Harald Fuchs an Oberbürgermeisterin Reker zur Städtepartnerschaft Köln-Wolgograd: „Was aufs Eis gelegt wird, kann auch einbrechen und untergehen.“

Wir dokumentieren einen Offenen Brief von Harald Fuchs an die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und die Fraktionen des Kölner Stadtrats vom 4.3.2022 zur Diskussion um die Städtepartnerschaft Köln-Wolgograd


Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

Sehr geehrte Damen und Herren,

als seinerzeit von der Stadt bestelltes Mitglied des damaligen Gründungsvorstandes des Partnerschaftsvereins Köln-Wolgograd und einer der Initiatoren des Zwangsarbeiterprojektes wende ich mich an Sie.

Wie die große Mehrheit unseres Volkes bin ich entsetzt über den völkerrechtswidrigen Aggressionskrieg der russischen Regierung gegen die Ukraine.

Mein Mitgefühl und meine Solidarität gilt den Opfern dieses Krieges in der Ukraine und unter den russischen Soldaten, die in diesen Krieg gezwungen und manipuliert wurden sowie denjenigen, die mutig innerhalb Russlands gegen diesen Krieg protestieren.

Es ist das Innere einer runden Halle zu sehen, deren Wände in rot-goldenem feinen Mosaik gestaltet sind und in die zahlreiche Fahnen eingearbeitet sind, auf denen Tausende Namen der in der Schlacht von Stalingrad gestorbenen Menschen stehen. Im Vordergrund fällt der Blick auf eine mehrere Meter hohe Hand aus hellem Stein, welche aus dem dunklen Steinboden, der ein Grabmal andeutet, emporragt und ein schmales hohes Gefäß mit der Ewigen Flamme trägt. Auf dem Boden liegen Grabkränze und frische Blumen. Zwei Soldaten halten Wache.

Die Ewige Flamme in der Wolgograder Kriegsgedenkstätte Mamaev Kurgan. Foto vom 14.8.2004: Mariluna, CC BY-SA 3.0.

Die berechtigte Empörung über diesen verhängnisvollen Schritt der russischen Regierung darf jedoch nicht dazu führen, alles Russische und alle Russen für böse und schlecht zu halten und so die nicht tilgbare deutsche Schuld an den unvorstellbaren Verbrechen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Völker der damaligen Sowjetunion und insbesondere auch Russlands verdrängen und vergessen zu wollen.

Das bürgerschaftliche, ehrenamtliche Engagement im Rahmen des Städtepartnerschaftsvereins Köln-Wolgograd hat zur Versöhnung und Vertrauensbildung zwischen russischem und deutschem Volk beigetragen und so auch einen Beitrag geleistet, die deutsche Wiedervereinigung erst zu ermöglichen, die es ohne den Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR nie hätte geben können.

Wenn die Städtepartnerschaft Köln-Wolgograd auf Eis gelegt wird, so trifft das nicht die russische Regierung und auch keine Oligarchen, sondern vielfältige Kontakte und Verbindungen, die zwischen Bürgern unserer Städte entstanden sind.

Ich befürchte, dass ein solcher Schritt es Herrn Putin erleichtern wird, seine Kriegspropaganda gegen den „feindseligen Westen“ zu betreiben und die in jedem Krieg zu beobachtende Tendenz fördert, dass sich das Volk hinter seiner Regierung sammelt. Denjenigen, die innerhalb Russlands gegen den Krieg und für Wiederherstellung des Friedens sowie für eine wahrheitsgetreue Information der russischen Bevölkerung arbeiten, wird durch einen solchen Schritt das Leben schwerer anstatt leichter gemacht.

Sie werden also voraussichtlich mit einer Entscheidung gegen die Städtepartnerschaft Köln-Wolgograd das Gegenteil Ihrer guten Absichten erreichen.

Zugleich macht es mich sehr besorgt, wenn im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen demokratische Errungenschaften innerhalb Deutschlands in Richtung auf ein autoritäres Durchregieren verändert werden.

Die Einrichtung der Städtepartnerschaft erfolgte in einem breiten Konsens durch einen Beschluss des Kölner Stadtrates und auf der Grundlage bürgerschaftlichen ehrenamtlichen Engagements. Diese Städtepartnerschaft soll nun durch einen Mehrheitsbeschluss unter Aufgabe des zuvor bestehenden Konsenses und ohne Einbeziehen der engagierten Bürger auf Eis gelegt werden, wie ich aus der Zeitung (Kölner Stadt-Anzeiger vom 4.3.2022, S. 1) erfahren musste.

Dies ist auch ein Schlag gegen die langjährig engagierten Kölner Bürger, deren Engagement ohne vorherige Diskussion (sowohl im Stadtrat als auch im betroffenen Partnerschaftsverein) für unerwünscht erklärt wird. Wie will die Stadt Menschen für bürgerschaftliches Ehrenamt gewinnen, wenn dann in dieser autoritären Weise damit umgegangen wird?

Des weiteren wäre zu fragen, wann und wie die Städtepartnerschaft mit Wolgograd wieder zu Leben erweckt werden kann, wenn sie in dieser Weise wie geplant einseitig „auf Eis gelegt“ wird. Was aufs Eis gelegt wird, kann auch einbrechen und untergehen. Bitte bedenken Sie bei Ihrer Entscheidung, dass Russland nicht von der Landkarte verschwinden wird. Auch auf Dauer wird ein Frieden in Europa nur unter Einschluss Russlands möglich sein.

Frieden schließt man stets mit Feinden.

Ich bitte Sie, Ihre Entscheidung auch auf dem Hintergrund der im Stadtrat fälligen Diskussion sorgfältig und unter langfristigen Gesichtspunkten zu überdenken.

Mit besorgten Grüßen
(Harald Fuchs)


Harald Fuchs ist Mitglied der DFG-VK Gruppe Köln, die er lange Jahre bis 2018 als Sprecher leitete, und war am Aufbau des Friedensbildungswerks Köln beteiligt. Er arbeitet als Diplom-Psychologe und Psychotherapeut in Köln.

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