1945 – 1989: Kriegsdienstverweigerung und Kalter Krieg in Köln

Von Guido Grünewald.

Zur Zeit nach 1945 liegt umfangreiches Quellenmaterial vor, das zum Teil in anderen Publikationen bereits ausgewertet wurde.

Die DFG und weitere Vorläuferorganisationen nach 1945 in Köln

Unter Führung des bereits vor 1933 aktiven Max Heinig1 nahm die DFG im Winter 1945/46 ihre Arbeit wieder auf. Von 30 Menschen wuchs die Mitgliederzahl bis 1949 auf 250. Erster Höhepunkt war im Oktober 1947 der Besuch von vier holländischen Friedensaktivisten, von denen drei jahrelang im KZ gelitten hatten. Sie versprachen, sich für eine Verständigung zwischen dem holländischen und deutschen Volk einzusetzen, ein großer Schritt angesichts der damaligen internationalen Isolierung Deutschlands. Ab 1949 bis zu den Wehrgesetzen 1956 stand der Kampf gegen die Wiederaufrüstung im Vordergrund.2 In den Motiven war die DFG mit den später entstehenden Schwesterorganisationen weitgehend einig: Furcht vor einem Wiederaufleben des Militarismus; ein militärisches Westbündnis mache die deutsche Wiedervereinigung unmöglich; Ablehnung der Wehrpflicht. Die DFG führte ihren Abwehrkampf mit Resolutionen und gut besuchten öffentlichen Kundgebungen, oft in Zusammenarbeit mit anderen Friedensgruppen wie dem Versöhnungsbund oder den Quäkern. Außerdem organisierte sie öffentliche Versammlungen zu politischen Themen. In der anschwellenden Protestbewegung gegen atmosphärische Atomtests und die atomare Ausrüstung der Bundeswehr nahmen am 09.08.1958 auch zahlreiche Ratsmitglieder von FDP und SPD an einer DFG-Mahnveranstaltung im Rathaus teil. 1959 beschäftigte sich die DFG mit dem Algerienkrieg und lud nicht nur Hans-Jürgen Wischnewski3, sondern auch einen Vertreter der algerischen Befreiungsbewegung ein. Verschiedene Vorträge mit Kirchenpräsident Martin Niemöller zogen mehrere Hundert Zuhörer an; weitere Vorträge behandelten Themen wie „Öl und Weltpolitik“ oder „Politische Strafjustiz“. Ein Höhepunkt der DFG-Aktivitäten war das Internationale Forum „Entspannung und Sicherheit in Europa durch Verträge und Rüstungsbeschränkungen“ am 16.07.1966, auf dem vor 800 Zuhörern in der Stadthalle Mülheim Vertreter aus Polen, CSSR, DDR, Holland und Frankreich über Wege zur Ost-West-Verständigung diskutierten. Die DFG veraltete jedoch zunehmend, da sie keinen Nachwuchs gewann; 1962 unter dem neuen Vorsitzenden Roland Kurtz war die Mitgliederzahl auf 62 geschrumpft.

Das lag vor allem daran, dass die DFG dem Thema Kriegsdienstverweigerung (KDV) wenig Beachtung schenkte. KDV war aber etwas, was gerade Jüngere angesichts sich abzeichnender deutscher Streitkräfte als individuell nutzbares Mittel interessierte.4 Aus aktiven Kreisen der Jungsozialisten, Falken und Gewerkschaftsjugend entstand im September 1953 die Gruppe Kölner Wehrdienstverweigerer (GKW; 1954 nach bundesweiter Ausdehnung GdW). Sie wollte die Wehrpflicht und die Aufstellung einer deutschen Armee durch massenhafte KDV verhindern. Die Gruppe handelte pragmatisch ohne tiefergehende pazifistische Grundsätze: Mit lockeren Sprüchen („Nicht für Dollar, nicht für Rubel, fort mit dem Kasernentrubel“) und neuen Aktionsformen (plakatierter Autokorso, Gedenkfeier in einer Kirchenruine) erregte sie anfangs größere Aufmerksamkeit. 1955/56 protestierte sie gemeinsam mit dem Arbeiterjugendkartell (Falken, Jusos, Naturfreunde) mit Großkundgebungen und Demonstrationen gegen die Wiederaufrüstung. Im August 1958 organisierte die jetzige VK-Gruppe5 vor einer Raketenattrappe eine sechstägige Atommahnwache auf dem Rudolfplatz und sammelte 15.000 Unterschriften unter eine Petition.6 Mit einem Autokorso protestierte der VK im Oktober 1959 gegen die geplante Erfassung des (Stalingrad)Jahrgangs 1922.7 Als Kennedy im Juli 1963 Köln besuchte, forderte sie den Abzug der US-Atomwaffen aus der Bundesrepublik. 1965 protestierte die Gruppe, die wohl 100-200 Mitglieder zählte, vor der US-Botschaft in Bad Godesberg gegen die Kriegsführung in Vietnam. Im Gewerkschaftshaus bot sie regelmäßig Beratungen für Kriegsdienstverweigerer (KDVer) an.

