Rede

Wolfgang Uellenberg van Dawen: Zweiter Weltkrieg war ein rassistischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg

von Wolfgang Uellenberg van Dawen.

Vor achtzig Jahren überfiel das von den Nationalsozialisten beherrschte Deutschland Polen und begann damit den Zweiten Weltkrieg. Dieser Zweite Weltkrieg war ein rassistischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg, wie ihn Hitler seit Gründung der NSDAP propagiert und wie ihn die Nazis und ihre Unterstützer seit dem 30. Januar 1933 systematisch vorbereitet hatten. Die Militärs mit dem Aufbau einer gigantischen Kriegsmaschinerie, die Industrie mit einem riesigen Rüstungsprogramm, der Terrorapparat mit Polizei und SS, der jede Opposition erstickte, die Medien mit ihren Lügen. Millionen und Abermillionen Deutscher folgten ihm, befangen im Hitlerkult, indem sie die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden und die Hetze auf alle, die die Nazis in ihrem Herrenmenschenwahn als minderwertig ansahen, aktiv unterstützten oder sie zumindest hinnahmen.

Ein älterer Herr im Poloshirt mit Brille und wenigen kurzrasierten Haaren spricht in ein Mikro.

Dr. Wolfgang Uellenberg van Dawen spricht zum Antikriegstag. Alter Markt, Köln, 31.8.2019. Foto: © Klaus Reinhard Müller (CC BY-SA 4.0).

Die Nazis verfolgten im Wesentlichen zwei Ziele. Das eine war die Unterwerfung Europas und die Versklavung der Völker. Sie wollten sich bereichern und sie auf Dauer ausbeuten. Und damit begannen sie sofort. Sie raubten die besetzten Länder aus, ermordeten wie in Polen die Eliten, verübten vom ersten Tag an Kriegsverbrechen. Im Laufe des Krieges wurden Millionen als Zwangsarbeiter rekrutiert. Millionen Kriegsgefangene verhungerten oder wurden durch Sklavenarbeit in den Tod getrieben.

Am 1. September 1939 begann nicht nur der Zweite Weltkrieg. An eben diesem Tag befahl Hitler den Massenmord an den psychisch kranken Menschen in der Obhut der Heil- und Pflegeeinrichtungen. Und im Zweiten Weltkrieg erleichterten purer Rassismus und Unmenschlichkeit den Nazis die Ermordung von Sinti und Roma, Homosexuellen, Bibelforschern, Zeugen Jehovas, Christen und Widerstandskämpfern aus Deutschland und allen besetzten Ländern.

Denn das eigentliche von den Nazis in aller Offenheit verkündete Ziel war die Vernichtung des in ihren Augen minderwertigen Lebens, aber in erster Linie aller jüdischen Menschen, derer sie habhaft werden konnten. Dieses Ziel haben die Nazis mit Billigung der meisten Deutschen bis in die letzten Tage des Kriegs konsequent verfolgt. Sie haben sechs Millionen Jüdinnen und Juden kaltblütig ermordet – ein in der Geschichte einmaliges Verbrechen! Der Zweite Weltkrieg war wie kein Krieg zuvor ein rassistischer Vernichtungskrieg.

Unsere Botschaft an diesem achtzigsten Jahrestag des Überfalls auf Polen muss sein: die Menschheitsverbrechen des von den Nazis beherrschten Deutschlands dürfen niemals vergessen, verdrängt und relativiert werden! Darin liegt unsere Verantwortung!

Wäre es nach dem Willen der besiegten Deutschen, die die Rache der Sieger fürchteten, gegangen, dann wäre der 8. Mai 1945 zur Stunde Null, zur Stunde des Vergessens geworden. Als amerikanische Truppen im März bzw. April 1945 auch Köln besetzten, waren die Soldaten erschüttert und angeekelt, als fast alle Deutschen, die in der Stadt lebten, ihnen versicherten, nie etwas mit den Nazis zu tun gehabt zu haben.

Sie beteuerten ihre Unschuld, beklagten ihr Leid in den Bombennächten, aus Tätern wurden Opfer,

so die US Journalistin Marta Gellhorn 1944. Lee Miller, die als Kriegsreporterin das zerstörte Köln dokumentiert hat, hielt verbittert fest:

Die Deutschen werfen den Nazis nur vor, dass sie den Krieg verloren haben.

Hannah Arendt klagte Anfang der fünfziger Jahre:

Dieser allgemeine Gefühlsmangel (angesichts der Naziverbrechen), diese Herzlosigkeit, die manchmal mit billiger Rührseligkeit kaschiert wird, ist jedoch nur das auffälligste Symptom einer tiefverwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen.

