Brief der Friedensaktivistin und Publizistin Dr. Sumaya Farhat Naser

Im Folgenden veröffentlichen wir einen Brief der palästinensischen Friedensaktivistin und Publizistin Dr. Sumaya Farhat Naser, mit ihrer freundlichen Erlaubnis:

Birzeit, 2.10.2026

Liebe Freunde,

ich schreibe wieder, ich muss schreiben, denn es ist noch schwerer und aussichtsloser geworden in unserem Land. Was geschieht übersteigt unseren Verstand. Wir leben in ständiger Angst und die Lage wird mehr und mehr aussichtslos.

Seit einem Jahr ist offiziell Waffenstillstand in Gaza vereinbart. Doch israelische Dronen, Hubschreiber und Panzer töten täglich Menschen in Gaza. In diesem Jahr mehr sind mehr als 1800 Menschen in Gaza getötet worden und viel mehr hunderte verletzt worden. Kein einziger Israelischer Soldat wurde in dieser Zeit getötet. Ein internationales Friedensrat, Netanjahu dazu gehörend aber keinen einzigen Arabischen Menschen, ist von Herrn Trump ernannt worden für Regieren und Aufsicht von Gaza. Dazu gehört eine internationale Militärtruppe für Sicherheit. Ein Gremium von 15 Gaza-Palästinenser wurde zusammengestellt hochqualifiziert in Finanz, Wirtschaft , Verwaltung, Gesundheits-und Bildungsangelegenheiten. Hauptaufgabe ist der Wiederaufbau und Sicherung des normalen Lebens. So viele Monate sind vergangen und Israel erlaubt es nicht, dass dieser Verwaltungsrat für Wiederaufbau in den Gaza Streifen einreist oder seine Aufgaben beginnt.

Israelische Militär hätte sich aus dem grössten Teil des Gaza-Streifens zurückziehen sollen, doch Militär hat noch mehr Gebiete vom Gaza-Streifen besetzt sodass fast 70% des Streifens nun unter israelische Besatzung steht. In diesem östlichen Längsstreifen sind über 90%der Häuser zerstört worden und alle Bevölkerung ist vertrieben worden zum westlichen Teil des Streifens, wo nun über zwei Millionen Menschen auf ein Drittel des überbevölkerten Teils des Streifens leben müssen. Es gibt noch mehr Zerstörungen anstelle von Wiederaufbau. Hungersnot ist sehr gross, Ausbleiben von medizinischer Versorgung ist ein gewaltiges Problem. Gesamte Infrastruktur für Strassen-, wasser- und Kanalisationssysteme sind zerstört worden. Es ist ein systematisches Treiben in den Tod, oder gezielte Vertreibung ins Ausland.

Ja, die Situation in Palästina ist beängstigend. In unserer Region herrscht weiterhin Krieg. Unser Volk wird durch die Zerstörung seiner Existenzgrundlagen und durch den Raub von Grund und Boden zersplittert. Die Missachtung von Gerechtigkeit führt zu einem Rückfall in unmoralische Strukturen und verschärft die Gewaltspirale. Menschenrechtsverletzungen werden international weitgehend ohne angemessene Reaktion hingenommen.

Auch in der Westbank werden Häuser und Infrastruktur zerstört, Vertreibung und Landraub sind alltäglich geworden. Israel kontrolliert bereits rund 83 Prozent des Landes (Area B und C). Die Regierung betreibt eine schleichende Annexionspolitik. Ein neues Gesetz ermöglicht es, Land in der Westbank als israelisches Staatseigentum registrieren zu lassen und damit zu annektieren.

Die Westbank wird zunehmend fragmentiert. Mehr als 920 Checkpoints und Straßensperren machen das Leben durch massive Bewegungseinschränkungen und Kontrollen zur Qual. Tägliche Angst um die Sicherheit der Kinder, versperrte Schulwege, Isolation und Unsicherheit prägen den Alltag vieler Familien.

Von Vertreibungen besonders hart betroffen sind Nomaden, Hirten und Beduinen. In den traditionell von ihnen bewirtschafteten Gebieten zwischen Wüste und fruchtbarem Land werden Zäune errichtet und Weideflächen besetzt. Insgesamt wurden in den letzten 16 Monaten fast 40.000 Menschen in der Westbank vertrieben, die meisten infolge von Militäreinsätzen in den Flüchtlingslagern von Jenin und Tulkarm.

