Kommentar

Krieg jetzt auch bei uns? Wandgemälde holt ferne Wirklichkeit nach Köln

Von Stefanie Intveen. Wer in Köln-Nippes von der Haltestelle Neusser Straße / Gürtel aus Richtung Innenstadt läuft, muss vielleicht zweimal hinschauen, um zu erfassen, was sich dem Blick bietet. Ist der Krieg jetzt auch zu uns gekommen? Eine Nanosekunde lang könnte der Gedanke aufblitzen.

Das Foto zeigt ausschnittsweise eine typische Straßenfront eines hellblau und grau verputzten Mehrfamilienhauses mit weißen Fensterrahmen; davor winterlich unbelaubte Straßenbäume, parkende Fahrzeuge, ein Stück Bauzaun auf dem Bürgersteig, eine Litfasssäule mit Werbeplakaten. Anstelle der Seitenwand des Gebäudes sind die zerschossenen Ruinen hoher Mehrfamilienhäuser zu sehen, ein Kampfflugzeug mit dunklem Glascockpit jagt auf den Betrachter zu, darunter brennt ein Fahrzeug.

Wandgemälde an der Neusser Straße 419 in Köln-Nippes; Detail. Foto: Stefanie Intveen

Aber nein, kein Brandgeruch, kein Dröhnen der Düsenjäger, keine Bombenexplosion. Es ist nur ein Wandgemälde, das die fensterlose Seitenwand eines mehrstöckigen Wohnhauses bedeckt. Es verbindet die hellblau verputzte Straßenfassade des Hauses bildlich mit den zerschossenen Ruinen mehrstöckiger Wohnhäuser in einer fernen, einer anderen Stadt. Ein schwer bewaffnetes Kampfflugzeug mit düsterem Cockpit scheint im Tiefflug über die Ruinen auf den Betrachter zuzuschießen, darunter brennt ein Autowrack. Die echten Fahrzeuge stehen gleich daneben auf dem Parkstreifen an der Neusser Straße.

Wie lange dauert es, ein Haus zu bauen? Wie lange braucht ein Kampfbomber, um es in einen Haufen Schutt zu verwandeln? Jeder Mensch in Köln hat die Fotos der zerschossenen Stadt am Endes des letzten Kriegs im Kopf. Der Luftkrieg gegen Städte war ein Kriegsverbrechen; er ist es auch heute.

Das Wandgemälde zeigt nicht nur den Bombenkrieg gegen ein Wohngebiet; es ist viel größer. Grafisch in vier Bereiche unterteilt zeigt es im oberen Teil ein Schlauchboot voller Menschen in orangefarbenen Rettungswesten. Das Boot verwandelt sich rechts in den Bug einer schicken Jacht, auf dem ein freundlicher dickbäuchiger Herr mit grauem Schnauzbart in Frack und Zylinder munter Geldscheine zu den aus der Ferne heranfliegenden Kampfjets in die Luft wirft. Die Flüchtenden im Schlauchboot hinter sich sieht er nicht, denn er schaut in die andere Richtung. Neben der Jacht treiben die Geldscheine im Meer, neben dem Schlauchboot die Rettungswesten. Während die Ruinen der bombardierten Stadt im Bildbereich unter dem Schlauchboot sind, ragen unterhalb der Jacht die Glitzerfassaden einer reichen Finanzmetropole empor – sie erinnern an London, Frankfurt oder Manhattan.

Die beiden Sphären, die der Armut und Schutzlosigkeit auf der linken Bildhälfte und die des Überflusses und der Sicherheit auf der rechten Seite sind miteinander verknüpft – durch das Meer, durch die Stadt, durch die Ähnlichkeit des Zylindermenschen und der Flüchtenden im Boot; und auch durch die kreisförmig heranfliegenden, alles verbindenden Kampfjets, die ihren Schub aus dem Geld des Zylindermannes zu nehmen scheinen.

Das Foto zeigt eine hohe fensterlose, hellblau verputzte Hauswand, die grafisch in vier Bereiche geteilt wurde: Oben links ist ein dunkles Schlauchboot im Meer zu sehen, in dem dicht gedrängt Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Alter und Geschlecht in orangefarbenen Rettungswesten sitzen; das Boot geht in den rechte Bildbereich über, wo es sich in den Bug einer weißen Jacht verwandelt, auf der ein dickbäuchiger freundlicher Herr mit grauen Haaren, Schnauzbart in Zylinder, schwarzem Anzug, weißem Hemd und Fliege große Geldscheine hoch in die Luft zu den dort fliegenden Kampfbombern wirft; die Scheine segeln herab und landen auf der Meeresoberfläche. Unten rechts glänzen die Glasfassaden einer modernen Großstadt - es könnte der Finanzdistrikt in London oder Manhattan sein. Im Bildbereich unten links sind die zerschossenen Ruinen hoher Mehrfamilienhäuser zu sehen, ein Kampfflugzeug mit dunklem Glascockpit jagt auf den Betrachter zu, darunter brennt ein Fahrzeug.

Wandgemälde an der Neusser Straße 419 in Köln-Nippes; Detail. Foto: Stefanie Intveen

Das Gemälde ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von zahlreichen Personen: die Prowo GmbH besitzt das Nutzungsrecht für die Hauswand und übernahm die Kosten, ihr Geschäftsführer Herman Haver entwickelte die Idee, auf ihr ein sozialkritisches Kunstwerk zu schaffen, die Leiterin der an das Gebäude angrenzenden Peter-Ustinov-Realschule Susanne Braun unterstützte die Idee und ihre Umsetzung, die Schüler und Schülerinnen des Kunstkurses der Abschlussklasse im Sommerhalbjahr 2018 wählten unter Anleitung des Kunstlehrers Alfred Niessen und der Künstlerin Mandana Mesgarzadeh die Themen aus und entwarfen die Bestandteile des Gemäldes. Die Übertragung der Entwürfe auf die Wand übernahm Mandana Mesgarzadeh, die dabei von Ute Adler unterstützt wurde.

Mitwirkende des Antikriegsbildes an der Neusser Straße 419 in Köln (v.l.): Erdoĝan Hamutoglu, Lucia Kietzmann, Herman Haver, Angelina Bößler, Mandana Mezgarzadeh, Susanne Braun. Foto: Stefanie Intveen

Die industrielle Fleischproduktion und der Fleischkonsum stehen im Zentrum eines weiteren Gemäldes, das die Schüler*innen mit Unterstützung der Künstlerinnen auf einer weiteren Wand entlang des Schulhofs verwirklichen konnten. Hier wird die Welt mit verkehrten Rollen dargestellt: es sind die Tiere, welche die Menschen am Fließband zu “Menschenbällchen frisch abgepackt 340g” verarbeiten.

Einen Wechsel der Perspektive möchte man auch dem Zylindermann in der Jacht auf dem ersten Gemälde empfehlen: wenn er sich doch nur einmal nach den Menschen im Schlauchboot umschauen würde!