Im Dezember 1960 entstand auf Initiative von Karl-Ernst Gruhl8 eine Kölner Gruppe der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK). Die IdK vertrat eine auf dem Prinzip der Gewaltlosigkeit beruhenden Pazifismus, verstand sich aber gleichzeitig als politische Friedensorganisation. Die 45köpifge Gruppe arbeitete vor allem in den örtlichen Friedensbündnissen mit und beriet regelmäßig KDVer. Beim Besuch des französischen Staatspräsidenten de Gaulle im September 1962 forderte sie die Auflösung der Fremdenlegion und die gesetzliche Anerkennung der KDV im Nachbarland.

Die Kölner GdW (ab 1958 Verband der Kriegsdienstverweigerer = VK) hielt zu DFG und IdK Distanz, weil man argwöhnte, dort gebe es einflussreiche Menschen, die einseitig östlichen Positionen zuneigten. Das war auch auf die Nähe zur SPD und zu den sozialdemokratischen Jugendorganisationen zurückzuführen.9 Auf Kölner Ebene traf der Verdacht nicht zu. Das Verhältnis von VK und DFG bzw. IdK blieb bis Ende der 1960er Jahre konflikthaft; dennoch arbeiten die Verbände auch immer wieder zusammen, z.B. im Rahmen des örtlichen Ostermarschausschusses. Seit 1963 gab es zusätzlich zum Regionalmarsch West eine Kundgebung in Köln; zudem nahm der Ausschuss an den jährlichen Antiatommärschen der belgischen Jugendverbände in Brüssel teil. 1965 stand mit Mahnwachen, Kundgebung und einem Fackelzug der Protest gegen die Notstandsgesetze10 im Mittelpunkt; im Mai 1968 mobilisierte der Ausschuss für den Sternmarsch auf Bonn. Ein weiteres Schwerpunktthema war der Vietnamkrieg; 1965 und 1966 wurde eine Informationsausstellung auf dem Neumarkt aufgebaut. Gemeinsame Aktivitäten vollzogen sich auch im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Kölner Friedensverbände (AKF), zu Beginn der 1960er Jahre als lockerer Zusammenschluss von Friedensverbänden und am Frieden interessierten Gruppen entstanden. Die AKF organisierte ab 1962 jährlich die Antikriegskundgebung auf dem Neumarkt und den Schweigemarsch zum Volkstrauertag, Diskussionsveranstaltungen über die päpstliche Enzyklika Pacem in terris (1963) und über den Ausschwitzprozess sowie im Juni 1964 eine Kundgebung mit dem Friedensnobelpreisträger Linus Pauling; Oberbürgermeister Burauen und der Stadtrat lehnten einen Empfang für Pauling ab. Mit Schikanen und Verleumdungen hatten die Kölner Pazifisten immer wieder zu kämpfen.11 Im Herbst 1966 zerfiel die AFK aufgrund interner Streitigkeiten.

