Frieren für den Frieden

Ich war schon früher neugierig auf Büchel gewesen, Jahre, bevor der neue Kalte Krieg 2014 begann. Dort sollten ein paar alte Atombomben aus dem alten Kalten Krieg, die seltsamerweise  nicht beseitigt worden waren, unter Aufsicht einer amerikanischen Garnison mehr oder weniger vor sich hingammeln, was die einheimische Bevölkerung offenbar mit gemischten Gefühle aufnahm. So freuten sich die einen über Arbeitsplätze, hieß es, während die anderen sich vor radioaktiver Strahlung fürchteten.

Ich hätte mir gern mal ein Bild gemacht, leider hatte sich aber bisher bei keinem meiner gelegentlichen Ausflüge in die faszinierende Vulkaneifel die Gelegenheit zu einem Abstecher ergeben.

Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Zu meiner ungläubigen Bestürzung wurde der alte Feind aktualisiert, der alte Stützpunkt reaktiviert, und man beschloss, die antiquierten Bomben durch neue, einsatzfähige zu ersetzen. So sah auch ich mich veranlasst, an längst vergangene friedensbewegte Zeiten anzuknüpfen und beteiligte mich in den letzten zwei Jahren wieder an verschiedenen Friedensaktionen.

Und so bin ich am Samstag, den 19. November 2016, im Rahmen einer kleinen Kundgebung  nun doch nach Büchel gekommen.

Um 8:30 stiegen Ariane und ich bei Stefanie in den Wagen, wo wir uns mit diversen mitgebrachten Demo-Utensilien den Platz teilten, und es ging los. Bald schon fuhren wir begleitet von einigen Gesprächen über die politische Lage und anderes durch idyllische Landschaften.

Der Wetterbericht hatte Regen angekündigt. Glücklicherweise beließen es die vielen schwarzen Wolken, unheilschwangeren Wolken, denen wir auf der Fahrt begegneten, aber bei finsteren Drohungen und behielten ihr Wasser bei sich.  Hoffentlich würden sie ihre Haltung nicht ändern!

Als wir endlich in Büchel ankamen, regnete es noch immer nicht, aber es blies ein kalter Wind und durchdrang schnell die Kleidungsschichten. Mir war gar nicht klar gewesen, dass der Stützpunkt auf einer Anhöhe liegt. Fröstelnd aus dem Wagen kletternd fiel mein Blick  auf eine kleine Gruppe von Menschen, vorwiegend Frauen, die bei einem Kreisverkehr vor den Toren des Stützpunktes wartete. Sie trugen Transparente, schwarze Schilder und bunte Friedensfahnen. Wir packten unsere eigene Ausrüstung und gesellten uns unter freudiger Begrüßung zu ihnen.

Eine der Demonstrantinnen trug ein selbstgefertigtes Skelettkostüm. Wenn ich mich davon an Halloween erinnert fühlte, dann noch mehr, als wir die selbstgefertigten weißen Totenkopfmasken überstreiften, welche Ariane für uns mitgebracht hatte. Ein Glück, dass nicht gerade Halloween war, so würde kein Zweifel aufkommen, um welche bösen Geister es hier ging!

Eine Gruppe einheimischer Polizisten sprach uns an und wollte wissen, was genau wir vorhätten. Sollten wir eine Blockade auf der Fahrbahn machen, würden sie sich um uns und die Autos kümmern müssen. Sie schienen erleichtert, zu erfahren, dass wir solches nicht planten, und ließen uns ziehen.

Nun besetzten wir die begrünte Insel des Kreisverkehrs, drapierten unsere Transparente und Fahnen und hofften, bei möglichst vielen der von zwei Straßen einbiegenden Autos Aufmerksamkeit zu erregen. Zu übersehen waren wir sicher nicht!  Welchen Eindruck wir aber genau hinterließen, ist schwer zu sagen – von einigen Fahrern konnte man zustimmende Gesten und Blicke wahrnehmen. Wie das meistens ist, beschloss jedoch der Großteil, uns nicht besonders zur Kenntnis zu nehmen.

Jetzt galt es auszuharren, bis die angekündigte lokale Journalistin käme, etwa für 13 Uhr hatte sie sich angekündigt.  Noch drei Stunden, die es galt, hier den Posten für den Frieden zu halten. Ganz schön lang, wenn man fühlte, wie einem der kalte Wind unter und durch die –  dicke! – Kleidung fuhr und einen das frostige Wesen des Kalten Krieges so richtig anschaulich erleben ließ! Ich ertappte mich bei der  Sehnsucht nach einer heißen Phase in Form einer Thermoskanne mit Kaffee oder, noch besser, Glühwein. Vor allem letzterer hätte unsere Friedensleidenschaft bestimmt so mitreißend gemacht, dass es jeden Autofahrer beeindruckt hätte.

Noch zwei Stunden. Ich ließ mein Schild  los, zog die Totenmaske noch schützender vor mein Gesicht und suchte Windschutz  hinter einem Transparent, während ich schuldbewusst an Sibirien dachte, wo russische und deutsche Soldaten sich einst  durch arktische Verhältnisse gequält hatten, gegen die dies hier eine Saunalandschaft war.  War ich so ein Weichei? Nun würde sich zeigen, wieviel ich als Friedenskämpfer taugte und was mir das Überleben dieser Welt bedeutete. Keinesfalls würde ich als erste aufgeben.

Den anderen ging es auch nicht besser. Wir teilten uns Handschuhpaare, reichten Kalorieneinheiten in Form von Nüssen, Schokolade oder Broten herum, wechselten die Tragehände und unterhielten uns über Politik und andere Themen. Die beiden Kinder veranstalteten Dauerwettrennen um die Kreisverkehrsinsel herum, und einer der vier, fünf männlichen Teilnehmer sang sich frohgemut und ohne Unterbrechung durch sein gesamtes Liederrepertoire, welches mich an fast vergessene Jugendfreizeiten erinnerte.

All das half über die schlimmsten Härten hinweg.

Gegen 12 Uhr zeigte mir eine Teilnehmerin aus Daun die Friedenswiese mit all ihren anschaulichen bis urigen Requisiten vorheriger Kundgebungen. So bekam ich etwas Bewegung, und als das Thema auf die schändlich von Abbau bedrohten Eifelvulkane kam, wurde mir bei dem heißen Thema schon beinahe warm vor Empörung. So verging dann die Zeit doch letztlich schneller als gedacht.

Die Endphase, so etwa als die Journalistin kam, wurde dann noch einmal hart, und ich habe von dem Gespräch mit ihr auch gar nichts mitbekommen. Der eisige Wind legte noch einmal kräftig zu. Aber die anderen hatten nun auch genug, und sobald das Gespräch beendet war, packten wir unsere Sachen zusammen, froh, endlich in die schützenden Autos steigen zu können.

Es dauerte noch  eine Weile bis uns wieder warm war, aber wir waren froh, durchgehalten zu haben. Nicht auszudenken, wenn es in Büchel zu diesem Wind noch geregnet hätte! Dann hätten wir wohl die Friedenswaffen strecken und die Fahnen streichen  müssen. Aber der Himmel hatte es bei drohenden Wolken belassen und gelegentlich sogar die Sonne durchblinzeln lassen. Die Außenpolitik tut das hoffentlich auch.

 

Von Hella Schier.

 

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