Rede

Atombombenopfer Michimasa Hirata in Köln: „Bekämpfen Sie diese Waffen!“

Am 6. August 2018 hielt Herr Michimasa Hirata aus Tokio auf dem Domvorplatz eine Rede zum Gedenken an die Opfer der US-Atombomben, die 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Michimasa Hirata gehört zu den Überlebenden in Hiroshima; er war bei der Atomexplosion neun Jahre alt. Hier ist die deutsche Übersetzung seiner Rede:


Guten Abend allerseits!

Atombombenopfer Michimasa Hirata (li.) und Reiko Müller-Shiba auf dem Domvorplatz in Köln am 7.6.2018. Foto: Stefanie Intveen.

Heute, am 6. August, also vor 73 Jahren, wurde 1945 die Atombombe auf Hiroshima geworfen. Ich habe von Herzen einen großen Respekt vor Ihnen, die Sie alljährlich aus diesem Anlass eine Gedenkfeier abhalten.

Mein Name ist Michimasa Hirata. Ich lebe jetzt in Tokyo und bin ein Atombombenopfer von Hiroshima, also ein Hibakusha, wie wir in Japan sagen. Ich bin heute als Vertreter von Herrn Kazuo Soda gekommen, der über viele Jahre oftmals bei ihnen war, an diese Veranstaltungen teilnahm und über seine Gedanken als Atombombenopfer zu Ihnen gesprochen hat.

Es gibt drei große Unterschiede zwischen Atom- und konventionellen Waffen.

Erstens: das Ausmaß und die Größe der Schäden

Die Atombomben sind in der Geschichte der Kriege bisher zweimal benutzt worden. Sie wurden auf Hiroshima und in Nagasaki während des zweiten Weltkriegs geworfen. Die Ausmaße der Schäden waren unzählige Tote und zigtausende Verletzte mit meistens schweren Verbrennungen, vollkommen zerstörte Häuser und Brände durch Hitzestrahlung, sodass im Radius von 2 km um das Hypozentrum eine einzige Ruine blieb. Durch diese 2 Atombomben wurden 140,000 Menschen in Hiroshima und 70,000 Menschen in Nagasaki, also insgesamt 210,000 Menschen getötet. Wenn man die Leichen dieser getöteten Menschen Schulter an Schulter legen würde, wären es etwa 100 km. Das sollte ungefähr von Köln bis nach Büchel sein, wo immer noch Atombomben der USA in einem deutschen Luftwaffenstützpunkt gelagert sind. Die Anzahl der Getöteten allein sagt noch gar nichts, weil ein einziges Menschenleben so kostbar ist. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass durch zwei Bomben 210.000 Menschen getötet wurden und ich appelliere an Sie, diese Waffen zu bekämpfen, die eine ungeheure Massenmord- Maschinerie sind, die inhuman und wahllos Menschen töten!

Zweitens: die Vielfältigkeit der Schäden

Eine Atombombe hat gleichzeitig drei Wirkungen. Die erste ist die Hitzestrahlung, die Brände verursacht und den Menschen Verbrennungen zufügt, die zweite sind die Bombendetonationswellen und die dritte, die die meisten und problematischsten Schäden erzeugt, ist die Radioaktivität, die es so bei konventionellen Waffen nicht gibt.

Drittens: die Folgeschäden

Diese Radioaktivität, die wir weder sehen, noch hören, noch riechen können, bemerkt man als Schaden zu aller erst nicht. Diese Strahlung erscheint als Blutung oder Leukämie, als akute Erkrankungen danach. Viele Hibakusha leiden auch 73 Jahre nach dem Bombenabwurf immer noch an Leukämie und an verschiedenen Arten von Krebs, deren Verursachung Radioaktivität vermuten lässt. Bei diesen Erkrankungen ist zu befürchten, dass sie auf weitere Generationen erbmäßig übertragen werden.

Also, diese Atomwaffen bringen lang andauernde Nachfolge-Schäden. Und das ist der dritte charakteristische Unterschied zu den konventionellen Waffen!

