1918 – 1933: Kölner DFG für pazifistische Politik

Von Guido Grünewald

Die DFG im Köln der Weimarer Republik: Pazifist*innen kämpfen gegen Kriegsschuldlüge und nationalistische Verhetzung

Der Sturz der Monarchie und der Übergang zur parlamentarischen Demokratie nach der Novemberrevolution 1918 hatte auch in der DFG deutliche Veränderungen zur Folge. Die bürgerlich-katholischen Kräfte um Paul Esch zogen sich zurück. Das Ruder übernahmen vornehmlich sozialdemokratisch orientierte Menschen, die entweder bereits vor dem Krieg pazifistischen Gedanken nahe gestanden hatten oder durch die Kriegserlebnisse desillusioniert waren. Eine herausragende Rolle spielten Karl Meuter1, der vor allem organisatorisch tätig war, und seine Tochter Hanna2, die 1933 Vorsitzender der Gruppe war. Im Vorstand arbeitete von 1921-1933 auch der Schriftsteller Paul Therstappen3 mit. Eine aktive Mitarbeit ist auch für einen Lehrer Ahrends bezeugt; in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kam der Kaufmann Max Heinig hinzu.

Für die ersten Nachkriegsjahre ist eine rege Tätigkeit der Kölner DFG-Gruppe belegt. Sie arbeitete u.a. mit dem „roten Pfarrer“ Georg Fritze und dem von ihm initiierten „Bund religiöser Sozialisten Köln“ zusammen.4 Vermutlich aus dem Kontakt mit Fritze resultierte die Mitgliedschaft der Großbürgerin und Quäkerin Asta Brügelmann ab 1925.5 Über Hanna Meuters Tätigkeit in der städtischen Volksbildung ergab sich der Kontakt zu Paul Honigsheim, Leiter der Volkshochschule Köln und herausragender Soziologe, der in pazifistischen Zeitschriften publizierte und Vorträge hielt.6 In der praktischen Arbeit lassen sich drei Kernthemen identifizieren: „Pazifismus und Sozialismus“ lautete der Titel einer öffentlichen Versammlung im Oktober 1920. Im Monat zuvor hatte Hanna Meuter bei einer großen Kundgebung der Unabhängigen Sozialistischen Partei Deutschlands (USPD) „für Sowjetrussland“ ( westliche Staaten erwogen eine Intervention in den damaligen Bürgerkrieg zugunsten der gegenrevolutionären Kräfte), auf der „pazifistische Illusionen und Trugschlüsse“ heftig angeprangert wurden, beherzt widersprochen und pazifistische Wege aufgezeigt. 1922 versuchte sie auf einem Diskussionsabend den Kölner Jungsozialisten die Ideenwelt des Pazifismus näher zu bringen.

Abrüstung war ein weiteres Kernthema. Notwendig sei dafür auch eine „geistige Abrüstung“, so Hanna Meuter in einem Vortrag im November 1921: „Es gilt: abzurüsten, niederzureißen jede geistige Schranke, Grenze, die bislang die Menschen feindlich voneinander trennte.“ Als Mittel zu diesem Ziel sah sie vor allem „echte Bildung“. Damit ist das dritte Kernthema genannt: Im März 1920 richtete die Kölner DFG eine Petition an das übergeordnete Ministerium und die Kölner Schulbehörde, in der sie eine Erziehung der Jugend im Geist der Völkerversöhnung und eine entsprechende Ausrichtung der Lehrerbildung sowie der Schulbücher forderte.7 Kurz zuvor hatte die Gruppe gemeinsam mit der Ortsgruppe des Bundes freier Schulen eine Kundgebung „gegen den monarchistischen Schund in den neuen Volksschullesebüchern“ veranstaltet. Für Hanna Meuter war die freie, d.h. interkonfessionelle Schule die beste Plattform für eine pazifistische Erziehung, „die den Menschen lehrt, dass die Zugehörigkeit zu einer Nation wohl etwas Schönes und Großes ist, dass es aber darüber hinaus noch Höheres gibt: die Menschheit“. Für konservativ-reaktionäre Kräfte betrieb sie damit „die Entchristlichung des Volkes“. Auf Drängen der SPD beschloss der Rat der Stadt Köln im April 1921, fünf freie Schulen einzurichten.

Für die folgenden Jahre liegen nur spärliche Informationen vor. Am 19. März 1924 sprengten rechtsradikale Jugendliche eine pazifistische Versammlung im Gürzenich. 1926 gelang es KPD und SPD in einer gemeinsamen Aktion (allerdings mit getrennten Werbeveranstaltungen, ansonsten bekämpften sich beide Parteien erbittert), 88.473 Stimmen, d.h. 31% der Wahlberechtigten, für das Volksbegehren gegen die Fürstenabfindung zu mobilisieren.8 Die DFG war hierbei wie auf Reichsebene wahrscheinlich auch in Köln aktiv. Das Verhältnis der Kölner DFG zur SPD wurde allerdings zunehmend schwierig. Die Kölner DFG schloss sich im Februar 1924 dem Westdeutschen Landesverband (WLV) der DFG an, der im Unterschied zum gemäßigten, auf parlamentarische Mehrheiten abzielenden Kurs der DFG-Geschäftsleitung in Berlin auf einen „kämpferischen Pazifismus“ setzte, der Nationalisten, Militaristen und Nationalsozialisten selbstbewusst und aggressiv gegenübertrat. Karl Meuter versuchte im Juni 1926 und im März 1927 in zwei Briefen an Wilhelm Sollmann, Führungsfigur der oberrheinischen Sozialdemokratie, vergeblich, den sich ausweitenden Spalt zwischen WLV und SPD zu überbrücken. Als die SPD 1928 im Rahmen einer Koalitionsregierung dem Bau des Panzerkreuzers A zustimmte, verließ Hanna Meuter, die früher aktiv in der SPD mitgearbeitet und sich in einem öffentlichen Aufruf gegen den Panzerkreuzer ausgesprochen hatte, enttäuscht die Partei.9

