: \u00bbEs ist schwieriger, den Frieden zu loben, als ihn zu besitzen. Denn wenn wir ihn loben wollen, brauchen wir F\u00e4higkeiten, die uns vielleicht fehlen, suchen wir nach den richtigen Gedanken und w\u00e4gen unsere Worte; wenn wir ihn hingegen besitzen wollen, haben und bewahren wir ihn ohne jede Anstrengung.\u00ab [3]<\/p>\n<p>Wenn wir Frieden als ein fernes Ideal betrachten, finden wir es nicht mehr skandal\u00f6s, dass er verweigert werden kann und dass sogar Kriege gef\u00fchrt werden, um Frieden zu erreichen. Es scheint an den richtigen Gedanken zu mangeln, an wohl\u00fcberlegten Worten, an der F\u00e4higkeit zu sagen, dass der Friede nahe ist. Wenn der Friede keine gelebte Wirklichkeit ist, die es zu bewahren und zu pflegen gilt, dann macht sich Aggressivit\u00e4t sowohl im privaten als auch im \u00f6ffentlichen Leben breit. Dann wird in der Beziehung zwischen B\u00fcrgern und Regierenden der Umstand als Verfehlung angesehen, dass man sich nicht ausreichend auf den Krieg vorbereitet, darauf, auf die Angriffe anderer reagieren und Gewalt erwidern zu k\u00f6nnen. Auf der politischen Ebene ist diese \u2013 weit \u00fcber den Grundsatz der legitimen Verteidigung hinausgehende \u2013 Logik der Gegens\u00e4tzlichkeit der derzeit relevanteste Umstand f\u00fcr die globale Destabilisierung, die jeden Tag dramatischer und unvorhersehbarer wird. Es ist kein Zufall, dass die wiederkehrenden Forderungen nach einer Erh\u00f6hung der Milit\u00e4rausgaben und die daraus resultierenden Entscheidungen von vielen Regierenden mit der Gef\u00e4hrlichkeit anderer gerechtfertigt werden. Tats\u00e4chlich stehen Abschreckungspotenzial durch Macht und insbesondere nukleare Abschreckung f\u00fcr die Irrationalit\u00e4t von Beziehungen zwischen V\u00f6lkern, die nicht auf Recht, Gerechtigkeit und Vertrauen beruhen, sondern auf der Angst und der Herrschaft der St\u00e4rke. \u00bbInfolgedessen befinden sich die V\u00f6lker\u00ab, wie schon der heilige Johannes XXIII. \u00fcber seine Zeit schrieb, \u00bbbest\u00e4ndig in Furcht, wie vor einem Sturm, der jeden Augenblick mit erschreckender Gewalt losbrechen kann. Und das nicht ohne Grund, denn an Waffen fehlt es tats\u00e4chlich nicht. Wenn es auch kaum glaublich ist, dass es Menschen gibt, die es wagen m\u00f6chten, die Verantwortung f\u00fcr die Vernichtung und das Leid auf sich zu nehmen, die ein Krieg im Gefolge hat, so kann man doch nicht leugnen, dass unversehens und unerwartet ein Kriegsbrand entstehen kann.\u00ab [4]<\/p>\n<p>Im Laufe des Jahres 2024 stiegen die weltweiten Milit\u00e4rausgaben im Vergleich zum Vorjahr um 9,4 % und best\u00e4tigten damit die seit zehn Jahren anhaltende Tendenz. Sie erreichten einen Wert von 2.718 Milliarden Dollar, was 2,5 % des weltweiten BIP entspricht. [5] Dar\u00fcber hinaus scheint man heute auf die neuen Herausforderungen nicht allein mit enormen wirtschaftlichen Anstrengungen zur Aufr\u00fcstung zu reagieren, sondern auch mit einer Neuausrichtung der Bildungspolitik: Statt einer Kultur der Erinnerung, die das im 20. Jahrhundert gewonnene Problembewusstsein bewahrt und die Millionen Opfer jenes Jahrhunderts nicht vergisst, werden Kommunikationskampagnen und Bildungsprogramme in Schulen und Universit\u00e4ten sowie in den Medien vorangetrieben, die Bedrohungswahrnehmungen verbreiten und eine rein milit\u00e4risch gepr\u00e4gte Vorstellung von Verteidigung und Sicherheit vermitteln.