Rede

“Nur mit gemeinsamer Erinnerung in eine bessere Zukunft!” – Isabelle Casel zum 75-jährigen Kriegsende

Isabelle Casel redete am 9. Mai 2020 zum 75-jährigen Kriegsende auf Einladung des Vereins “Erinnern für die Zukunft” auf dem Heumarkt in Köln.


Für Frieden, Entspannungspolitik und Abrüstung – Krieg, Konfrontation und Aufrüstung stoppen!

Erinnerung ist wichtig, wir dürfen es aber nicht dabei belassen. Daher finde ich auch den Namen des Vereins „Erinnern für die Zukunft“ so schön. Gedenken bringt nicht viel, wenn man nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen, damit Faschismus und Krieg endlich überwunden werden können.

Wir treten ein für eine Zukunft des Friedens, der Gerechtigkeit und der Freiheit, doch leider sind wir davon weit entfernt. Krieg ist wieder zum Mittel der Politik geworden, und das Versprechen „nie wieder Krieg von deutschem Boden“ wird durch die Beteiligung an völkerrechtswidrigen Interventionen der Bundeswehr schon gewohnheitsmäßig gebrochen. Die Bundesregierung betrachtet manche Regionen Afrikas und Asiens offen als militärische Einflusszonen. Das erinnert an die „Platz an der Sonne“-Rhetorik aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und beschwört gefährliche Konflikte herauf.

Isabelle Casel redet zum Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Heumarkt, Köln, 9.5.2020. Foto: Stefanie Intveen

Das Bundesministerium der Verteidigung versucht die Coronavirus-Krise auszunutzen, um ohne die versprochene gesellschaftliche Debatte die Bundeswehr-Drohnen bis Juni 2020 zu bewaffnen sowie die Tornado-Kampfbomberflotte der Bundeswehr (90 Stück) durch 93 neue Eurofighter zu ersetzen, und zusätzlich noch einmal 45 F-18 atomare Kampfflugzeuge aus den USA zu kaufen. Das soll Deutschland auch zukünftig in die Lage versetzen, US-amerikanische Atombomben abwerfen zu können („Nukleare Teilhabe“).  Wir reden hier von völkerrechtswidrigen Massenvernichtungswaffen (Internationaler Gerichtshof 1996) die gegen unser Grundgesetz verstoßen, welches das Recht auf Leben und Unversehrtheit garantiert. Ebenso ist eine weitere Stationierung von Atomwaffen in Deutschland ein Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag, den die Bundesrepublik Deutschland mit unterzeichnet hat und eine eklatante Missachtung der Bundestagsentscheidung zum Abzug der Atomwaffen von 2010.

Wir wollen, dass die gefährliche Aufrüstung und die militärischen Provokationen gegenüber Russland gestoppt werden. Der Wahnsinn des „Gleichgewichts des Schreckens“ durch Atomwaffen muss beendet werden! Wir lehnen diese neuen Rüstungsprojekte kategorisch ab und fordern stattdessen den Beitritt Deutschlands zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag.

Die Corona Krise zeigt noch einmal deutlich, wer und was entbehrlich ist für eine erstrebenswerte Zukunft. Kriege und Waffen werden genauso wenig benötigt, wie überflüssige Wegwerfprodukte oder Werbung.

Eine Welt in Frieden und Freiheit heißt in Freiheit von Krieg, Freiheit von Not, Freiheit von Angst, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Demokratie, in dem Sinne, dass die Herrschaft bzw. die Gestaltung vom Demos – dem Volk ausgeht, und wir unser Zukunft wirklich gemeinsam gestalten können.

Ein auf Sperrholz geklebtes, braun-weißes Portraitfoto eines jungen Mannes mit dichtem, welligen Haar. Darunter die russischen Daten zur Person.

“Zejtlin Grigori Solomonowitsch (1912-1942?). Ingenieur, Verteidigung Leningrads” (russ.). Foto beim Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Köln, 9.5.2020. Foto: Stefanie Intveen

Persönliche Erinnerung an verstorbene Angehörige und Familie ist sehr wichtig, aber nur mit gemeinsamer Erinnerung können wir auch einen gemeinsamen Weg in eine bessere Zukunft gehen. Daher freue ich mich besonders, dass wir diesen 9. Mai in gemeinsamer Erinnerung mit Freunden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken begehen.

Wir, die Bevölkerung des Kontinents Europa sind eine Interessensgemeinschaft und durch unsere Geschichte, Kultur  sowie der schrecklichen Gewalterfahrung unzähliger Kriege auf diesem Kontinent verbunden. Die Bevölkerung der jeweiligen Länder teilte das gleiche Leid von Tod, Zerstörung, Verstümmelung, Hunger, Internierung, Flucht und traumatischen Erlebnissen, deren Folgen bis heute anhalten.  Als am 8. Mai 1945 endlich die Waffen schwiegen, lagen große Teile Europas in Trümmern, und Millionen Menschen waren auf der Flucht. Der zweite Weltkrieg hatte weltweit mindestens 65 Millionen Tote gefordert. Er wurde in Osteuropa und der Sowjetunion in voller Absicht als Vernichtungskrieg geführt. Allein die Sowjetunion musste 27 Millionen Tote betrauern.

Aber wir haben daraus gelernt und lehnen es ab, andere Menschen oder Völker zu Feinden erklären zu lassen. Wir stehen für die Grundsätze der Gerechtigkeit und des Völkerrechts, mit friedlichen Mitteln alle internationalen Streitigkeiten beizulegen.

Ohne ein friedliches Verhältnis zu Russland kann der Friede in Europa und in der Welt auf Dauer nicht gesichert werden. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sieht in Russland einen zuverlässigeren Partner als in den USA und  ist gegen die im Rahmen der NATO an Russlands Grenzen stationierten Militärkontingente, gegen die Wirtschaftssanktionen und lehnt die in vielen Mainstreammedien propagierte Russophobie ab. 81 Prozent der Deutschen sind für eine engere Beziehung zu Russland und wünschen sich ähnliche Maßnahmen zur Ausbildung einer „Erzfreundschaft“ mit Russland wie zu Frankreich nach dem 2. Weltkrieg.

In der durch die Corona-Pandemie zugespitzten sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und demokratischen Krise wird deutlich:

Genauso wie bei der Herstellung der globalen Klimagerechtigkeit, der Gesundheitsvorsorge und der nationalen Gesundheitssysteme ist bei der Sicherung des Friedens internationale Zusammenarbeit notwendig. Denn die Politik der Konfrontation und des nationalen Egoismus löst keine Probleme. Sie ist das Problem selbst.

Wir fordern die Beendigung aller Auslandseinsätze, einen globalen Waffenstillstand, das Ende der völkerrechtswidrigen Sanktionen gegen fast ein Drittel der Menschheit und das Ende der Dämonisierung von China und Russland.

Für Internationale Kooperation statt Konkurrenz, für Konfliktprävention statt Intervention und für Abrüstung statt Aufrüstung!


Rede 9. Mai 2020 von Isabelle Casel, gehalten auf dem Heumarkt Köln. Isabelle gehört zu den Sprecher*innen der DFG-VK Gruppe Köln.

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