Stefanie Intveen: „Drohnenkrieg in Berg-Karabach kein Argument zur Bewaffnung von Bundeswehr-Drohnen“

Wir veröffentlichen einen Leserbrief zu dem am 11.12.2020 im Kölner Stadtanzeiger erschienener Artikel von Matthias Koch “Alarm, die Drohnen kommen” über den Drohnenkrieg in Berg-Karabach. #Drohnendebatte


Von Stefanie Intveen, Köln. Gründlich misslungen ist der Versuch von Matthias Koch, den Sieg der aserischen Armee über das Militär in Berg-Karabach, der durch den Einsatz militärischer Drohnen türkischer und israelischer Herkunft erzielt wurde, zu einem Argument für die Bewaffnung der Bundeswehr mit Kampfdrohnen zu verwenden.

Denn erstens beruht der Artikel auf einer abstoßenden Verharmlosung des Krieges. Der Titel „Alarm, die Drohnen kommen“ klingt wie der Name eines Gesellschaftsspiels. Die Beschreibung der Kriegsrealität aus Sicht armenischer Kriegsteilnehmer lässt im Kopf zwar das Bild von Soldaten, die im Wald ihre toten Kameraden begraben, entstehen, nicht aber das Bild davon, was High-Tech-Waffen wirklich menschlichen Körpern antun. Ein Krieg ist und war auch nie „elegant“, wie Koch schreibt. Deshalb empfahl der von ihm zitierte Stratege Sun Tzu nicht nur Kriegsmethoden ohne eigenen Kampfeinsatz, sondern warnte vor dem Krieg an sich.

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren und Brille spricht vor einem halbverdeckten Transparent in ein Mikro. Sie trägt eine dunkelblaue Daunenjacke mit Fellkragen, einen hellen Schal und dunkelblaue Handschuhe und hält ein blaues Heft in der Hand.

Stefanie Intveen bei der Kundgebung „Abrüsten statt aufrüsten!“ am 5.12.2020 auf dem Roncalliplatz in Köln. Foto: Holger Buhr

Zweitens suggeriert Koch, die NATO-Länder seien überrascht, und der Krieg in Berg-Karabach löse eine Neuausrichtung der NATO-Strategie und -Rüstung aus. Er unterschlägt, dass die USA führend in der Entwicklung und dem Einsatz militärischer Drohnen sind, dass weitere NATO- Länder längst militärische Drohnensysteme im Kriegseinsatz haben, Erfahrungen damit sammeln und an der Vernetzung der Waffensysteme unter Nutzung Künstlicher Intelligenz arbeiten. Deutschland hat militärische, unbewaffnete Drohnen im Afghanistan-Krieg eingesetzt. Jetzt treibt es gemeinsam mit Frankreich die Entwicklung der futuristischen High-Tech- Angriffsmaschinerie „Future Combat Air System“ (FCAS) voran, die Drohnen und Drohnenschwärme mit konventionellen Waffensystemen verbinden soll.

Drittens beschreibt Koch einen Angriffskrieg mit Drohnen. Damit nimmt er den Befürwortern der Bundeswehr-Drohnen ihr zentrales Argument: dass die Bundeswehr diese nur „zum Schutz deutscher Soldaten“ benötige. Norbert Walter-Borjans, Whistleblower aus dem US- Drohnenkrieg und Friedensorganisationen haben Recht: Drohnen sind Angriffswaffen, tragen in militärischen Konflikten zur Eskalation bei und treiben die Abkopplung der Waffensysteme von menschlichen Entscheidungen voran. Wollen wir wirklich eine Welt, in der Roboter gegen Roboter kämpfen? Der Vizepräsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Generalleutnant a. D. Kersten Lahl meint dazu:

Wir brauchen ein neues Verständnis im internationalen Bereich, ein neues Verständnis gemeinsamer Sicherheit, um die Gefahren für alle beherrschen zu können. Das klingt (…) noch futuristischer vielleicht als die KI selbst. Aber es ist vielleicht unser einzig gangbarer Weg in die Zukunft.

Anders als Koch glauben machen will, geht es um mehr als einen innenpolitischen Machtkampf: es geht darum, den Begriff der gemeinsamen Sicherheit aller Menschen wieder ins Zentrum der Politik zu stellen und zu verstehen, dass das Ressourcen verschlingende Unternehmen Krieg keinen Platz auf der dicht besiedelten Erde hat. Es gibt keinen Planeten B.

Quelle:
Generalleutnant a. D. Kersten Lahl, Vizepräsident der GSP. Es handelt sich um die Schlussfolgerung von Überlegungen zur zunehmenden Nutzung von Künstlicher Intelligenz in militärischen Systemen (Vortrag vom 26.11.2020): „
(…) als Versuch einer Problemlösung bleibt wohl nur (…), die Attraktivität [der KI für militärische Zwecke] zu versuchen zu schmälern. (…) Es ist vor allem ein verdammt dickes Brett. Denn dazu brauchen wir eine neue Sicherheitskultur. Wir brauchen ein neues Verständnis im internationalen Bereich, ein neues Verständnis gemeinsamer Sicherheit, um die Gefahren für alle beherrschen zu können. Das klingt, das weiß ich sehr wohl, wie ein Weckruf, und es klingt noch futuristischer vielleicht als die KI selbst. Aber es ist vielleicht unser einzig gangbarer Weg in die Zukunft.“

ab 26’03’’ hier: https://www.youtube.com/watch?v=jh8eK6ZkM0E&feature=youtu.be

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