Unter dem Einfluss der Studentenbewegung zerbrach die ohnehin bereits brüchige Nähe des VK zur SPD. Kurzzeitig löste ein Rat den Vorsitzenden Rosendahl ab. Im Republikanischen Club Köln entstand im November 1968 der Arbeitskreis Kriegsdienstverweigerung, dessen Ziel es war, durch eine möglichst hohe Zahl von KDVern die Wehrpflicht wieder abzuschaffen.12 Die AK-Mitglieder traten bald der DFG-IdK bei und verteilten vor Kasernen in Köln, Nörvenich und Teveren Flugblätter und sieben Ausgaben der Soldatenzeitung Barras. Dabei halfen auch VK-Aktive mit, wie sich ohnehin die Positionen beider Verbände annäherten. DFG-IdK und VK beteiligten sich aktiv an der Verteidigung der Ostverträge und setzten sich für den erfolgreichen Abschluss der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein. Den Schwerpunkt bildete die Verteidigung des Grundrechts auf KDV, das angesichts enorm steigender Antragszahlen unter starken politischen Druck kam. Zu den Aktionsformen zählten neben der Unterstützung für inhaftierte KDVer und einer intensiven Beratung für Antragsteller Informationsveranstaltungen über Art. 4,3 GG in Köln und in Nachbarorten bis nach Gerolstein. Vor allem in der Eifel waren Informationsstände und Diskussionen mit Jugendoffizieren wichtig, denn dort war die Existenz des Grundrechts noch kaum bekannt. Im April 1974 durchsuchten Kriminalbeamte das Büro der DFG-IdK und die Privatwohnung der Gruppenvorsitzenden Elfi Thurow; der Einschüchterungsversuch blieb erfolglos.13

Nach der Fusion zur DFG-VK trat ab 1975 das Thema Abrüstung wieder stärker in den Vordergrund. Die DFG-VK war maßgebliche Mitgründerin und eine treibende Kraft in der Kölner Initiative für Abrüstung (Kifa), die 1976 gegründet und in den 1980er Jahren vom Kölner Friedensforum abgelöst wurde. Demonstrationen, Kundgebungen (regelmäßig zum Antikriegstag), Mahnwachen (jährlich zum Hiroshimagedenktag auf der Domplatte, teilweise mit mehrtägiger Ausstellung und Fasten verbunden), Unterschriftensammlungen, Fahrradstafetten, aber auch Kulturveranstaltungen (z.B. Abrüstungsfeten im Jugendpark) waren Aktionsformen, mit denen sich Aktive der DFG-VK vor allem bis Mitte der 1980er Jahre gegen Aufrüstung (1977-79 Neutronenbombe, danach Pershing II und Cruise Missiles) und für Abrüstung engagierten. Mobilisiert wurde für bundesweite Demonstrationen ebenso wie für gewaltfreie Blockadeaktionen in Mutlangen und im Hunsrück, aber auch für grenzüberschreitende Demonstrationen in Amsterdam und Brüssel. Bereits 1977 hatte eine Internationale Abrüstungsstafette in Köln Station gemacht (Abendveranstaltung mit 1.000 Teilnehmern); im Februar 1978 nahm eine Delegation der Gruppe in Genf an einer Abrüstungskonferenz zivilgesellschaftlicher Organisationen im Rahmen der UNO teil. Die Kölner DFG-VK zählte in diesen Jahren ca. 350 Mitglieder, davon waren bis zu 40 aktiv. Die politische Zusammensetzung war pluralistisch von anarchopazifistisch bis linksliberal; kontroverse Themen wie Charta 77 oder die Militärpolitik der realsozialistischen Staaten wurden offen diskutiert. Sichtbare Erfolge waren die Etablierung des heute noch bestehenden Jugendclub Courage e.V. und des Friedensbildungswerks, dessen Anfänge auf Aktive der DFG-VK zurückgehen.


1 Der Kaufmann Max Heinig (1882-1961) war 1905-1931 (Parteiausschluss) SPD-Mitglied gewesen; 1953-1956 war er Mitglied des DFG-Bundesvorstandes. In den 1950er Jahren war er maßgeblich beteiligt an der Verhinderung eines Truppenübungsplatzes im Königsforst.

2 Wischnewski, Mitbegründer und erster Vorsitzender der GdW und seit 1957 SPD-Bundestagsabgeordneter, war faktisch der inoffizielle bundesrepublikanische Kontaktmann zur algerischen Befreiungsfront FLN, die in der tunesischen Botschaft in Bonn-Bad Godesberg ihr verdecktes und geduldetes Hauptquartier hatte.

