Analyse

Guido Grünewald: Bertha von Suttner und die Deutsche Friedensgesellschaft – eine alte und immer noch lebendige Verbindung

Es folgt ein Beitrag von Guido Grünewald zum Seminar „Friends of Bertha“ anlässlich der Feier zum 175. Geburtstag Bertha von Suttners am 9. Juni 2018 in Den Haag.


Eine Friedensorganisation in der „Zitadelle des Militarismus“

Die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) ist 1974 aus dem Zusammenschluss von drei pazifistischen Organisationen entstanden. Die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) ist die älteste dieser Organisationen. Sie verdankt ihre Gründung im November 1892 einer Initiative Bertha von Suttners, die im März 1892 in Berlin einen Vortrag hielt und den damals in Berlin lebenden Alfred Hermann Fried hartnäckig antrieb, gegen alle Widerstände – angesprochene liberale Politiker z.B. reagierten zurückhaltend – die Gründung einer deutschen Friedensorganisation zu betreiben. Dass dies schließlich in Berlin, dieser „Zitadelle des Militarismus“, gelang, war für Bertha von Suttner ein kleiner Triumph.

Bertha von Suttner blieb bis zu ihrem Tod für viele Mitglieder der DFG ein leuchtendes Vorbild. Einerseits durch ihre Beschwörung der Moral und den Appell an Gefühle, um Abscheu vor dem Verbrechen Krieg hervorzurufen, beispielhaft in einem Brief an den Frauenbund der DFG von Juni 1914:

Lassen wir unsere Herzensprechen. Im Namen der Liebe … wollen wir den Krieg bekämpfen; nicht nur, weil ersich nicht mehr auszahlt und daher eine Torheit – sondern weil er grausam unddaher ein Verbrechen ist.

Politische Journalistin vor dem Ersten Weltkrieg

Die Schwarzweißfotographie zeigt eine junge, etwas korpulente, hübsche Frau, die ernst in die Kamera blickt. Sie trägt ein dunkles Kleid mit weiten Ärmeln und eine dunkle Kopfbedeckung mit einer Art schmalen Schleier, der über Hinterkopf und Rücken herabfällt.

Bertha von Suttner (1906). Foto: Carl Pietzner

Gleichzeitig lasen zahlreiche DFG-Mitglieder ihre „Randglossen zur Zeitgeschichte“, die sie zwischen 1892 und 1899 sowie von 1906 bis1914 in den Monatsblättern ‚Die Waffen nieder!‘ und „Die Friedens-Warte“ (beide herausgegeben von Alfred Hermann Fried) veröffentlichte. Dort analysierte sie scharfsinnig Entwicklungen der Gesellschaft und der internationalen Politik und warnte hellsichtig vor den Folgen eines großen Krieges (1. Weltkrieg) für das europäische Gesellschafts- und Mächtesystem. Denn Bertha von Suttner war nicht nur eine unermüdliche Agitatorin und Mahnerin, sie war auch eine ausgezeichnete Journalistin von hoher Sachkompetenz und mit wachem Gespür für das Zeitgeschehen.

Vor allem in den Jahren der Weimarer Republik grenzten sich Teile der deutschen Friedensbewegung von Bertha von Suttner ab. Carl von Ossietzky hat ihr z.B. 1924„Wehleidigkeit“ und „Weltfremdheit“ vorgeworfen und sie als „Priesterin des Gemüts“abgestempelt; er reduzierte Suttner auf die Rolle der moralischen Anklägerin. Seit 1945 genießt Bertha von Suttner in der DFG aber wieder ein hohes Ansehen, und das gilt auch für die heutige DFG-VK.

Warum Bertha von Suttner auch heute von Bedeutung ist

Hier kurz zusammengefasst einige Aspekte, weshalb Bertha von Suttner auch für heutige Aktivist*innen von Bedeutung ist:

Wir schätzen die unermüdliche Agitatorin, die plastisch vor den Schrecken desKrieges warnte und dabei klare, unmissverständliche Worte wie „Mordarbeit“ oder „befohlenes Massenverbrechen“ benutzte. Die moralische Anklage derjenigen, die Kriege vorbereiten, sich für sie rüsten oder Mordwerkzeuge herstellen bzw. verkaufen, ist auch heute noch wichtig; die DFG-VK praktiziert dies aktuell z.B. in Aktionen gegen deutsche Rüstungsexporte.

