Kommentar

Stefanie Intveen: Kölner Domwallfahrt „Gib uns Frieden!“ – Ein Glockenschlag für Berlin?

Von Stefanie Intveen. Die heute beginnende und bis Sonntag dauernde alljährliche Kölner Domwallfahrt steht unter dem Motto „Dona nobis pacem!“, bzw. „Gib uns Frieden!“. Als großartiges äußeres Zeichen und in Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren wird dazu der Kölner Dom jeweils ab 20 Uhr mit thematisch passenden Texten angestrahlt.

Die Kölner Dombauhütte beteiligt sich an dem internationalen Projekt Schmieden für den Frieden und stellt am Samstag Nägel mit einer eingestanzten Friedenstaube her, die man kaufen kann. Am selben Tag findet eine ökumenische Friedenstagung im Haus der Evangelischen Kirche in Köln statt: Wir weigern uns, Feinde zu sein! Wie die Eskalation von Gewalt verhindern?

Es ist sehr zu hoffen, dass die vielfältigen Veranstaltungen und Diskussionen rund um das Thema Frieden im Erzbistum Köln einen Anstoß dazu geben, dass sich weitere Persönlichkeiten und Institutionen auch aus der Katholischen Kirche mit neuer Kraft, Mut und Phantasie für eine friedensorientierte deutsche Außenpolitik einsetzen.

Die breit getragene bundesweite Kampagne „Abrüsten statt aufrüsten!“ hat dazu aufgerufen, Anfang November 2018 gegen die schon in Gang gesetzte militärische Aufrüstung zu protestieren. Deutschland hatte 2017 Militärausgaben in Höhe von 43 Milliarden Euro. Dieser schon stark gestiegene Betrag soll weiter drastisch erhöht werden. Die geplante Aufrüstung wird kein einziges Sicherheitsproblem lösen, aber Ressourcen verbrauchen, die benötigt werden, um echte Probleme zu lösen: ökologischer Umbau der Energiewirtschaft, soziale Gerechtigkeit, Teilhabe von Armen und gesellschaftlich Ausgegrenzten sind Stichworte dazu.

Lichtinszenierung von Detlef Hartung und Georg Trenz. Kölner Dom 2018. Copyright: Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte; Foto: Mira Unkelbach

Nach wie vor entwickelt die Bundesregierung keine substanziellen Abrüstungsinitiativen. Deutschland boykottiert sogar den 2017 von einer überwältigenden Mehrheit der Staaten, darunter dem Vatikan, beschlossenen Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen. Gestern vor 35 Jahren ist Mitteleuropa haarscharf der atomaren Vernichtung entgangen. Das allein müsste ausreichen, um den Irrsinn der atomaren Abschreckung zu erkennen und sich diesem Sicherheitsproblem erster Ordnung zu widmen.

Im Syrienkrieg erwogen deutsche Politiker*innen Anfang September sogar, einen hypothetischen völkerrechtswidrigen Angriff der syrischen Armee mit einem ebenfalls völkerrechtswidrigen Angriff der Bundeswehr zu vergelten.

Eine friedensorientierte deutsche und europäische Außenpolitik fällt also nicht vom Himmel. Sie muss – trotz Grundgesetz und Charta der Vereinten Nationen – immer wieder neu erarbeitet, eingeübt und erkämpft werden.

Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki erteilte den Soldat*innen, die am 11. Januar 2018 im Kölner Dom am Internationalen Soldatengottesdienst teilnahmen, keine Absolution für Militäreinsätze. Im Gegenteil: in einer beeindruckenden Predigt zum  biblischen Thema Flucht vor Gewalt und Schutz der Flüchtenden betonte er die Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln – bis hin zur Pflicht der Befehlsverweigerung.

Um wieviel größer als die Verantwortung einzelner Soldat*innen ist die Verantwortung der Regierenden, die Bundeswehrangehörigen vor Situationen zu bewahren, in denen sie unweigerlich in Gewissenskonflikte kommen und vielleicht sogar gegen nationale Gesetze und Völkerrecht verstoßen?

Den Regierenden in Berlin könnte es helfen, einen kräftigen Glockenschlag aus Köln zu hören.