<\/p>\n<p>Doch \u00bbwer den Frieden wirklich liebt, liebt auch dessen Gegner\u00ab. [6] So empfahl der heilige Augustinus, keine Br\u00fccken abzubrechen und nicht auf Vorw\u00fcrfen zu beharren, sondern lieber zuzuh\u00f6ren und sich, soweit m\u00f6glich, mit den Argumenten anderer auseinanderzusetzen. Vor sechzig Jahren endete das Zweite Vatikanische Konzil in dem Bewusstsein der Dringlichkeit eines Dialogs zwischen der Kirche und der Welt von heute. Insbesondere die Konstitution Gaudium et spes lenkte die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der Kriegf\u00fchrung: \u00bbDie besondere Gefahr des modernen Krieges besteht darin, dass er sozusagen denen, die im Besitz neuerer wissenschaftlicher Waffen sind, die Gelegenheit schafft, solche Verbrechen zu begehen, und in einer Art unerbittlicher Verstrickung den Willen des Menschen zu den f\u00fcrchterlichsten Entschl\u00fcssen treiben kann. Damit in Zukunft so etwas nie geschieht, beschw\u00f6ren die versammelten Bisch\u00f6fe des ganzen Erdkreises alle, insbesondere die Regierenden und die milit\u00e4rischen Befehlshaber, sich jederzeit der gro\u00dfen Verantwortung bewusst zu sein, die sie vor Gott und der ganzen Menschheit tragen.\u00ab [7]<\/p>\n<p>Wir bekr\u00e4ftigen den Appell der Konzilsv\u00e4ter und sch\u00e4tzen den Weg des Dialogs als den auf allen Ebenen wirksamsten ein. Zugleich stellen wir fest, dass der anhaltende technologische Fortschritt und der Einsatz k\u00fcnstlicher Intelligenz im milit\u00e4rischen Bereich die Tragik bewaffneter Konflikte noch versch\u00e4rft haben. Es zeichnet sich sogar ein Prozess ab, in dem politische und milit\u00e4rische F\u00fchrungskr\u00e4fte durch eine zunehmende \u201eDelegation\u201d von Entscheidungen \u00fcber Leben und Tod von Menschen ihre Verantwortung an Maschinen abgeben. Dies ist eine bislang beispiellose Spirale der Zerst\u00f6rung jenes Humanismus in Recht und Philosophie, auf dem eine jede Zivilisation beruht und durch den sie gesch\u00fctzt wird. Die gewaltigen Konzentrationen privater Wirtschafts- und Finanzinteressen, die die Staaten in diese Richtung treiben, m\u00fcssen angeprangert werden; doch reicht dies nicht aus, wenn nicht zugleich ein Erwachen des Gewissens und des kritischen Denkens gef\u00f6rdert wird. Die Enzyklika Fratelli tutti stellt den heiligen Franz von Assisi als Beispiel f\u00fcr ein solches Erwachen dar: \u00bbIn jener Welt voller Wacht\u00fcrme und Verteidigungsmauern erlebten die St\u00e4dte blutige Kriege zwischen m\u00e4chtigen Familien, w\u00e4hrend die Elendsviertel der Ausgesto\u00dfenen an den R\u00e4ndern wuchsen. Dort empfing Franziskus innerlich den wahren Frieden, er befreite sich von jedem Verlangen, andere zu beherrschen, er wurde einer der Geringsten und versuchte in Harmonie mit ihnen zu leben.\u00ab [8] Dies ist eine Geschichte, die in uns weiterleben soll und die es erfordert, dass wir unsere Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, damit wir gemeinsam zu einem entwaffnenden Frieden beitragen, zu einem Frieden, der aus Offenheit und evangeliumsgem\u00e4\u00dfer Demut entsteht.<\/p>\n<p><strong>Ein entwaffnender Friede<\/strong><\/p>\n<p>Die G\u00fcte ist entwaffnend. Vielleicht ist Gott deshalb Kind geworden. Das Geheimnis der Menschwerdung, das Herabsteigen Gottes bis in die Unterwelt, beginnt im Scho\u00df einer jungen Mutter und wird in der Krippe von Betlehem offenbar. \u00bbFriede auf Erden\u00ab, singen die Engel und verk\u00fcnden die Gegenwart eines wehrlosen Gottes. Die Menschheit kann seiner Liebe nur dann gewahr werden, wenn sie sich seiner annimmt (vgl. Lk 2,13-14). Nichts vermag uns so sehr zu verwandeln wie ein Kind. Und vielleicht ist es gerade der Gedanke an unseren Nachwuchs, an die Kinder und auch an jene, die so schutzbed\u00fcrftig sind wie sie, der uns mitten ins Herz trifft (vgl. Apg 2,37). In diesem Zusammenhang schrieb mein verehrter Vorg\u00e4nger: \u00bbDie menschliche Schwachheit hat die Kraft, uns klarer erkennen zu lassen, was Bestand hat und was verg\u00e4nglich ist, was Leben schenkt und was t\u00f6tet. Vielleicht neigen wir deshalb so oft dazu, unsere Grenzen zu leugnen und schwachen und verletzten Menschen auszuweichen: Sie verm\u00f6gen es, den Weg, den wir als Einzelne und als Gemeinschaft eingeschlagen haben, in Frage zu stellen.