Vergessen wollen, Verdrängung, Schlussstrichmentalität, Relativierung des Holocaust, Wiedereingliederung von Teilen der Eliten des Dritten Reiches verhinderten eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Über zwanzig Jahre herrschte Schweigen, und es ist mutigen Menschen wie Fritz Bauer, den Prozessen gegen die Täter von Auschwitz, einer anderen Berichterstattung in den Medien und einem Generationswechsel vor 50 Jahren zu verdanken, dass das NS-Unrecht wieder öffentlich, das Bewusstsein für die Verbrechen der Nazis und ihre Ideologie geschärft wurde.

Verdrängen und Vergessen jedoch ermöglichte es den alten und neuen Nazis, die Geschichte umzudeuten. Es ist erschreckend und empörend, mit welcher Selbstsicherheit heute die Propheten des Nationalismus, des Völkisch- Nationalen auftreten und gegen den angeblichen Schuldkult zu Felde ziehen. Wenn es möglich ist, dass sich die braune Pest in blauer Farbe, diese Höckes, Gaulands und Weidels sich wieder so ausbreiten und ihre Propagandisten, anstatt der allgemeinen Verachtung anheimzufallen, sogar noch in Parlamente gewählt werden, dann hat dies seine Ursache auch darin, dass für viele die Geschichte vergangen zu sein scheint und die Maßstäbe eines humanen und demokratischen Gemeinwesens verloren gehen oder offen in Frage gestellt werden. Diese Maßstäbe wurden nach 1945 hier hart erarbeitet, und wir müssen uns ihrer immer wieder versichern.

Und darum sind dieser und alle anderen Gedenktage an das Unrecht der NS-Zeit und die Bewahrung und Aufarbeitung der Zeugnisse wie in unserem NS-Dokumentationszentrum unverzichtbar.

Wenn ich an den Umgang leider allzu vieler Menschen und auch mancher Medien mit den Roma, mit den Muslimen, mit den Schwarzen Menschen, mit den Flüchtlingen und mit den jungen Menschen aus Nordafrika denke, dann höre ich auch wieder die deutschen Herrenmenschen mit ihrer selbstgerechten Moral und Spießigkeit heraus, die alle, die sie als anders empfinden, am liebsten wieder aus dem Lande treiben und abschieben würden.

Und was ist es anders als Ausdruck puren Hasses und tiefer Menschenfeindlichkeit, wenn sich der Antisemitismus wieder im Öffentlichen wie im Privaten breitmacht: im Alltag und in den sozialen Netzwerken mit Hass und Verschwörungstheorien, an vielen Schulen und in der Öffentlichkeit, wo Jude wieder ein Schimpfwort ist, in Überfällen auf Jüdinnen und Juden. Es ist beschämend, wenn die Justiz keinen Weg zu wissen scheint, antisemitische Plakate einer neonazistischen Partei zu ahnden, und es wäre eine Schande für unsere Demokratie, wenn Jüdinnen und Juden aus Furcht vor Verfolgung Deutschland wieder verlassen.

Seitlich im schattigen Vordergrund ein Mann mit Käppi, Sonnenbrille und Gitarre, vor sich ein Mikro, und im sonnigen Hintergrund Zuhörer*innen, der blaue Bulle mit der Aufschrift "Frieden schaffen ohne Waffen" und "DFG-VK", sowie die bunten Fassaden einer großstädtischen, aber kleinteiligen Häuserfront.

Markus Fröhlich singt zur Gitarre bei der Kundgebung zum Antikriegstag. Alter Markt, Köln, 31.8.2019. Foto: © Klaus Reinhard Müller (CC BY-SA 4.0).

Darum haben wir die Verantwortung dafür, Menschenfeindlichkeit entschieden zu bekämpfen. Betroffene wehren sich und mahnen in der Öffentlichkeit. Aber es ist in erster Linie unsere Aufgabe, die Aufgabe der Zivilgesellschaft in Deutschland, Rassismus und Antisemitismus, wo und wie auch immer er auftritt, entschieden entgegen zu treten.

Und wenn wir gegen Hass und Feindbilder im Inneren eintreten, dann gilt das erst recht für das Handeln Deutschlands in der Welt. In allen besetzten Ländern, vor allem in Polen und der Sowjetunion, haben die Verbrechen der Nazis bis heute tiefe Spuren im Gedächtnis der Menschen hinterlassen. Darum muss Deutschland in Europa wieder für Verständigung und Ausgleich sorgen und sich einem neuen Wettrüsten entschieden entgegenstellen. Und auch wir müssen den alten und neuen Bildern vom Feind im Osten entschieden widersprechen.

Es gilt mehr denn je: Haltung zeigen! Informieren, Diskutieren, in die Öffentlichkeit gehen und sich engagieren für den respektvollen Umgang und die Wahrung der Würde des Menschen. Das müssen wir alle tun – heute, hier und jetzt!


Dr. Wolfgang Uellenberg van Dawen ist Historiker und Gewerkschafter. Er engagiert sich als Sprecher des Kölner Runden Tisches für Integration und Vorsitzender des Vereins EL DE Haus.