Analyse

Shir Hever: Massaker in Gaza – Machtungleichgewicht geht zurück

Von Shir Hever. Donnerstag, 15. November 2018

Mit dem Verlust von mehr als 250 palästinensischen Zivilist*innen, inklusive Kinder, und mit der Verletzung von Tausenden wäre es zu einfach, erschüttert zu sein und mit blinder Wut oder mit Lähmung zu reagieren.

Wenn wir erschüttert sind, bedeutet das, dass wir überrascht sind. Wir haben gewusst, dass israelische Generäle mit tödlichem Feuer gedroht hatten. Wir erinnern uns an die Massaker in Gaza in 2008 und in 2014. Wir entscheiden uns trotzdem überrascht zu sein, weil die Alternative ist, dass wir die Kriegsgräuel als unabwendbaren Teil der Realität in Israel/Palästina akzeptieren müssten. Niemand will in einer Welt leben, in der Kriegsgräueltaten unabwendbar sind.

Ein junger nachdenklich schauender Mann mit dunklen Haaren und Brille in einem rötlichen Hemd am Tisch sitzend.

Shir Hever am 13.11.2018 bei einem Vortrag in Köln. Foto: Stefanie Intveen.

Palästinenser*innen in Gaza, die am Protest teilgenommen haben, waren aber nicht überrascht. Sie wussten, dass nicht alle vom Marsch zurückkommen würden, und sind trotzdem gegangen. Teilweise auch aus Verzweiflung. Israelische Generäle haben seit zwei Jahren gesagt, dass die israelische Regierung die Palästinenser*innen in Gaza durch die grausame Belagerung bis zur Verzweiflung treibt. Viele Demonstrant*innen haben zwar gesagt „wir haben kein Angst zu sterben. Wenn wir sterben müssen, besser hier mit Würde neben dem Zaun und nicht aufgrund von Krankheit oder Mangel in Flüchtlingslagern“. Die meisten Palästinenser*innen wollen nicht sterben, aber sie verstehen, dass der Weg zur Freiheit schwierig und sehr gefährlich ist.

Ich glaube, die Palästinenser*innen aus dem beengten Raum des größten Freiluftgefängnisses der Welt, haben einen klareren Blick auf die israelische Gesellschaft als die meisten Israelis selber. Mit der Amtniederlegung von Verteidigungsminister Lieberman haben wir alle gesehen, dass sich die Machtungleichheit zwischen dem Staat Israel und den Palästinenser*innen unter Besatzung langsam verkleinert.

Das seit Mai andauernde Freudenfest der israelischen Gesellschaft ist zu Ende gekommen. Es begann mit dem Siebzig-Stunden-Fest für den Staat Israel, siebzig Jahre seit seiner Entstehung. Dann kam plötzlich die Erklärung von Trump, dass er aus dem Nuklearbkommen mit dem Iran austritt. Ein großer Sieg für Netanyahu. Es gab kaum Zeit für eine Party, weil Israel sofort danach die Eurovision gewonnen hatte, und eine neue Feier begann. Noch eine Welle von Festen begann durch die Eröffnung der neuen US-Botschaft in Jerusalem am nächsten Tag.

Und jetzt? Jetzt sprechen die Israelis über die „Demütigung durch die Hamas“. Der Waffenstillstand wird als Niederlage angesehen. In der Phase der Euphorie hat die israelische Regierung schnell undemokratische Gesetze erlassen: das „Nationalitätsgesetz“ und das „Loyalitätsgesetz.“ Die Farce vom „jüdischen und demokratischen Staat“ haben die neue Gesetze beendet, indem sie den Staat Israel als „erst jüdisch, dann demokratisch“ definieren. Als Folge davon mehren sich die Stimmen, die einen Boykottaufruf gegen den Staat Israel unterstützen.

Das politische System in Israel ist von Euphorie abhängig geworden. Es ist nicht bereit, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden. Die Wahrheit ist, dass Jüd*innen in Palästina nicht mehr die Mehrheit ausmachen. Die internationale Gemeinschaft schweigt nicht mehr vor dem Hintergrund israelischer Kriegsverbrechen. Die israelischen Streitkräfte sind nicht mehr eine anspruchsvolle Armee, sondern eine koloniale Polizeikraft, betrunken von der eigenen Macht, aber voller Angst davor, mit echten Herausforderungen konfrontiert zu werden.

Vor kurzem sagte ein israelischer General:

Die Hamas hat unserer ‚Hasbara‘ [Propaganda] einen Knockout gegeben.

Er irrt. Das war nicht die Hamas. Es waren die Palästinenser*innen und wir alle.


Dr. Shir Hever ist Korrespondent von The Real News Network und forscht zu politökonomischen Themen, darunter dem globalen Waffenhandel, der Sicherheits- und Rüstungsindustrie, der israelischen Besatzung der Palästinensischen Gebiete. Er ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e. V. 

Er war kürzlich zu einem Vortrag über Gaza in Köln. 

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