\u00ab [9]<\/p>\n<p>Johannes XXIII. f\u00fchrte als Erster die Perspektive einer umfassenden Abr\u00fcstung ein, die nur durch die Erneuerung des Herzens und des Verstandes erreicht werden kann. So schrieb er in Pacem in terris: \u00bbAllerdings m\u00fcssen alle davon \u00fcberzeugt sein, dass das Ablassen von der R\u00fcstungssteigerung, die wirksame Abr\u00fcstung oder \u2013 erst recht \u2013 die v\u00f6llige Beseitigung der Waffen so gut wie unm\u00f6glich sind, wenn dieser Abschied von den Waffen nicht allseitig ist und auch die Gesinnung erfasst, das hei\u00dft, wenn sich nicht alle einm\u00fctig und aufrichtig M\u00fche geben, dass die Furcht und die angstvolle Erwartung eines Krieges aus den Herzen gebannt werden. Dies setzt aber voraus, dass an die Stelle des obersten Gesetzes, worauf der Friede sich heute st\u00fctzt, ein ganz anderes Gesetz trete, wonach der wahre Friede unter den V\u00f6lkern nicht durch die Gleichheit der milit\u00e4rischen R\u00fcstung, sondern nur durch gegenseitiges Vertrauen fest und sicher bestehen kann. Wir sind entschieden der Meinung, dass dies geschehen kann, da es sich um eine Sache handelt, die nicht nur von den Gesetzen der gesunden Vernunft befohlen wird, sondern auch h\u00f6chst w\u00fcnschenswert und \u00fcberaus segensreich ist.\u00ab [10]<\/p>\n<p>Dies ist ein grundlegender Dienst, den die Religionen der leidenden Menschheit erweisen m\u00fcssen, indem sie wachsam bleiben angesichts der zunehmenden Versuche, sogar Gedanken und Worte zu Waffen zu machen. Die gro\u00dfen geistlichen Traditionen wie auch der rechte Gebrauch der Vernunft lassen uns \u00fcber verwandtschaftliche oder ethnische Bande hinausgehen, \u00fcber jene Verbr\u00fcderungen, welche nur ihresgleichen anerkennen und die anderen zur\u00fcckweisen. Wir sehen heute, dass dies nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Leider geh\u00f6rt es zunehmend zum derzeitigen Gesamtbild, dass Worte des Glaubens Einzug halten in politische K\u00e4mpfe, dass Nationalismus gepriesen wird und dass Gewalt und bewaffneter Kampf religi\u00f6s gerechtfertigt werden. Die Gl\u00e4ubigen m\u00fcssen diesen Formen der Blasphemie, die den heiligen Namen Gottes verdunkeln, aktiv entgegentreten, in erster Linie durch ihre Lebensweise. Deshalb ist es notwendiger denn je, zusammen mit dem Handeln das Gebet, die Spiritualit\u00e4t, den \u00f6kumenischen und interreligi\u00f6sen Dialog als Wege des Friedens und als Formen der Begegnung zwischen Traditionen und Kulturen zu pflegen. Weltweit ist es w\u00fcnschenswert, dass \u00bbjede Gemeinde [\u2026] ein \u201eHaus des Friedens\u201c werden [soll], wo man lernt, Feindseligkeit durch den Dialog zu entsch\u00e4rfen; wo Gerechtigkeit praktiziert wird und Vergebung gelebt wird\u00ab. [11] Denn heute ist es mehr denn je n\u00f6tig, durch aufmerksame und fruchtbare pastorale Kreativit\u00e4t zu zeigen, dass der Friede keine Utopie ist.<\/p>\n<p>Andererseits darf dies nicht von der Bedeutung der politischen Dimension ablenken. Durch diejenigen, die in den h\u00f6chsten und qualifiziertesten \u00c4mtern \u00f6ffentliche Verantwortung tragen, \u00bbsollte gr\u00fcndlich gepr\u00fcft werden, wie auf der ganzen Welt die gegenseitigen Beziehungen der Staaten in menschlicherem Gleichgewicht neu zu gestalten sind; Wir meinen ein Gleichgewicht, das auf gegenseitigem Vertrauen, auf aufrichtiger Gesinnung bei Vertragsschl\u00fcssen und auf unverletzlichen Vereinbarungen gegr\u00fcndet ist. Diese Frage soll aber von allen Seiten so erwogen werden, dass eine Grundlage gefunden wird, auf der freundschaftliche, feste und segensreiche B\u00fcndnisse entstehen k\u00f6nnen.