3 Die erste Resolution Anfang 1949 lautete: „Durch Zeitungsmeldungen wurde bekannt, dass die Errichtung einer ‚ersten Verteidigungslinie am Rhein‘ seitens des westeuropäischen Sicherheitspaktes geplant ist. Dies erfüllt die Versammelten mit Sorge. Wir Deutschen als entmilitarisiertes Volk brauchen keinen Verteidigungswall. Bei der heutigen Flugwaffentechnik von einer Verteidigungslinie zu reden, ist unserer Meinung nach eine Illusion. Wir Deutschen wollen weder Angriffs- noch Schutzwaffen herstellen. Wir sind entmilitarisiert und wollen entmilitarisiert bleiben.“

4 Art. 4,3 Grundgesetz bestimmt: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“ Zwar wurde bereits in den frühen 1950er Jahren durch Zeitungsberichte deutlich, dass Bundesregierung und militärnahe Kräfte das zu erlassende Bundesgesetz sehr strikt gestalten wollten, aber das Grundrecht und damit die Möglichkeit der persönlichen Verweigerung war nun einmal gegeben.

5 Prägende Vorsitzende der GdW- bzw. VK-Gruppe waren Hans-Hermann Köper, Günther Schlatter und ab Mitte der 1960er Jahre Hermann Rosendahl

6 Wortlaut: „Der Deutsche Bundestag möge alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, damit 1. Die Bundeswehr nicht mit atomaren Waffen ausgerüstet wird, 2. Keine atomaren Waffen auf dem Gebiet der Bundesrepublik hergestellt oder gelagert werden.“

7 Verteidigungsminister Strauß plante, den vor Stalingrad dezimierten Jahrgang 1922 zu erfassen und zu vierwöchigen Wehrübungen einzuberufen. Die Betroffenen reagierten mit einem Proteststurm.

8 Der Jurist Dr. Ernst Karl Gruhl war zuvor im Versöhnungsbund und in der GdW aktiv gewesen. Er war ein aktiver, aber eigenwilliger Mensch und machte 1968 die Fusion mit der DFG nicht mit.

9 Die SPD war seit Beginn der 1950er Jahre bedacht, keine linkssozialistische Alternative entstehen zu lassen und vor allem jeden Verdacht einer auch nur punktuellen Zusammenarbeit mit Kommunisten zu vermeiden. Sie versuchte daher außerparlamentarische Aktivitäten zu kontrollieren und diffamierte in den 1960er Jahren vor allem die Ostermarschbewegung in öffentlichen Stellungnahmen und mittels verdeckter Broschüren.

10 1958 gab es erste Vorschläge für Notstandsgesetze, 1960 und 1963 Gesetzentwürfe. Die 1968 von der Großen Koalition mit Zweidrittelmehrheit beschlossenen Gesetze schränken die Macht des Parlaments zugunsten der Regierung stark ein und ermächtigen die Regierung zum Eingriff in bürgerliche Grund- und Freiheitsrechte.

11 Beispiele: Bei der Gründung der IdK-Gruppe 1960 waren zwei Beamte des 14. (politischen) Kommissariats anwesend. 1966 bezeichnete die Leiterin der Jugendabteilung beim DGB-Köln vor der Presse die AKF-Mitgliedsorganisationen als „meist kommunistisch infiltriert oder kommunistische Tarnorganisationen“. Beim Protest anlässlich des Kennedybesuchs erlebten die VK-Aktiven Folgendes: „Unser Transparent befand sich vor dem Rathaus gegenüber Presse und Fernsehtribüne. Zuerst entfalteten wir ein in englischer Sprache geschriebenes Transparent. Es wurde ungefähr 5 Minuten geduldet. Dann schrie einer: Nieder mit dem Transparent! Die Umstehenden brüllten Beifall. Unter Transparent wurde von Kriminalbeamten sichergestellt. Ein zweites Transparent entfalteten wir kurz vor Kennedys Ankunft. Diesmal waren es ‚Bürger‘ (Oberamtmann vom Amt für öffentliche Ordnung), die unser Transparent herunterrissen.“

12 Dokument – Selbstdarstellung AK Kriegsdienstverweigerung März 1969

13 Das Wehrbereichskommando III (WBK) in Düsseldorf hatte ein Ermittlungsverfahren wegen angeblichen Verstoßes gegen das (1935 erlassene und auf den Ausschluss jüdischer Juristen zielende) Rechtsberatungsmissbrauchsgesetz gestellt. Insgesamt hatten diverse WBK bundesweit mehr als 200 Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder der KDV-Verbände initiiert, die letztlich ergebnislos eingestellt werden mussten.