Wir schätzen die politische Journalistin für ihre oft scharfsinnigen Analysen und Kommentare. Sachkompetent das Zeitgeschehen zu begleiten, auf Konflikte medial deeskalierend einzuwirken und nicht-militärische Alternativen aufzuzeigen, zählt auch heute zu den Aufgaben von Pazifist*innen.

Es gibt eine Reihe von Einsichten und Zielen, die bereits Bertha von Suttner formuliert hat und die auch heute noch auf unserer Tagesordnung stehen:

  • Globale Probleme wie Klimawandel oder die politisch-rechtliche Einhegung der Digitalisierung lassen sich nicht national lösen, sondern nur durch internationale Zusammenarbeit.
  • Ein auf Rüstung und Militärbündnisse gestützter Friede ist nicht dauerhaft. Notwendig ist eine internationale Ordnung, die auf dem Völkerrecht basiert. Dann wäre auch der unerträgliche Zustand beseitigt, dass einzelne Machthaber oder Regierungen eigenständig über Krieg und Frieden entscheiden.
  • Bertha von Suttner hat immer wieder darauf gedrängt, aus der Gewaltspirale auszubrechen. Zu ihren Lebzeiten gab es nur wenige nicht-militärische Mittel der Konfliktschlichtung. Heute ist der Werkzeugkasten für zivile gewaltlose Krisenprävention und Konfliktbearbeitung gut gefüllt. Die Aufgabe besteht darin, dies bekannt zu machen sowie für die Anwendung dieser Instrumente und ausreichende Finanzmittel einzutreten.
  • Frieden ist keine Frage von Klasse oder Geschlecht, sondern ein „Mensch-heitsproblem“ (Gorbatschow). Notwendig ist eine breite Zusammenarbeit Vieler. Suttner vertraute auf die Friedensfähigkeit und die Tatkraft der Individuen. Das Recht auf Leben war für sie „unverletzlich und heilig“,allerdings mit Ausnahme staatlicher Notwehr. Wir teilen diese Positionen, sehen aber im Unterschied zu Suttner in der Kriegsdienstverweigerung ein wertvolles Aktionsmittel gegen Kriegsvorbereitung.

Kultur des Friedens

Bildung und Erziehung waren für Bertha von Suttner ein Schlüssel zum Frieden. Eine Kultur des Friedens zu fördern sowie die Fähigkeit, vom Frieden her zu denken, ist eine Kernaufgabe, die sich die Bertha-von-Suttner-Stiftung der DFG-VK (Gründung 1993) gestellt hat. Themen der letzten Jahre waren beispielsweise „Erinnerungskultur in der Ukraine und in Deutschland“, „Entmilitarisierung des Niederrheins“, „Zivile Lösungen für Syrien“ sowie ein Symposium „Zukunft des politischen Pazifismus“. In Planung ist ein Wettbewerb für Schulen, die den Namen Bertha von Suttner tragen und sich in einem ausführlichen Projekt mit dem Lebenswerk Suttners auseinandersetzen sollen.

Ungeachtet der Größe ihrer Persönlichkeit und Verdienste sollten wir Bertha von Suttner nicht ikonisieren. Held*innen bleiben meist in einer Distanz zu gewöhnlichen Menschen. Werden sie menschlich mit ihren Fehlern, rücken sie dem Publikum deutlich näher. Bertha von Suttner steht mit Alfred Hermann Fried für den Anfang der Deutschen Friedensgesellschaft. Ein Ende ihres Einflusses ist nicht absehbar.

Dr. Guido Grünewald ist internationaler Sprecher der DFG-VK und Friedenshistoriker. Wir bedanken uns für die Möglichkeit zur Veröffentlichung des Textes!