In der Westbank entsteht eine Rekordzahl neuer Siedlungen sowie zahlreicher Außenposten auf geraubtem Land. Die derzeitige israelische Regierung hat in den letzten drei Jahren 69 Siedlungen genehmigt. Seit 2023 ist die Gewalt durch Siedler stark angestiegen. Sie wird zunehmend von organisierten, paramilitärischen Gruppen ausgeübt, bekannt als die „Jugend der Hügel“. Schwer bewaffnet zerstören sie Häuser, verbrennen Felder, entwurzeln Bäume und vertreiben die Bevölkerung – meist unter Schutz des Militärs. Bauern werden gezielt angegriffen und bedroht, um sie von der Bewirtschaftung ihres Landes abzuhalten. Tiere werden vertrieben oder geraubt. Selbst das Pflügen des eigenen Landes ist lebensgefährlich geworden. Zurzeit ist Olivenerntezeit. Die bewaffneten hunderten von Siedler verteilen sich auf alle Dörfer und verbieten die Bauern zu ihren Feldern zu gehen. Sie dürfen die Olivenfrüchte nicht ernten. Sie schießen auf die Bauern, streuen Pfeffergas in die Augen, ja sie schlagen und töten die Bauern. Gestern war ein Mann 19 Jahre alt, in Deir abu Mishaal, von meinem Dorf 12 km entfernt erschossen, in Jabroud sind fünf Männer von den Siedlern mit Eisenstöcke geschlagen und mussten zum Krankenhaus, in Taybeh sind in dieser Woche, die mehr als 300 Olivenbäume abgehackt und in Deir Jrier sind zwei Häuser in Brand gesetzt. Das alles geschieht unter Schutz der Militär. Vor gestern ist Rechtsanwalt Ala Takrouri in Nablos von Siedlern gehalten worden, geschlagen, sein Geld genommen, ihn gefesselt, Kreditkarte genommen, ihn gezwungen das Passwort zu nennen und haben mehrere tausend Schekel abgezogen. Danach gaben sie ihn an die Soldaten und wird nun vor Gericht gehen, es habe die bewaffneten Siedler geschlagen.

Nach der Verhaftung setzt sich die Gewalt in israelischen Gefangenenlagern und Gefängnissen fort. Mehr als 9.100 Palästinenser sind inhaftiert, viele von ihnen ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Administrativhaft. Die Gefangenen leiden unter unmenschlichen Bedingungen. Folter, Aushungern und auch sexuelle Gewalt zeigen, wie sehr die Menschenwürde hier ausgehöhlt wird. Mindestens 102 Palästinenser starben in der Haft. Die meisten Leichname werden nicht übergeben. Insgesamt hält Israel die sterblichen Überreste von etwa 700 Palästinensern zurück; die Angehörigen warten verzweifelt auf eine würdige Beisetzung.

Die wirtschaftliche Lage verschärft das Leid zusätzlich. Über 160.000 Palästinenser hatten eine Arbeitsgenehmigung für Israel; fast alle haben ihre Arbeit verloren, weil sie die Grenze nicht mehr passieren dürfen. Viele Familien verarmen, manche hungern. Israel hält Einnahmen aus Zöllen und Steuern, die es für die Autonomiebehörde erhebt, zurück. Dadurch können die Gehälter im öffentlichen Dienst nicht vollständig ausgezahlt werden. Beamte arbeiten nur noch an drei Tagen pro Woche, Schulen und Behörden sind stark eingeschränkt. Diese gezielte wirtschaftliche Schwächung führt zu Not, Armut und sozialem Zerfall. Viele Familien werden zur Abwanderung gedrängt – eine subtile Form der Vertreibung.

Meine Arbeit mit Jugendlichen in Schulen und mit Frauengruppen geht trotz Straßensperren und Gefahren weiter. Wir stärken uns gegenseitig, achten auf unsere psychische Gesundheit und befähigen uns, füreinander da zu sein. Wir fragen, wie wir mit Kindern über Krieg sprechen können und wie wir mit Traurigkeit, Wut und Angst umgehen. Wir richten den Blick auf Natur sowie kulturelle und soziale Aktivitäten. Wir bleiben im Glauben verwurzelt, aktiv und hoffnungsvoll.

Niemals kann Krieg Probleme lösen oder Sicherheit und Frieden bringen. Niemals kann man mit Gewalt Frieden schaffen. Wir lassen uns nicht beirren. Wir glauben an bessere Zeiten. Diese Überzeugung prägt unsere Friedens‑ und Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Frauen. Wir machen uns gegenseitig Mut und bleiben aktiv – denn nur so können wir überleben und Veränderung bewirken.

Hoffnung ist die Kraft, die uns befähigt, an eine bessere Zukunft zu glauben und für sie zu arbeiten. Sie lässt uns menschlich sein – und bleiben.

Sumaya Farhat-Naser

sumaya@mac.com

Ende Oktober bis Anfang Dezember mache ich eine Vortragsreise in BRD,Schweiz und Österreich.

Bei www.Lenos.ch und bei Berliner Mssionswerk Home Page können Sie das Programm sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

×