Der WLV, der bereits 1924 eine Kampagne gegen die NSDAP durchgeführt hatte, startete im Herbst 1929 erneut eine Veranstaltungsinitiative, meist vor vollen Sälen. In Köln sprach der WLV-Vorsitzende Fritz Küster am 01.12.1929 in den Kammerlichtspielen Sülz über „Stahlhelm und Hakenkreuz sind Deutschlands Untergang“. Einen Tag später redete Freiherr Paul von Schoenaich im Volkshaus in der Severinstr. über seinen Weg vom preußischen General zum Pazifismus. Beide riefen zum entschiedenen Widerstand gegen die NSDAP auf und forderten die Arbeiterparteien zur Bildung einer gemeinsamen Abwehrfront auf. Wie wir wissen, vergeblich. Über die Zeit bis zum Verbot der Organisation im März 1933 liegen keine Informationen vor.10


1 Karl Meuter [1863-1944(?)], Postbeamter, war im April 1897 Mitgründer der DFG-Gruppe Düsseldorf. Im März 1899 zog die Familie nach Köln. Karl Meuter ist hier offenbar erst nach dem 1. Weltkrieg in der DFG wieder aktiv geworden.

2 Hanna Meuer (1889-1964), Dr. phil, hatte bereits vielfältige berufliche Erfahrungen gesammelt, als sie 1921-1928 Fachreferentin für das Kölner Volksbildungswesen wurde. 1928-1933 leitete sie die Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek. Meuter promovierte 1924 nebenher und wurde 1926 als eine der ersten Frauen in die Deutsche Gesellschaft für Soziologie aufgenommen; ihr Habitilationsverfahren wurde kurz vor dem Abschluss ausgesetzt. Meuter, die dennoch weiter soziologisch arbeitete, wurde 1933 ohne Bezüge entlassen und schlug sich in der NS-Zeit mit freiberuflichen Arbeiten durch. Nach 1945 war sie in Kontakt mit der DFG und dem Versöhnungsbund und hielt Vorträge, musste aber 1948 aufgrund eines schweren Sturzes derartige Aktivitäten aufgeben.

3 Paul Therstpappen (1872-1949), Dr. Phil., zog 1921 von Mönchengladbach nach Köln und war dort bis 1934 an der Stadtbibliothek beschäftigt.

4 Georg Fritze (1874-1939), SPD-Mitglied, hatte bereits im 1. Weltkrieg im pazifistischen Sinn gepredigt. In der Weimarer Republik arbeitete er mit diversen pazifistischen Organisationen zusammen, trat für Abrüstung und Kriegsdienstverweigerung ein und war an der Gründung des deutschen Zweigs der „Internationalen Liga antiimperialistischer Pfarrer“ beteiligt. Als Mitglied der Bekennenden Kirche verweigerte Fritze den von der Kirchenleitung verlangten Treueid auf Hitler; die Zwangspensionierung versetzt seiner angeschlagenen Gesundheit einen tödlichen Schlag.

5 Asta Brügelmann (1893-1969) war mit dem Inhaber des Textilunternehmens Brügelmann & Söhne verheiratet. Sie war gegen Ende der Weimarer Republik auch in Frauenfriedensorganisationen tätig.

6 Paul Honigsheim (1885-1963), SPD-Mitglied, war seit 1919 am Institut für Soziologie an der Universität Köln tätig und übernahm 1921 zusätzlich die Leitung der städtischen Volkshochschule. 1933 floh er über Genf nach Paris, lehrte 1936-38 an der Universität Panama und schließlich bis zu seinem Tod an der Michigan State University.

7 Dokument – Rheinische Zeitung 09.03.1920

8 Im Anschluss an einen Gesetzentwurf der KPD wurde die entschädigungslose Enteignung der Fürsten, die bis 1918 in einem der deutschen Länder regiert hatten, gefordert. Der Anstoß für eine gemeinsame Kampagne der beiden Arbeiterparteien ging vom Deutschen Friedenskartell aus, einem Zusammenschluss pazifistischer Organisationen.

9 Die SPD hatte den Wahlkampf zur Reichstagswahl im Mai 1928 mit der Parole „Für Kinderspeisung – gegen Panzerkreuzer“ bestritten und erhebliche Stimmen dazu gewonnen. Unter dem Druck der Koalitionspartner stimmten die SPD-Minister und Reichskanzler Müller (SPD) dem Panzerkreuzerbau anschließend zu.

10 2 Dokumente – Literarischer Abend der DFG 1925 und Einladung zur Vorstandssitzung Januar 1928