Als ich 9 Jahre alt war, wurde die Atombombe in Hiroshima abgeworfen

Nun erzähle ich Ihnen mein persönliches Erlebnis mit dieser Atomwaffe. Als ich 9 Jahre alt war, wurde die Atombombe in Hiroshima abgeworfen, wo wir etwa 2,1 km vom Hypozentrum entfernt lebten. Nach dem Frühstück habe ich es mir im Wohnzimmer bequem gemacht. Plötzlich blitzte es mit einem blauweißen grellen Licht. Als mein Vater mich in den Hausbunker stieß, der sich am Beginn des Korridors beim Wohnzimmer befand, kam gleichzeitig ein starke Bomben-Windstoß. Als ich eine Weile danach aus dem Bunker heraus kam, lag das Zentrum des Stadtgebiets vor unserm Haus in Schutt und Asche.

Eine Reihe von Papierlämpchen mit darin brennenden Teelichtern schwimmt auf einem dämmrigen Wasser.

#ToroNagashi am 6.8.2018 am Aachener Weiher in Köln. Foto: Klaus Müller.

Ich rannte auf die Straße und was ich dort sah, war so schrecklich: Aus dem Hypozentrum flüchtende Menschen, ihre Haare vom Kopf abstehend, ihre Kleidung nur als Lappen auf den verbrannten Körpern haftend, die eigene Haut zeigten sie wie Blätter herabhängend von den vorgestreckten Händen … Rein äußerlich konnte man bei diesen Menschen kaum einen Unterschied finden, ob es sich dabei um weibliche oder männliche Wesen handelte. Es war sage und schreibe die Hölle auf Erden.

Es wurde Abend und ich wollte zu meiner Mutter und Schwester hin, die als Evakuierte außerhalb der Stadt lebten. Der Weg dorthin war schwierig, da auf der Straße Telegrafenmasten, Elektrokabel und abgebrannte Hausteile lagen. Ich wählte den Weg auf dem Eisenbahndeich. Da lagen viele Leichen und stöhnende Verletzte. Ich ging auf der Eisenbahnbrücke, deren Holzschwellen verkohlt waren, und dort unten sah ich viele Leichen auf dem Fluss treiben. Es hat drei mal mehr Zeit gebraucht, mein Ziel zu erreichen, wo meine Mutter und Schwester waren und wir uns glücklich in die Arme schließen konnten. Die Beeinflussung der Radioaktivität fügte mir eine Krankheit mit verminderten weißen Blutkörperchen zu. Ich besitze nur eine Hälfte der weißen Blutkörperchen als gesunde Menschen. Ich hatte zwar Lungenentzündungen, aber glücklicherweise keinen Krebs oder andere radioaktiv bedingte Erkrankungen.

Atomwaffen, deren Sprengkräfte 10- bis 1000-fach größer sind als die Hiroshima-Bombe

Es gibt 9 Länder auf der Welt, die Atomwaffen zu besitzen, auf die sich der Atomwaffensperrvertrag NPT bezieht. Diese Länder sind: USA, Russland, England, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Sie haben insgesamt 15,000 Atomwaffen, deren Sprengkräfte 10- bis 1000-fach größer sind als die Atombombe von Hiroshima. Davon sind 330 strategische Atomwaffen, die den USA und Russland gehören. Wenn eine von beiden Seiten nur eine Waffe davon abschießt, egal ob aus Absicht oder Zufall, so schießt der Gegenüber innerhalb von ein paar Minuten zur Vergeltung zurück. So wird das System eingesetzt. Schlimmstenfalls fliegen Atomraketen durcheinander über die Erde und werden alle Lebewesen samt Menschen töten und es könnte die Oberfläche der Erde zurückbleiben wie die Oberfläche des Mondes.