\u00ab [12] Dies ist der entwaffnende Weg der Diplomatie, der Vermittlung, des V\u00f6lkerrechts, der leider durch immer h\u00e4ufigere Verst\u00f6\u00dfe gegen m\u00fchsam erzielte Vereinbarungen konterkariert wird, in einem Kontext, der nicht die Delegitimierung, sondern vielmehr eine St\u00e4rkung der supranationalen Institutionen angebracht erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Gerechtigkeit und Menschenw\u00fcrde sind heute mehr denn je den Machtungleichgewichten zwischen den St\u00e4rksten ausgesetzt. Wie kann man in einer Zeit der Destabilisierung und Konflikte leben und sich vom B\u00f6sen befreien? Es ist n\u00f6tig, alle geistlichen, kulturellen und politischen Initiativen zu f\u00f6rdern und zu unterst\u00fctzen, die die Hoffnung am Leben erhalten, um so der Verbreitung \u00bbfatalistische[r] Einstellungen\u00ab entgegenzuwirken, die suggerieren, dass \u00bbdie herrschenden Dynamiken von unpers\u00f6nlichen anonymen Kr\u00e4ften und von vom menschlichen Wollen unabh\u00e4ngigen Strukturen hervorgebracht w\u00fcrden\u00ab. [13] Wenn n\u00e4mlich \u00bbdie beste Methode, zu herrschen und uneingeschr\u00e4nkt voranzuschreiten, [darin] besteht [\u2026], Hoffnungslosigkeit auszus\u00e4en und st\u00e4ndiges Misstrauen zu wecken, selbst wenn sie sich mit der Verteidigung einiger Werte tarnt\u00ab, [14] dann begegnet man einer solchen Strategie am besten, indem man in der Gesellschaft ein entsprechendes Bewusstsein schafft sowie Strukturen verantwortungsbewusster Vereinigungen, gewaltfreie Beteiligungsformen und eine Praxis wiederherstellender Gerechtigkeit, im Kleinen wie im Gro\u00dfen, entwickelt. Dies hatte bereits Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum novarum deutlich zum Ausdruck gebracht: \u00bbEs ist die Beschr\u00e4nktheit der eigenen Kr\u00e4fte, die den Menschen stets von selbst dazu antreibt, sich mit andern zu gegenseitiger Hilfe und Unterst\u00fctzung zu verbinden. \u201eZwei sind besser als einer allein, falls sie nur reichen Ertrag aus ihrem Besitz ziehen. Denn wenn sie hinfallen, richtet einer den anderen auf\u201c ( Koh 4,9-10). So das Wort der Heiligen Schrift. Und wiederum: \u201eEin get\u00e4uschter Bruder ist verschlossener als eine Festung\u201c ( Spr 18,19).\u00ab [15]<\/p>\n<p>M\u00f6ge dies eine Frucht des Heiligen Jahres der Hoffnung sein, das Millionen von Menschen dazu bewegt hat, wieder neu ihr Pilgersein zu entdecken und in sich jene Entwaffnung des Herzens, des Geistes und des Lebens zu beginnen, auf die Gott schon bald mit der Erf\u00fcllung seiner Verhei\u00dfungen antworten wird: \u00bbEr wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele V\u00f6lker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des Herrn\u00ab (Jes 2,4-5).<\/p>\n<p>Aus dem Vatikan, am 8. Dezember 2025<\/p>\n<p>LEO XIV.<\/p>\n<p>____________________________________________<\/p>\n<p>[1] Vgl. Apostolischer Segen \u201eUrbi et Orbi\u201d und erster Gru\u00df, mittlere Loggia des Petersdoms (8. Mai 2025).<\/p>\n<p>[2] Augustinus von Hippo, Sermo 357, 3.<\/p>\n<p>[3] Ebd., 1.<\/p>\n<p>[4] Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris (11. April 1963), 60.<\/p>\n<p>[5] Vgl. SIPRI Yearbook: Armaments, Disarmament and International Security (2025).<\/p>\n<p>[6] Augustinus von Hippo, Sermo 357, 1.<\/p>\n<p>[7] Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 80.<\/p>\n<p>[8] Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti (3. Oktober 2020), 4.<\/p>\n<p>[9] Ders., Lettera al Direttore del Corriere della Sera (14. M\u00e4rz 2025).<\/p>\n<p>[10] Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris (11. April 1963), 61.<\/p>\n<p>[11] Ansprache an die Bisch\u00f6fe der italienischen Bischofskonferenz (17. Juni 2025).<\/p>\n<p>[12] Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris (11. April 1963), 63.<\/p>\n<p>[13] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 42.<\/p>\n<p>[14] Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti (3. Oktober 2020), 15.<\/p>\n<p>[15] Leo XIII., Enzyklika Rerum novarum (15. Mai 1891), 37.<\/p>\n<p>Copyright \u00a9 Dikasterium f\u00fcr Kommunikation &#8211; Libreria Editrice Vaticana<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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