Die Länder, die keine Atomwaffen besitzen und sie als inhuman bezeichneten, versuchten, diese Waffen zu verbieten wie chemische- und biologische Waffen. Im Juli vergangenen Jahres wurde über den „Atomwaffenverbotsvertrag“ bei der UNO- Generalversammlung verhandelt und bisher gab es eine Zustimmung von 122 Ländern. Leider haben 59 Länder, darunter auch die, die Atomwaffen besitzen, sowie die unter USA-Atom-Schirmherrschaft stehenden Länder, wie Japan, Australien und die NATO-Staaten, nicht mal an den dies bezüglichen UNO-Versammlungen teilgenommen, denn sie waren gegen das Verbot. Ihre Behauptung: Die Beherrschung der Atomwaffen reicht aus, das Verbot ist noch zu früh.

Japan soll sich vom Zauber der „Beherrschung der Atomwaffen“ befreien

Japan, der einziger Staat, der mit Atombomben beworfen wurde, hat zwar eine eigene Position gegen Atomwaffen eingenommen, steht aber gleichzeitig unter der Atom-Schirmherrschaft der USA, also hat Japan einen Doppel-Standpunkt. Dies finde ich als Hibakusha sehr bedauerlich. Japan soll sich vom Zauber der „Beherrschung der Atomwaffen“ befreien und eine Brücke bauen zwischen den Nicht- und den Mit-Atomwaffen-Ländern. Ich wünsche mir, dass Japan für die Abrüstung eine führende Rolle einnehmen soll.

Die junge Organisation ICAN hat voriges Jahr den Nobelpreis bekommen, da sie einen großen Beitrag für die Resolution des Atomwaffen-Verbotsvertrages geleistet hat. Der Vertrag wird mit der Ratifikation von 50 Ländern in Kraft treten. Bis jetzt haben ihn 14 Länder ratifiziert.

Wir Hibakusha haben eine Unterschriften-Sammelaktion angefangen, um diesen Vertrag so früh wie möglich in Kraft zu setzen und Atomwaffen abzuschaffen. Man kann zwar durch das Internet unterschreiben, aber hier habe ich Unterschriften- Listen auf Papier dabei, bitte machen Sie mit, wenn Sie es wichtig finden!

Wir Menschen können die Atomkraft nicht unter Kontrolle bringen

Zum Schluss möchte ich noch die Atom-Kraftwerke erwähnen, die als friedliche Nutzung des Atoms gepriesen worden sind. AKW und Atomwaffen haben eine gleiche Wurzel, die Atom heißt. Wie wir aus den AKW-Unfällen von Tschernobyl oder Fukushima wissen, ist ihre Schaden unermesslich groß. Wir Menschen können die Atomkraft nicht perfekt unter Kontrolle bringen. Ich protestiere gegen Atom- Kraftwerke genau so wie gegen Atomwaffen, weil AKW’s ein großes Unfallpotenzial haben. Ich finde es sehr bedauerlich, dass die japanische Regierung die Wiederinbetriebnahme der AKW’s und Investitionen für den AKW-Bau im Ausland fördert, obwohl die Folgen der Unfallkatastrophe von Fukushima überhaupt nicht gemeistert worden sind. In diesem Punkt respektiere ich Deutschland, das nach dem AKW-Unfall in Fukushima sofort den Atomausstieg im Land beschlossen hat.

Nie mehr Hiroshima! Nie mehr Nagasaki! Nie mehr Hibakusha! Und Nie mehr Krieg!

Ich will noch mal betonen, dass die Atomwaffen inhumane teuflische Waffen sind, und wenn diese einmal los gehen, mit Absicht oder nicht, könnte die ganze Menschheit untergehen – und dieses Gefahrgut haben wir so in der Nähe. Mit dem Atomwaffen-Verbotsvertrag hat man einen großen Schritt angefangen. Durch Verhandlungen zwischen USA und Nordkorea könnte man erwarten, die Atomwaffen zu sperren. Der Weg zur Abschaffung der Atomwaffen ist noch sehr lang, da allein die Zerlegung der Waffen sehr viel Zeit braucht. Bis dahin überleben wir Hibakusha ganz bestimmt nicht mehr. Lassen wir uns alle zusammen eine Welt ohne Atomwaffen schaffen!

Nie mehr Hiroshima! Nie mehr Nagasaki! Nie mehr Hibakusha! und Nie mehr Krieg! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit